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Künstler-Liebesdrama in Paris: Männer kneifen, Frauen reifen

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Kino-Drama "Im Schatten der Frauen": Glück gehabt, Idiot! Fotos
Schwarz-Weiss

Die Lüge der Boheme: In dem Beziehungsdrama "Im Schatten der Frauen" bringt der französische Altmeister Philippe Garrel Betrug und Gegenbetrug eines Künstlerpaares auf den Punkt.

Kennen Sie das Lächeln des Idioten? Es ist das Lächeln eines Mannes, der nach einigen selbst verursachten Turbulenzen eine Frau in die Arme schließen darf und sich beim besten Willen nicht erklären kann, womit er dieses Glück verdient hat.

In der Bohemienbeziehungskiste "Im Schatten der Frauen" breitet sich dieses Echt-jetzt?-Lächeln in einer Szene auf dem Gesicht von Pierre (Stanislas Merhar) aus. Der Dokumentarfilmregisseur ist sonst nicht so sehr der Typ, der fröhlich guckt. Der Scheitel ist meist grimmig zerzaust, der Schmerz der Menschheit auf die schmalen Schultern geladen, der Blick stur aufs endlose aktuelle Filmprojekt gerichtet - so zieht Pierre seine Runden durch Paris.

Seit sehr langer Zeit sitzt der Filmemacher nun schon an einer Dokumentation über einen alten Mann, der aufwühlende Geschichten von der Résistance erzählt. Manchmal kommen Pierre bei den langen Interviewsessions die Tränen, zum Glück hält dann stets Freundin Manon (Clotilde Courau) seine Hand. Manon ist eigentlich immer da; sie schnippelt Pierre sein Abendbrot, sie schneidet ihm auch seine Filme.

Das soll ja in den besten Bohemekreisen vorkommen: Während man in seinem künstlerischen Schaffen nach Kompromisslosigkeit strebt, gerät das echte Leben zum faulen Kompromiss. Möglicherweise erzählt der große alte französische Regisseur Philippe Garrel in seinem neuen Werk auch ein bisschen aus seinem eigenen Leben. Kompromisse hat er bei seiner Arbeit jedenfalls nie gemacht.

Lust am Streit, Wille zum Stil

Garrel, 67, ist ein artist's artist. Ein Künstler, der von anderen Künstlern geschätzt wird; kommerzieller Erfolg blieb bei ihm weitgehend aus. In den Siebzigerjahren war er mit der heroinabhängigen, ewigen Schwanensängerin Nico liiert. Seine Filme handeln von Liebe, Drogen und vom Filmemachen selbst, nicht selten von allem zusammen. Dem Chaos rang Garrel oft eine frappierend klare Bildsprache ab, die Lust an der Kontroverse ging bei ihm immer zusammen mit dem Willen zum Stil.

So ist es jetzt auch bei "Im Schatten der Frauen". Gedreht wurde in Schwarz-Weiß auf 35-mm-Cinemascope - ein extrem teures Verfahren, durch das sich der Indie-Sturkopp Garrel mit seinem kleinen Budget gezwungen sah, intensiv mit den Darstellern zu proben, um dann jede Szene in einem Take aufnehmen zu können. Hinter der Kamera stand der Veteran Renato Berta, der die schönsten, weil beweglichsten Filme aus den mittleren Phasen von Jean-Luc Godard ("Rette sich, wer kann - das Leben"!) und Éric Rohmer ("Vollmondnächte") gefilmt hat.

Kameramann Berta sorgt nun auch dafür, dass in das anfänglich bewusst statisch inszenierte Beziehungsstück von Garrel Bewegung kommt - und die beinahe gefrostet anmutende Künstler-Symbiose von Pierre und Manon in Fluss gerät. Etwa, wenn die beiden in einer langen Kamerafahrt die Einkäufe nach Hause tragen und dabei grausame Wahrheiten über Liebe und Arbeit aussprechen. Oder wenn Pierre der jungen Archivarin Elisabeth (Lena Paugam) in einer ebenso langen Kamerafahrt dabei hilft, eine Karre mit Filmdosen zu schieben.

Später landet er dann bei ihr im Bett. Natürlich nicht, voll ehrlich, ohne ihr zuvor erklärt zu haben, dass er mit einer anderen liiert sei. Dann kokettiert der Typ auch noch mit seinem Alter und redet sich selbst ein: "Ich kann nichts dafür, dass ich ein Mann bin."

