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Immigrantenthriller "Sin Nombre": Ghetto auf Schienen

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Der Weg in den Wohlstand ist brandgefährlich: Abertausende arme Latinos reisen jedes Jahr auf Güterzügen durch Mexiko in Richtung USA. Regisseur Cary Fukunaga fuhr mit - "Sin Nombre" ist ein eindrucksvoller Thriller über Leben und Sterben auf der Route der Hoffnung.

Flüchtlingsfilm "Sin Nombre": Ausstieg unmöglich Fotos
20th Century Fox

Cary Fukunaga hockte auf dem Dach eines Güterzuges, über ihm der Sternenhimmel von Mexiko, Glühwürmchen flogen durch die Nacht. Es war eng auf dem Dach. Rund 700 Reisende saßen dort mit ihm, tagelang. Männer, Frauen und Kinder aus Mexiko, Honduras, Guatemala oder Nicaragua, übermüdet, erschöpft, pleite, aber voller Hoffnung, auf dem Weg in eine vermeintlich bessere Zukunft - in die USA.

Für Cary Fukunaga war der Weg das Ziel. Der Amerikaner, Jahrgang 1977, Regie-Student an der New York University, recherchierte für seinen ersten Spielfilm. Er wollte mit eigenen Augen sehen, welche Risiken viele Latinos auf sich nehmen müssen, um überhaupt bis an die Grenze zwischen Mexiko und den USA zu gelangen. Eine Grenze, die immer schärfer bewacht wird, um illegale Einwanderer abzuschrecken, und an der jedes Jahr rund tausend Menschen sterben.

Die Fahrt auf den Güterzügen durch Mexiko aber ist noch viel gefährlicher. Reisende stürzen vom Dach und kommen unter die Räder. In einer Nacht griffen Gangster Fukunagas Zug an, Schüsse fielen. Werner Herzog, Vorbild aller Guerilla-Regisseure, wäre vermutlich begeistert gewesen.

"Sin Nombre", das Ergebnis von Fukunagas Recherchen, hatte 2009 Premiere auf dem Sundance Film Festival und gewann dort den Preis für die beste Regie. Diese Woche kommt "Sin Nombre", "Ohne Namen", in die deutschen Kinos. Es ist ein faszinierendes Kino-Debüt: ein Thriller, eine Liebesgeschichte und ein quasi-dokumentarisches Flüchtlingsdrama, das in einer Welt spielt, von der viele gar nicht wissen, dass sie existiert.

Treffen im rollenden Ghetto

Der Regisseur erzählt zwei Geschichten, die erst parallel laufen und sich dann - im rollenden Ghetto, auf dem Dach eines Zuges - treffen. Sayra (Paulina Gaitan), ein Teenager aus Honduras, will gemeinsam mit ihrem Vater und einem Onkel nach New Jersey, zu Verwandten. "Wo ist New Jersey?", fragt Sayra. Die Landkarte, die sie dabei haben, zeigt nur den Süden der USA, das muss reichen.

Casper (Edgar Flores), 18 Jahre alt, lebt im mexikanischen Bundesstaat Chiapas. Seine Ersatzfamilie ist eine Gangsterbande, die real existierende Mara Salvatrucha, die halb Mittelamerika terrorisiert. Zum Aufnahmeritus gehört, dass jeder Neuling, selbst wenn er noch ein Kind ist, für die Gruppe einen Mord begehen muss. Die Mitgliedschaft in der Mara Salvatrucha - häufig erkennbar an martialischen Tätowierungen, auch im Gesicht - endet in der Regel erst mit dem Tod, Ausstieg unmöglich.

Casper, sein Boss und ein zwölfjähriger Mara-Novize entern einen dieser Flüchtlingszüge, bewaffnet mit Revolver und Machete rauben sie die Reisenden aus. Als der Anführer auch noch ein Mädchen vergewaltigen will, greift Casper ein und rettet es. So wird auch er zum Flüchtling, gejagt von den eigenen Leuten, die in ihm einen Verräter sehen. Das gerettete Mädchen ist Sayra.

Ein Spielfilm, kein Leitartikel

"Sin Nombre" folgt dem Paar auf seiner Odyssee durch eine post-apokalyptische Landschaft voller Müllberge und Fabrikruinen. Manchmal werfen Anwohner den Flüchtlingen Orangen zu, anderswo fliegen Steine. Auf einem Berggipfel steht eine Jesusstatue. Die Reisenden bekreuzigen sich.

"Sin Nombre" hat in den USA eine Debatte ausgelöst, nicht nur wegen einiger Gewaltszenen, die dem Film Vergleiche mit dem brasilianischen Slum-Krimi "City of God" eingebracht haben. Die "New York Times" warf Fukunaga vor, die Entbehrungen seiner Helden dienten letztlich nur der Unterhaltung des Publikums. "Das Elend der Dritten Welt" drohe "in ein Programmkino-Abenteuer" verwandelt zu werden.

