Inzestdrama "Tabu" über Trakl Der Sexpressionist

Im Bett mit der Schwester? "Tabu" zeichnet ein abenteuerliches Bild vom Triebleben des Dichters Georg Trakl. Mit großer Faktentreue wartet das Inzestdrama nicht auf, dafür aber mit einer leidenschaftlichen Hauptdarstellerin - Peri Baumeister brilliert in den sündhaften Laken.

Von Jörg Schöning

Camino Filmverleih

"Er pudert die falsche Frau und keiner passt auf ihn auf." Diese Lästerei zielt zwar auf Oskar Kokoschka und dessen Lotterleben mit der Komponistenwitwe Alma Mahler, was mit schönstem Wiener Schmäh unter Caféhausbesuchern so dahergesagt wird. Doch es trifft auf die Hauptfigur des Films ebenso zu. Denn der Pharmaziestudent und Nachwuchspoet Georg Trakl steigt ins Lotterbett mit der eigenen, jüngeren Schwester!

Der Expressionist als Sexpressionist: Wie schon "Julietta" (2001) ist auch "Tabu", der neue Kinofilm des TV-Regisseurs Christoph Stark, ein Stück literarischer Sexploitation. "Julietta" erzählte von einer Vergewaltigung am Rande der Berliner Love Parade, die Vorlage dazu hatte Kleists "Marquise von O." abgegeben. "Tabu" (Drehbuch: Ursula Mauder) berichtet nun von der verbotenen Liebe zwischen Trakl - der 1914, erst 27 Jahre alt, während des Ersten Weltkriegs, in dem er im Sanitätsdienst eingesetzt war, durch eine Kokainvergiftung aus dem Leben schied - und seiner ebenfalls schwer drogensüchtigen Schwester Grete, die sich 1917 in Berlin erschoss.

"Tabu" verfährt dabei offen spekulativ: Trakl-Kenner gehen davon aus, dass die Gräuel des Krieges den sensiblen Dichter in den Freitod trieben. "Tabu" legt unterschwellig die Vermutung nahe, dass es vielmehr der Grimm über den Verlust der schwesterlichen Liebe war. Lars Eidinger ("alle anderen") spielt Trakl als kraftvolles, athletisches, auch etwas grobschlächtiges Genie, das an der von Peri Baumeister hingebungsvoll gespielten Grete letztlich zerbricht.

"Kannst du auch mal an was anderes denken?"

Tatsächlich war das Verhältnis zwischen den Geschwistern sehr innig: Philologen haben in Georg Trakls doch eher schmalem Werk die Schwester als literarische Figur 60-mal nachgewiesen. Ob ihr Verhältnis aber inzestuös war, ist umstritten. Zwar hat Trakl die Geschwisterliebe poetisch mehrfach thematisiert. Doch das hat damals so mancher dichtende Zeitgenosse getan. Und so sehen Kenner Trakls Dichtung - wie Hans Weichselbaum, sein maßgeblicher Biograf - darin symbolische Wunscherfüllung, nicht aber die Verarbeitung realer Lebenserfahrungen.

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Inzestdrama: "Tabu - Es ist die Seele... ein Fremdes auf Erden"
"Tabu" setzt ein um 1910, als der junge Salzburger Pharmaziestudent Trakl in Wien erste literarische Lorbeeren sammelt, sich im Kreis der lokalen Boheme an Alkohol, Drogen und Huren berauscht - und schließlich dem Werben der extrovertierteren Schwester nachgibt, die Klavier und Komposition studiert. "Kannst du auch mal an was anderes denken?", fragt sie kokett, wenn der Bruder allzu konzentriert dichtet.

"Glaubst du, dass es eine Sünde ist?", fragt sie ihn "danach", und er sagt darauf bloß: "Es ist mir egal." Der Film selbst verhält sich nicht viel anders. Der Inzest ist für ihn bloß eine etwas schärfere Mesalliance. Für das Ungeheure, das ihn als Tabubruch ausmacht, findet er keine Bilder jenseits einer harmlosen Naturmetaphorik. Da stehen die Körper stets so im Saft wie die sommerlichen Wiesen, Felder und Wälder. Aber kaum wird das liebende Paar einmal aus den elysischen Laken vertrieben, vergießt auch der Himmel darüber Tränen.