In vielerlei Hinsicht wirkt das Midlife-Drama aus Paris wie eine Espressovariante des Chai-Latte-Lebenskrisenszenario "Gefühlt Mitte Zwanzig", in dem Ben Stiller als chronisch erfolgloser Dokumentarfilmer neue Hüte und neue Freunde ausprobiert. Doch während "Mitte Zwanzig"-Regisseur Noah Baumbach das emotionale Zentrum ganz um Stillers tragikomisches Knautschgesicht baut, gelingen Garrel in seinem so unaufgeregt daherkommenden Liebesfilm spektakuläre Perspektivwechsel.

Grandios etwa, wie in der Mitte von "Im Schatten der Frauen" auf einmal die Archivarin Elisabeth den Blick auf das Geschehen bestimmt. Ausgerechnet sie findet heraus, dass die betrogene Frau ihres älteren Liebhabers diesen selbst betrügt. Statt sich zu freuen, dass es eine Art libidinösen Ausgleich gibt, fühlt sie sich "beschmutzt" in ihrer Liebe zu Pierre.

Wie bei den Filmen von Éric Rohmer und François Truffaut, von denen Garrel den Kniff übernommen hat, eine neutrale Off-Stimme das zuweilen komplizierte Geflecht aus Betrug und Gegenbetrug zu beschreiben, erweisen sich die Frauen als stärkeres und, wichtiger, als spannenderes Geschlecht. Während er vor der (beschränkten) Komplexität der eigenen Gefühlswelt kapitulieren muss, wächst sie an den moralischen Verwerfungen und amourösen Verletzungen. Männer kneifen, Frauen reifen. Ein glücklicher Idiot, wer in ihrem Schatten Schutz findet.

Im Video: Der Trailer von "Im Schatten der Frauen"

"Suffragette - Taten statt Worte"

UK 2015

Regie: Sarah Gavron

Drehbuch: Abi Morgan

Darsteller: Carey Mulligan, Anne-Marie Duff, Helena Bonham Carter, Ben Wishaw, Meryl Streep

Produktion: Ruby Films, Pathé, Film4 et al.

Verleih: Concorde

Länge: 106 Minuten

FSK: 12 Jahre

Start: 4. Februar 2016

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insgesamt 3 Beiträge
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1.
AliceAyres 28.01.2016
Das klingt nach geschwätzigem Beziehungsfilm in bester französischer Tradition. :-) Auch wenn Meister Rohmer vermutlich nicht erreicht wird. Nachdem die Kritiken in Frankreich letztes Jahr schon so positiv waren, werde ich mir den Film auf alle Fälle anschauen. Gut auch, dass Garrels ansonsten omnipräsenter Sohn aufgrund seines für eine midlife crisis vermutlich zu niedrigen Alters diesmal nicht besetzt wurde.
2. Prägungen!!!
spontanistin 28.01.2016
Jeder Mann ist zunächst auch einmal das Produkt der Prägungen und Konditionierungen der frühen Kindheit - meist durch eine starke Frau wie die eigene Mutter. Gilt auch für die auffälligen Nordafrikaner!
3.
murksdoc 28.01.2016
Das "L'ombre des femmes" "Der Schatten der Frauen" heißt und nicht "Im Schatten der Frauen" mag für Sie ein marginaler Unterschied sein, der Ihnen dazu dient, die doppeldeutige Aussage "Männer kneifen, Frauen reifen" semantisch zu untermalen. Für mich ist dieser Unterschied in etwa vergleichbar mit demjenigen zwischen "Das Herz der Finsternis" und "Im Herzen der Finsternis". Der Grund könnte auch darin liegen, dass "Der Schatten der Frauen" ebenfalls eine doppeldeutige Aussage ist, die möglicherweise vom Autor gewollt ist, aber Ihnen nicht passt. Denken Sie aber bitte daran, dass Sie ein Werk nach dem Beeinträchtigungsverbot des Urheberrechtes weder "verzerren", noch dessen "Wesenszüge verfälschen" dürfen. Das ist bei einer sinnesentstellenden Falschübersetzung des Titels durchaus gegeben.
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