Ben Stiller in der Midlife-Crisis Ich glaub, ich bin im falschen Leben

Meine Freunde, ihre Karrieren und ich: Im Kinofilm "Im Zweifel glücklich" arbeitet sich Ben Stiller als Endvierziger am Erfolg der anderen ab. Eine Midlife-Crisis, so traurig, so komisch wie das wahre Leben.

Weltkino

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Der Mund geöffnet, die Kiefer zusammengedrückt. Der typische Ben-Stiller-Gesichtsausdruck scheint ein einziger Widerspruch. Die Klappe steht offen, weil die Figuren, die der Schauspieler verkörpert, nicht aus dem Staunen darüber herauskommen, welche absurden Demütigungen das Leben für sie parat hält. Die Kiefer malmen, weil Stillers Antihelden stets angestrengt darüber sinnieren, mit welchen Tricks sie ihrem trostlosen Dasein doch noch ein Schnippchen schlagen können. Ein vergebliches Unterfangen.

Stiller, 52, hat aus einer schlichten Erkenntnis eine große schillernde Filmkarriere gemacht: Da ist kein Ausweg aus der tragikomischen Mittelmäßigkeit, nirgends.

Nicht in "Verrückt nach Mary" (1998), wo der Stiller-Charakter statt im Bett mit seiner großen Liebe in den Armen eines Dreizentner-Sträflings hinter Gittern aufwacht. Nicht in "Meine Frau, ihre Schwiegereltern und ich" (2004), wo er mit ansehen muss, wie sein Vater vor dem Schwiegervater mit stolzgeschwellter Brust auf die Sporturkunden des Sohnes mit den letzten Plätzen zeigt, als wären das Goldmedaillen. Und erst recht nicht in "Gefühlt Mitte Zwanzig" (2014), wo ihn auf grausame Weise die Gewissheit heimsucht, dass ein keckes Pepitahütchen aus einem deprimierten Doku-Filmemacher keinen coolen Studenten macht, sondern einen Deppen.

Pures, wahres, trauriges Leben

Dass sich die Zeit nicht zurückdrehen lässt, muss jetzt auch der Stiller-Charakter in seinem neuen Kinofilm "Im Zweifel glücklich" schmerzlich erkennen: Als Brad Sloan, Ende 40 und Besitzer einer Zwei-Mann-Non-Profit-Firma in Sacramento, mit seinem Sohn Troy (Austin Abrams) an die Ostküste reist, um sich Universitäten anzugucken, werden Erinnerungen an verpasste Möglichkeiten wach.

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Ben-Stiller-Film "Im Zweifel glücklich": Pures, wahres, trauriges Leben

Sloan beschreibt sich selbst als "umgeben von Mittelmäßigkeit und Beta-Männchen". Doch der Sohn hat gute Chancen, auf dem Elite-College Harvard aufgenommen zu werden, und der Vater projiziert auf einmal seine alten Alpha-Ambitionen auf ihn.

Und genau dieser Vorgang bringt den eigentümlichen Zauber des Midlife-Crisis-Films "Im Zweifel glücklich", der für ein Drama zu salopp und für eine Komödie zu ernst ist, auf den Punkt: Ständig erkennen sich hier die Menschen im Spiegel der anderen, und was sie da sehen, ist nicht schmeichelhaft, manchmal gar bedrohlich. Vor allem Sloan läuft Gefahr, im Blick auf die anderen sämtliches Selbstwertgefühl zu verlieren.

Im Bett verfolgen ihn Visionen vom Erfolg seiner einstigen College-Freunde: vom Unternehmerstar, der mit seiner wunderschönen Familie im Privatjet um die Welt fliegt. Vom Politikberater, der im Weißen Haus ein und aus geht und in jedem Restaurant den besten Tisch bekommt. Vom reichen Aussteiger, der auf Hawaii mit zwei Strandschönheiten zusammenlebt. Der Dreier ist nun mal der unkaputtbare Kopfkinoklassiker von Jungs aller Generationen.


"Im Zweifel glücklich"
USA 2017
Buch und Regie: Mike White
Darsteller: Ben Stiller, Jenna Fischer, Austin Abrams, Michael Sheen, Luke Wilson, Jemaine Clement, Shazi Raja, Luisa Lee
Produktion: Sidney Kimmel Entertainment, Plan B, Amazon Studios
Verleih: Weltkino Filmverleih
FSK: 0 Jahre
Länge: 101 Minuten
Start: 29. März 2018


Meine Freunde, ihre Karrieren und ich: Die abstrus zugespitzten Traumsequenzen aus Sloans schlaflosen Nächten sind schöne komische Momente. Doch richtig zur Sache geht es in "Im Zweifel glücklich" erst, als die Projektionsmechanismen in eine andere Richtung gelenkt werden - als das junge Umfeld ihre eigenen Träume im alten Gegenüber prüft. Da ist der Film von "School of Rock"-Autor und -Regisseur Mike White definitiv keine Komödie mehr, sondern pures, wahres, trauriges Leben.

Etwa die Szene, als Sloan in Boston eine alte Schulfreundin seines Sohnes trifft: Am Anfang ist die junge Frau ganz begeistert von seiner Non-Profit-Firma, bis in herbeigetrunkener Offenheit sein verdrängter Egoismus hinter dem Altruismus aufblitzt. Eine lakonisch ausgespielte Szene, in der sich nach und nach Sloans Lebenskrise offenbart. Aber genau in solchen Momenten stellt sich auch eine nachhaltige Dynamik ein, die den Antihelden langsam aus seiner passivaggressiven Grundstimmung befördert.

Denn in diesem kleinen Meisterwerk variiert Ben Stiller nicht nur seine Paraderolle, sondern entwickelt sie weiter. Lief die Rolle des ewig mit der Welt unversöhntem, älteren Jungen zuletzt in der Netflix-Produktion "The Meyerowitz Stories" von seinem Hausregisseur Noah Baumbach ins Leere, ringt ihr Stiller "Im Zweifel glücklich" neue, positive und vor allem glaubhafte Wendungen ab. Eben weil seine Figur in der Spiegelung seines Umfelds wirklich irgendwann sich selbst erkennt. Versöhnt mit der Mittelmäßigkeit, endlich.

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insgesamt 2 Beiträge
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germanico 26.03.2018
1. Dämlicher Titel
Was war an dem Original-Titel („Brad‘s Status“) so unverständlich, dass er so dämlich eingedeutscht werden musste? Die Filmkritik geht an der Kernaussage des Films vorbei. Es geht Brad nicht um sein wiederentdecktes Alpha-Männchen-Dasein, sondern um die besten Startchancen für seinen Sohn.
jhea 26.03.2018
2. Oh gott bitte nein...
Ben Stiller darf noch Filme machen?
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