Schuld an der Drogensucht der Schwester

Wie zuletzt das Klassiker-Update "Goethe!" will "Tabu" mit aller Macht des Poeten Triebleben ausbreiten. Und wie bei "Goethe!" ist dies nur auf Kosten der Tatsachen zu haben. So hat Trakl aus den Giftschränken der Apotheke seiner Mutter wohl kaum Laudanum mitgebracht. Doch weil der Film sie später für den Inzest in Mithaftung nehmen wird, muss er sie von vornherein als haltlos zeigen. Stattdessen aber hat Trakl seiner Schwester noch viel stärkeres Rauschgift verabreicht und nicht laufend mit der Warnung "Fass es nie wieder an!" traktiert. Die Schuld, die er ihr gegenüber empfand, die ihn quälte und zu der er sich in Gedichten bekannte, dürfte sich eher darauf beziehen als auf sexuelle Übergriffe.

Dass Grete vielmehr seinen besten Freund, den Literaten Ludwig Schubeck (Rafael Stachowiak), sehr heftig und schließlich erfolgreich umwarb, unterschlägt der Film. Sie hat auch niemals ihren Musikprofessor (Rainer Bock) geheiratet, sondern einen verkrachten Operettendirektor. Ihre Fehlgeburt erlitt Grete Trakl nicht auf den sonnenbeschienen Stufen einer Villa ihres Mannes, sondern in einer Mietwohnung in Berlin, mitten im Winter. Vollends zur Geschichtsklitterung gerät das Drehbuch, als bei Gretes "Familienplanung" das Fieberthermometer zur Anwendung kommt. Dabei ist die Knaus-Ogino-Methode zur Berechnung der fruchtbaren Tage erst seit 1928 bekannt.

Wenn "Tabu" allen Mängeln und Spekulationen zum Trotz dennoch beachtenswert ist, liegt das an Peri Baumeister. Im Januar, beim Festival Max-Ophüls-Preis, wurde sie für ihre Darstellung der Grete als Beste Darstellerin ausgezeichnet. Inzwischen hat auch ein größeres Publikum sie im Kino wahrgenommen. In "Russendisko", der Kaminer-Verfilmung, war sie die russische Balletttänzerin, in die sich der Immigrant Wladimir (Matthias Schweighöfer) verliebte. Eine aparte Erscheinung - viel mehr war da von Muriel Baumeisters kleiner Schwester nicht verlangt.

"Tabu" aber gibt Anlass zu der Vermutung, dass Peri Baumeister zu Großem befähigt ist. Mit leidenschaftlichem Furor sorgt Peri Baumeister dafür, dass die Erschütterungen, von denen "Tabu" erzählt, auf der Leinwand wenigstens eine innere Glaubwürdigkeit gewinnen.



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schniebo 29.05.2012
1. Geschichtsklitterung ?
Wenn Jörg Schöning Geschichtsklitterung moniert, so muss man sich fragen inwieweit Herr Schöning selber Fakten verdreht, wenn er die Temperaturemethode mit der Knaus-Ogino Methode zur natürlichen Familienplanung gleichsetzt. Knaus-Ogino ist die Kalender-Methode und nicht zu verwechseln mit der sympto-thermalen Methode die neben anderen Merkmalen auch die Temperatur berücksichtigt. All das ist im Kontext des Filmes nicht besonders wichtig, wirft aber doch ein Licht auf die Faktenkenntnis (oder besser Unkenntnis) des Rezensenten.
alsosprachzarathustra 04.07.2012
2. Kein überragender Film!
Zitat von sysopCamino FilmverleihIm Bett mit der Schwester? "Tabu" zeichnet ein abenteuerliches Bild vom Triebleben des Dichters Georg Trakl. Mit großer Faktentreue wartet das Inzestdrama nicht auf, dafür aber mit einer leidenschaftlichen Hauptdarstellerin - Peri Baumeister brilliert in den sündhaften Laken. http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,835005,00.html
Ich habe den Film heute gesehen, und muss festhalten, dass die mangelnde Faktentreue eigentlich noch das geringste Problem des Films ist! Hier stimmt eigentlich gar nichts, weder das Verhalten der Protagonisten zu der Zeit (um 1910!), noch die Stimmung insgesamt. Alles wirkte irgendwie aufgesetzt, ständig wurde geraucht (haben Frauen damals auch so viel geraucht?), und ständig wurden alle nass bis auf die Knochen - gab's denn keine Regenschirme damals? Und Peri Baumeister lief entweder herum wie eine moderne Business-Frau, super schick und viel zu heftig geschminkt - oder viel zu freizügig bis hin zu den vielen "Miss Wet T-Shirt"-Szenen (wie gesagt, es regnete ja auch ständig!). Und dann in einer Szene dieses "platte" Spiel mit den christlichen Symbolen an der Zimmerwand, die immer groß neben den Gesichtern der Protagonisten von der Kamera eingefangen werden mussten - blöd nur, wenn sich dann auch noch ein Kamera-Assistent in einem Marien-Bild spiegelt...
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