Tatsächlich ist "Sin Nombre" ein Spielfilm, kein Leitartikel. Fukunaga beobachtet, er kommentiert nicht. Sein Film dürfte auch solche Zuschauer für das Schicksal von Flüchtlingen sensibilisieren, die keine Jahresberichte von Menschenrechtsorganisationen lesen.

Die bittere Ironie liegt eher darin, dass die USA seit dem Ende der Dreharbeiten viel von ihrer Anziehungskraft für arme Einwanderer verloren haben. Unzählige ehemalige Flüchtlinge aus dem Süden, die als Bauarbeiter in Phoenix, als Gärtner in Beverly Hills oder Zimmermädchen in Miami Beach arbeiteten, haben wegen der Wirtschaftskrise ihre Jobs verloren und kehren zurück in die alte Heimat.

Cary Fukunaga ist auf seiner Reise mittlerweile in Hollywood gelandet. Wegen des Erfolgs von "Sin Nombre" dreht er jetzt mit Stars wie Judi Dench: Er verfilmt "Jane Eyre", den berühmten Roman von Charlotte Brontë. Ein Sozialdrama, was sonst.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 8 Beiträge
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1. No Support
andimx, 28.04.2010
Illegale Immigration in die USA sollte nicht durch Filme unterstuetzt werden.
2. Ursachen, Lösungen?
wilde Socke 28.04.2010
Was fehlt in der Heimat, damit sie sich dort wohlfühlen und dort bleiben können? Was muss daheim am System geändert werden? Ist ja nett, wenn uns Leid nahe gebracht wird. Auf auf die Ursachen mag wohl keiner mehr schauen, oder? Vielleicht wären die nicht so spektakulär? Oder nicht so einfach zu berichten? Ich schaue mir keine Betroffenheits-Filme mehr an, ich will Lösungsvorschläge sehen.
3. Komplexes Thema!
mcfly71 28.04.2010
Die Ursachenfindung wird sich nicht so leicht bewerkstelligen lassen. Einmal sind´s die korrupten einheimischen Politiker, die nicht vorhandene Infrastruktur; dann die Jahrzehnte lange Intervention der USA in Lateinamerika; der Sklavenlohn für unseren Wohlstand; die Frage der Mentalität der Menschen! Irgendwo in diesem Grenzbereich ist wohl die Wahrheit angesiedelt!
4. Immigranten
marypastor 29.04.2010
Zitat von sysopDer Weg in den Wohlstand ist brandgefährlich: Abertausende arme Latinos reisen jedes Jahr auf Güterzügen durch Mexiko in Richtung USA. Regisseur Cary Fukunaga fuhr mit - "Sin Nombre" ist ein eindrucksvoller Immigrantenthriller über Leben und Sterben auf der Route der Hoffnung. http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,691274,00.html
Ueberall immer dasselbe. Nachdem sie ihre eigenen Laender kaputt gewirtschaftet haben, geht die illegale Immigration los. Nur aus Mexico gehen taeglich ca. 350 Menschen illegal in die USA. Bis irgendwann das Fass mal voll ist, so im Falle con Arizona. Da wurde jetzt ein Gesetz verabschiedet, das es erlaubt, Illegale ohne Papiere abzuschieben. Sie glauben ja nicht, was da jetzt los ist. Die Gouverneurin Brewer wurde schon mit Hitler verglichen, der mex. Praesident ist entruestet und will sich bei Obama beschweren, ein Boykott fuer den Kauf von Produkten aus Arizona wurde ausgerufen, die Aeromexico stornierte ihre Fluege nach Phoenix. Grund: die Illegalen bestehen darauf, einwandern zu koennen, ob es den USA gefaellt oder nicht. Und wehe, wenn sie da nicht bleiben koennen.
5. erstmal gucken, dann senf abgeben...
haggris 29.04.2010
durch diesen film wird weder illegale immigration auf irgendeine weise "unterstuetzt" noch heuchelt der film betroffenheit vor. hat einer von euch den film überhaupt gesehen? ---Zitat--- Auf auf die Ursachen mag wohl keiner mehr schauen, oder? ---Zitatende--- wie oft willst du die ursachen für die dortige entwicklung vorgekaut bekommen? zumal erhebt der film auch keinerlei dokumentarischen anspruch die sozialen probleme südamerikas aufzuzeigen und zu erläutern... ---Zitat--- ich will Lösungsvorschläge sehen ---Zitatende--- ist es wirklich schon so weit gekommen, dass dir filme fertige lösungsvorschläge bieten müssen?
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Fotostrecke
La Vida Loca: Martialischer Behauptungskampf

Sin Nombre

(Mexiko/USA 2009)

Regie: Cary Fukunaga

Buch: Cary Fukunaga

Darsteller: Paulina Gaitan, Edgar Flores

Produktion: Canana Films, Creando Films, Primary Productions

Länge: 95 Minuten

Start: 29. April 2010



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