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Volksmusik-Doku: Ins Hier und Jetzt geschunkelt

Von Johan Dehoust

Karaoke im Kinosaal: Im Film "Sound of Heimat" schafft es der Neuseeländer Hayden Chisholm, Lust auf deutsche Volkslieder zu machen. Ein beeindruckender Roadtrip - der leider ein bisschen zu früh endet.

Roadtrip durch Deutschland: Zu Besuch bei Volksmusikern Fotos
3 Rosen/ Christian Hueller

Es ist wirklich komisch: Man muss das Wort Volksmusik nur ganz leicht verändern und schon finden es alle ganz wunderbar. Tausche ein F gegen ein V und lasse das S weg - und schon steht da Folkmusik. Und sofort denkt jeder an coole, vollbärtige Gitarrenbarden aus Kanada, England oder den USA. Obwohl beide Wörter im Prinzip genau das gleiche bezeichnen, nämlich traditionelle Melodien und Texte, werden sie hierzulande völlig unterschiedlich wahrgenommen. Deutsche Volksmusik? Nee, lass gut sein.

Warum ist das so? Warum bewundern wir die Volksweisen anderer Länder, wenden uns bei den eigenen aber verschämt ab? Die Filmemacher Arne Birkenstock und Jan Tengeler haben den neuseeländischen Saxophonisten Hayden Chisholm vor zwei Jahren auf Entdeckungsreise durch Deutschland geschickt, um herauszufinden, warum besonders jüngere Menschen hier so große Probleme mit deutscher Volksmusik haben. Ab diesen Donnerstag ist ihr dabei entstandenes Roadmovie "Sound of Heimat" im Kino zu sehen.

Chisholm, ein umtriebiger Weltenbummler, trifft in Köln auf sangesfreudige Kneipengänger, wandert mit einer Jodellehrerin durchs Allgäu und fährt mit dem Leipziger GewandhausChor zu einem Auftritt ins Vogtland. Durch seine unvoreingenommene Art findet er schnell Kontakt zu seinen Protagonisten. Er plaudert mit ihnen und fühlt sich mit seinem Saxofon in ihre Melodien hinein. Nach und nach beginnt man zu verstehen, was deutsche Volksmusik bedeuten kann. Vor allem: Zusammenhalt und Geborgensein.

Die gute Laune endet schlagartig

Aus der unbelasteten Perspektive ergibt sich auch eine feinsinnige Komik, die ein bisschen an den Film "Full Metal Village" erinnert. In der Dokumentation von 2006 traf die südkoreanische Regisseurin Cho Sung-hyung während des Heavy-Metal-Festivals in Wacken auf norddeutsche Bauern. Chisholms Gesprächspartner schnacken nicht Plattdeutsch, sächseln dafür aber. Geduldig lässt er sich von einem Bandoneon-Bauer erklären, wie das damals mit der Volksmusik unter Erich Honecker lief: "Man woar sich nie sicha, was singt man und was singt man nicht."

Als Zuschauer beginnt man, ob man nun will oder nicht, schnell damit, im Kinosessel mit den Füßen zu wippen. Besonders, wenn Chisholm jungen Musikern begegnet, die alte Volkslieder neu interpretieren. Ja, man ist manchmal sogar kurz davor, lauthals mitzusingen. Möglich ist das, weil wie in einer Karaoke-Bar unten am Bildrand die Liedtexte mitlaufen.

Gegen Ende des Films allerdings tauchen sie dann doch noch auf, die Störgeräusche, die noch heute so häufig im Ohr kratzen, wenn ein Volkslied erklingt. Chisholm fährt nach Buchenwald und spricht hier vor der KZ-Gedenkstätte mit einem Ex-Inhaftierten. Er erzählt ihm, wie er und seine Mithäftlinge früher "Alle Vögel sind schon da" singen mussten, wenn die Wärter einen Lagerinsassen zurückbrachten, den sie auf der Flucht erwischt hatten.

