Kinofilm über NS-Prozesse Auschwitz? Nie gehört.

Die Wirtschaft boomt, was kümmern uns die toten Juden? Der deutsche Kinofilm "Im Labyrinth des Schweigens" erzählt erschütternd genau von der Verdrängung des Holocaust im Nachkriegsdeutschland.


Die historische Stunde schlägt spät, sehr spät. Im Frankfurter Römer beginnen im Dezember 1963 die Auschwitzprozesse. Fast 19 Jahre nach der Befreiung des Lagers durch die Rote Armee. 22 Aufseher, Blockführer, Ärzte werden angeklagt, 360 Zeugen vernommen, im bis heute größten Strafprozess der deutschen Nachkriegszeit.

Die Verhandlungen selbst spart der Regisseur und Autor Giulio Ricciarelli in seinem Spielfilmdebüt "Im Labyrinth des Schweigens" aus, ihn interessieren jene fünf Jahre, die dem Prozessauftakt vorangingen. Ricciarellis Film taucht ein in die patriarchale, vordergründig arglos fidele Zeit des Wirtschaftswunders. Vico Torriani flötet Schlager, Frauen tragen Dauerwelle und Petticoat zur Cateye-Brille und gehen nur arbeiten, wenn der Gatte es erlaubt.

Fotostrecke

7  Bilder
"Im Labyrinth des Schweigens": 8000 mögliche Täter
In dieser Zeit, dem Jahr 1958, verhandelt der junge Staatsanwalt Johann Radmann (Alexander Fehling) am Frankfurter Gericht Verkehrsdelikte. Die Chance auf Meriten bietet sich, als ein "Frankfurter Rundschau"-Journalist (André Szymanski) im Justizgebäude erscheint. Ein Gymnasiallehrer sei als KZ-Aufseher erkannt worden, schmettert er den versammelten Rechtsdienern entgegen. Ob das jemanden interessiere? Kopfschütteln.

Nichts will man wissen von den Schatten der Vergangenheit, von Schuld oder Sühne. "Dieses Land will Zuckerguss", stellt ein Überlebender resigniert fest. Kanzler Adenauer propagiert eine "Schlussstrich"-Mentalität. Die spontane Befragung des "FR"-Reporters im Gerichtsgebäude fördert für heutige Ohren Unfassbares zutage. Auschwitz? Nie gehört. Die Alten verdrängen, die Jungen fragen nicht nach. Ein amerikanischer Major rät zum Umdenken, die Sowjets seien der neue Feind. Überall Lügen, überall Schweigen.

Nur Generalstaatsanwalt Fritz Bauer (Gert Voss) unterstützt den jungen Kollegen, er beauftragt Radmann mit Ermittlungen. Das Ziel: ein Verfahren gegen die Täter aus der Mitte der Gesellschaft, als Pendant zu den Nürnberger Prozessen. Klar ist: Mörder werden gesucht, alle anderen Verbrechen sind verjährt.

"Haben Sie Straftaten beobachtet?"

Das Ausmaß seines Unterfangens begreift Radmann bald. 8000 SS-Männer in Auschwitz bedeuten 8000 potenzielle Täter. Als er die ersten Zeugen vernimmt, Überlebende, offenbart seine Eingangsfrage die eigene, himmelschreiende Ahnungslosigkeit: "Haben Sie Straftaten beobachtet während Ihres Aufenthalts im Lager?"

Die Vernehmung der Opfer gehört zu den stärksten Momenten des Films, weil sie reduziert inszeniert ist. Die Aussagen bleiben vom Zuschauer ungehört, er blickt auf sich hastig bewegende Lippen, auf weit aufgerissene Augen, das eifrige Kritzeln der Protokollantin, ihre fassungslosen Blicke. Die Tonspur liefert sakralen Chorgesang. Das Grauen von Auschwitz vermittelt sich hier nur durch das Wissen des Publikums.

"Im Labyrinth des Schweigens" wagt einen mutigen Zugriff auf sein Thema. Der Film changiert zwischen verbürgtem Stoff und Fiktion, zwischen historischem Drama und Thriller. Der Reporter Gnielka ist eine historische Figur, ebenso der Staatsanwalt Fritz Bauer, der, wenn auch in der Öffentlichkeit wenig bekannt, zu den ganz großen Persönlichkeiten der Nachkriegsgeschichte gehört.

Radmann hingegen hat sich das Autorenteam Elisabeth Bartel und Guilio Ricciarelli ausgedacht. Er bietet vor der Folie der wahren Ereignisse Raum für eigene Akzente. Und diese sind klug gewählt. Denn Johann Radmann, Jahrgang 1930, ist ein smarter, doch keineswegs strahlender Held. Über die Nazi-Gräuel empört er sich mit etwas zu viel Selbstgerechtigkeit.

Überzeugt davon, Verbrechen durch Bestrafung vergelten zu können, verrennt sich Radmann in seiner Arbeit. Er ist fixiert auf die Ergreifung des Lagerarztes Josef Mengele, dessen Experimente den Anwalt bis in den Schlaf verfolgen. Mengele müsse man fassen, so Radmann, "der ist Auschwitz". "Nein", entgegnet Fritz Bauer entwaffnend klar, "alle, die mitgemacht haben, die nicht Nein gesagt haben, die sind Auschwitz."

Ricciarellis Film will erinnern an eine Phase kollektiver Verdrängung. In gleichem Maße möchte er unterhalten, entspinnt eine Liebesgeschichte um Radmann. Manchmal scheint das Licht arg warm, mitunter nerven die obligatorischen Streicher. Selten vergreifen sich die Autoren im Bild, etwa wenn der einstige SS-Mann von der Auschwitz-Rampe ausgerechnet in jenem Moment festgenommen wird, als er seine Gymnasialschüler in zwei Gruppen einteilt.

Doch diese Makel verblassen angesichts der Figuren und ihrer Darsteller. Alexander Fehling, dessen Karriere mit dem Auschwitz-Film "Am Ende kommen Touristen" begann, spielt seinen Radmann divers, als Sonnyboy und Ehrgeizling. Allen voran aber überragt Gert Voss in einer seiner raren Kinorollen, zugleich der letzten. Mit wenigen Worten und grandios präzisen Blicken verleiht er Fritz Bauer staatsmännische Noblesse, zwischen Unerbittlichkeit und leiser Milde liegen bei ihm mimische Nuancen. Allein, dass ein solcher Schauspieler Teil des Ensembles sein wollte, adelt diesen Film.

Im Labyrinth des Schweigens

D 2014

Regie: Giulio Ricciarelli

Buch: Giulio Ricciarelli, Elisabeth Bartel

Darsteller: Alexander Fehling, Gert Voss, Friederike Becht, Johann von Bülow, Robert Hunger-Bühler, Johannes Krisch, Lisa Martinek, Lukas Miko

Produktion: Uli Putz, Jakob Claussen, Sabine Lamby

Verleih: Universal Pictures Germany

Länge: 122 Minuten

Start: 6. November 2014

Mehr zum Thema
Newsletter
Neu im Kino: Tops und Flops


© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.