"Immer nie am Meer" Muffige Männer im Mercedes

Drei neurotische Männer, eingesperrt in einem Auto: Aus dieser klaustrophobischen Situation entwickelt der österreichische Regisseur Antonin Svoboda seine gelungene Film-Groteske "Immer nie am Meer", die knorrig-kauzig an Beckett und Bernhard erinnert.

Von Birgit Glombitza


Es ist nicht sein Tag. Und Anzensgruber müsste wohl sehr lange das eigene Leben durchforsten, um überhaupt auf ein Datum voller Erfüllung zu stoßen. Der tablettensüchtige Grantler ist ein Ignorant und sich selbst verschonender Misanthrop wie er auch in den Büchern Thomas Bernhards stehen könnte. Und wenn er in der Apotheke nach Pillen gegen seinen Weltekel fragt, ist das ernster und kläglicher gemeint als es klingt.

Szene aus "Immer nie am Meer": Stillstand des Lebens"
ARSENAL

Szene aus "Immer nie am Meer": Stillstand des Lebens"

Szene Anzensgruber (Christoph Grissemann) ist auf dem Weg zu seiner Schwester, die mit ihren geflochtenen Zöpfen sicher nicht zufällig wie eine billige Elfriede-Jelinek–Kopie aussieht. Ihr "Wein-Lese-Laden", den sie im ländlich-bergigen Irgendwo an diesem Tag eröffnet, verströmt die linksliberale Spießigkeit eines alternativen Stricklädchens. In den Grußworten und Bussies, die diese so abgeklärte wie frustrierte Kultur-Posse austauscht, nistet soviel schlecht getarnte Gemeinheit, dass es auch die stabilsten Naturen eigentlich direkt in den Amoklauf treiben müsste.

Ein paar Kilometer weiter sucht der Alleinunterhalter Schwanenmeister schon eine ganze Weile den Aufgang zur Bühne. Seine Auftritte auf Schützenfesten und Goldenen Hochzeiten sind für den Kleinkünstler ein einziges kolossales Demütigungsprogramm. Der Hamburger Künstler Heinz Strunk spielt diesen Unterhaltungsritter von der traurigen Gestalt wie seine eigenen, aus dem Buch ("Fleisch ist mein Gemüse") und von der Bühne bekannten Kunstfiguren. Eine schwierig auseinander zu tüftelnde Mischung aus stilisierter Groteske und angeblich autobiografisch verbürgten Pannenserien.

Doch es geht noch weiter: Eine über und über mit Reflektoren, Pulsmesser und iPod behängte Walkerin weist nach der Show Schwanenmeisters tölpelhafte Annäherungen zurück und lässt ihn noch dazu von der Straße abkommen. Anzengruber und sein Schwager, der lethargische Geschichtsprofessor Baisch (Dirk Stermann) nehmen ihn mit, nur um dem laufenden Lichterspiel wenig später ausweichen zu müssen und krachend zwischen zwei Bäumen zu landen. Das Auto ist hoffnungslos eingeklemmt. Die Türen lassen sich nicht öffnen. Die Mercedes-Limousine, die einst dem verstorbenen österreichischen Bundespräsidenten Kurt Waldheim gehörte, hat zudem Fenster aus Panzerglas. Die Elektronik von Fensterhebern und Schiebedach ist defekt. Ein Spalt im Seitenfenster ist die einzige Öffnung für Luftzirkulation und für die Kontaktaufnahme zum Rest der Welt.

Eine jetzt schon verlorene Schicksalsgemeinschaft im Sicherheitsvehikel eines Ex-Nazis. Ein Trupp verprellter Kerle, die niemand vermisst und von denen man erwartet, dass sie sich im Folgenden aasig selbst zerfleischen. Sobald der letzte Proviant, Heringssalat und Prosecco, aufgebraucht ist.

"Immer nie am Meer" ist der nach "Spiele Leben" zweite abendfüllende Film des österreichischen Regisseurs Antonin Svoboda, der zusammen mit Barbara Albert, Jessica Hausner und Martin Gschlacht die coop99 filmproduktion gründete. Drei Jahre haben Svoboda und das österreichische Kabarettisten-Duo Stermann und Grissemann zusammen mit Strunk an dem Drehbuch gearbeitet - mit Schwanenmeisters Gag-Feuerwerk auf dem "Dampfer der guten Laune" hat es gottlob wenig gemein.

Im Gegenteil, es ist schon erstaunlich, wie die Festsitzenden aus dem Stillstand ihres Lebens immer neue absurde Funken schlagen. Wie sie sich Männerbündnisse nur für die Gunst eines Augenblickes herbeisabbeln, um Hunger, Durst und Kälte besser zu überstehen. Wie sie gegen die Angst, den Tod und den Rest der feindlichen Welt anreden, weil sie nichts anderes tun können. Außer in Sektflaschen zu urinieren und sich über Stoppelbärte und trockene Lippen zu kratzen.

Wenn sie die eigenen Lebensläufe als asoziale Wüste ausbreiten, anfangen zu Fummeln, um zurückliegende homoerotische Enttäuschungen zu verarbeiten - und Bildungsbürger Baisch als letztes dünnes Stimmchen des Zivilisatorischen auf Anstand pocht, aber heimlich den letzten Schokoriegel vertilgt, dann schwingen Elend und Komik stets zu gleichen Teilen mit.

Doch die drei bleiben in dieser "Psycho-Groteske" wie die Mitwirkenden den Stoff am liebsten selbst nennen, nicht allein sich und ihren niederträchtigen oder auch verzweifelten Ausdünstungen überlassen. Ein junger Experte für Rattenversuche findet die Eingesperrten und beginnt seine eigenen Experimente. Ein kleiner, gelungener Alpen-Beckett voll larmoyanter Tiraden und solipsistisch muffiger Männerkrisen.



© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.