Die Nazis haben den Deutschen ihre eigentlich doch so schöne Volksmusik madig gemacht, so in etwa könnte ein knappes Fazit also lauten. Schade, dass die Analyse nicht über den Zweiten Weltkrieg hinausgeht. Denn auch die Schöpfer von Heimatfilmen und Schunkel-Spektakel à la Musikantenstadl trifft ganz bestimmt eine Mitschuld: Sie haben die Volksmusik nach dem Missbrauch durch die Nazis als Schmiermittel benutzt, dass dabei half, die Vergangenheit zu verdrängen und sie durch eine rosarote Gegenwart zu ersetzen.

So durchzuckt einen beim Schauen doch hin und wieder die Angst, in der Kulisse neben Chisholm könnte - so wie in einem Heimatfilm aus den Fünfzigern - ein Rehkitz auftauchen oder über ihm im Himmel ein Adler kreisen.

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1. optional
wip 26.09.2012
Warum nur machen junge deutsche Musiker aller Sparten einen solchen Bogen um Volksmusik und überlassen die großenteils hörenswerten Texte und Melodien den Musikantenstadelgrölern? Wenn Elvys "muss i denn ... " kann, warum sollten deutsche Gruppen das und noch mehr nicht auch können?
2.
Falk_89 26.09.2012
Zitat von wipWarum nur machen junge deutsche Musiker aller Sparten einen solchen Bogen um Volksmusik und überlassen die großenteils hörenswerten Texte und Melodien den Musikantenstadelgrölern? Wenn Elvys "muss i denn ... " kann, warum sollten deutsche Gruppen das und noch mehr nicht auch können?
Das machen Sie doch gar nicht. Ich bin kürzlich auf "Petra Günther und iihre Original Erzgebirgischen Elbtalmusikanten" gestoßen. Petra Günther und ihre Original Erzgebirgischen Elbtalmusikanten (http://www.original-erzgebirgische-elbtalmusikanten.de/) Die Musiker haben Liedgut aus ihrer Heimat, dem Erzgebirge, neu arrangiert und so in unsere Zeit transportiert. Und das ist verdammt unterhaltsam und nicht ganz so grausam platt wie der olle Holzmichel... Aber zugegeben, der Bandname ist etwas seltsam... ;)
3. k.T.
Berliner42 26.09.2012
Vielleicht sollte man dem Autor mal erklären, was der Unterschied zwischen Volksmusik (= volkstümlicher Schlager) und Volksliedern (= traditionelles Liedgut) ist. Dann müßte er auch die Frage nicht mehr stellen, warum Volksmusik so einen schlechten Ruf hat. Es sind einfach zwei völlig unterschiedliche Sachen.
4. Danke, das ist der Punkt.
sappelkopp 26.09.2012
Zitat von Berliner42Vielleicht sollte man dem Autor mal erklären, was der Unterschied zwischen Volksmusik (= volkstümlicher Schlager) und Volksliedern (= traditionelles Liedgut) ist. Dann müßte er auch die Frage nicht mehr stellen, warum Volksmusik so einen schlechten Ruf hat. Es sind einfach zwei völlig unterschiedliche Sachen.
Wenn der Autor dann diesen Unterschied begriffen hat, dann wird er auch den Unterschied zwischen Folkmusic und Volksmusik begreifen. Der Mutantenstadl und viele weitere Sendungen haben ja in den vergangenen 30 Jahren viel dafür getan, das Volksmusik einen negativen Klang hat. Zudem, Bastian Pastewka und Anke Engelke haben als Volksmusik Duo Wolfgang & Anneliese ja auch die Wirklichkeit gezeigt, das ist ja nur ganz wenig überspitzt.
5. Attwenger
Boozilla 26.09.2012
Wer wissen will, wie 'geil' Volksmusik klingen kann, sollte mal bei Attwenger reinhören - zB die CD "Pflug". Da kommt Stimmung auf! Drahn, bisz Hiatl owi waht.
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Sound of Heimat

Deutschland 2012

Regie: Arne Birkenstock, Jan Tengeler

Buch: Arne Birkenstock, Jan Tengeler

Mit: Hayden Chisholm, GewandhausChor Leipzig, Christoph Lambertz, David Saam, u.v.m.

Produktion: Fruitmarket Kultur und Medien, Tradewind Pictures

Verleih: 3Rosen Filmverleih

Länge: 90 Minuten

FSK: ab 0 freigegeben

Start: 27. September 2012



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