"In The Mood For Love" Zauber der poetischen Geduld

Junge Einzelgänger auf der Suche nach Liebe: Der Hongkong-Regisseur Wong Kar-wai erweist sich erneut als Meister der asiatischen "Nouvelle Vague". Sein siebter Film "In the Mood for Love" spielt stilverliebt mit der Essenz des Kinos.

Von Oliver Hüttmann


"In the Mood for Love": Su (Maggie Cheung) ud Chow (Tony Leung) zwischen Entfremdung und Annäherung
Prokino

"In the Mood for Love": Su (Maggie Cheung) ud Chow (Tony Leung) zwischen Entfremdung und Annäherung

Er habe Bilder sprechen hören wie bei einem Gedicht, erklärte Jean-Luc Godard, als Wong Kar-wai 1997 für "Happy Together" den Regiepreis von Cannes erhielt. Denn die Nouvelle Vague der Gegenwart kommt längst aus Asien. Ähnlich aufregend wie Godard 1960 bei "Außer Atem" die Regeln des arrivierten Kinos umstieß, hat Kar-wai in den neunziger Jahren mit dem Rhythmus von Video-Clips und der Ästhetik der Fotografie die Kinobilder neu montiert. In den Kulissen Hongkongs schuf er vor allem mit "Chungking Express" und "Fallen Angels" schillernde Collagen, durch die junge Einzelgänger auf der Suche nach Liebe streifen.

Das sieht elegant und rasant aus, bleibt aber keine hübsche Oberfläche, sondern visualisiert ein tiefes melancholisches Lebensgefühl. Geschmackssteife Puristen nörgeln dennoch, Kar-wai variiere nur mit den immer gleichen Stilmitteln die immer gleichen Plotfragmente in der immer gleichen Atmosphäre. Kar-wai entgegnet darauf mit philosophischer Gelassenheit: Er drehe eigentlich an einem einzigen langen Film, in dem jeder einzelne Film wie eine Szene sei. Und wie lang dieser werde, wisse er erst, wenn er aufgehört habe, Filme zu machen.

Einen Höhepunkt darin stellt sein siebter Film "In the Mood for Love" dar, der wiederum in Hongkong spielt: Die Sekretärin Su (Maggie Cheung) und der Redakteur Chow (Tony Leung) beziehen 1962 am selben Tag ihre Zimmer im Mietshaus einer Gemeinschaft aus Shanghai. Beide sind viel alleine. Seine Frau hat oft Nachtschicht, ihr Mann ist meist auf Geschäftsreise. Langsam freunden sich die Einsamen an, scheu, verwirrt, heimlich, damit es kein Gerede gibt. Aber was die Mitbewohner ebenfalls nie erfahren, deuten dem Zuschauer dekorative Details, symbolische Handlungen und subtile Veränderungen in wiederholten Alltagssituationen an: Ihre Ehepartner haben eine Affäre. Wie Kar-wai diese Entfremdung und Annährung umkreist, ist ein Triumph kinematografischer Erzählkunst, bei dem selbst seine Kritiker verstummen.

Kar-wai, 1958 in Shanghai geboren, kam als Fünfjähriger mit seiner Mutter nach Hongkong. Weil er den dort üblichen kantonesischen Dialekt nicht verstand, fühlte er sich sehr einsam. Vielleicht ist er deshalb erst Grafikdesigner geworden. Als Regisseur lässt er vor allem Bilder, Gesten und Songs aus der Jukebox sprechen oder Erinnerungen ­ also die Bilder im Kopf ­ aus dem Off kommentieren. Bei "In the Mood for Love" bestehen die Dialoge aus rührend-kauzigem Geschwätz der Mitbewohner und aus Notlügen, mit denen Su und Chow die Abwesenheit ihrer Lebensgefährten erklären. Beide nehmen den Betrug mit einem stillen Schmerz hin, der in einem bizarren Rollenspiel gipfelt, bei dem sie ihre treulosen Partner zur Rede stellen. Von denen zeigt Kar-wai nur Rücken, Beine oder Mund ­ Bruchstellen, mit denen bereits die Distanz illustriert wird. Schließlich sind sie ganz verschwunden.

Selten im Schuss-Gegenschuss: Begegnungen zwischen Su und Chow
Prokino

Selten im Schuss-Gegenschuss: Begegnungen zwischen Su und Chow

Auf den kummervollen Gesichtern von Su und Chow dagegen verweilt die Kamera mit einer poetischen Geduld, als betrachte man ein Gemälde. Vor allem Maggie Cheung wird mit sinnlicher Hingabe stilisiert, wenn sie in Zeitlupe mit engen, knielangen, hochgeschlossenen Kleidern auf Pumps grazil über das nasse Gehwegpflaster stöckelt. "Um Nudeln zu kaufen, macht sie sich so fein?", wundert sich mal ihre Vermieterin. Su und Chow kaufen ihr Essen am selben Imbiss, immer wieder begegnen sie sich dabei auf der Treppe im Hausflur. Später gehen sie zusammen Essen, ein ebenso überlebenswichtiges Ritual wie Sus Hilfe bei Chows Fortsetzungsroman, als wollten sie sich für ihre Treffen ein Alibi geben. Selten werden sie dabei allerdings im Schuss-Gegenschuss abgelichtet. In einer Szene mit Su ist Chow gar nur im Spiegel zu sehen. Und als sie einmal seinen Bauch berührt, schreckt sie zurück, als fürchte sie um ihre Unschuld. Eine Sexszene zwischen ihnen hat Kar-wai wieder rausgeschnitten.

Es langweile ihn, Menschen dabei zuzusehen, wie sie eine Affäre haben, hat Kar-wai einmal gesagt. So leben die Charaktere in seinen Filmen stets aneinander vorbei. Statt mit hektischer Handkamera und poppiger Optik zeigt er dies nun aber wie in einem in satten Farben kolorierten Stummfilm. Das Erzähltempo seiner Bildergeschichte ist dabei der Zaghaftigkeit angepasst, mit der Su und Chow voller Trauer, Sehnsucht und Zweifel aufeinander zugehen, während überall Uhren ticken wie eine Metapher für ihren Stillstand. Mit hypnotischem Stilwillen hat Wong Kar-wai das Motto "Don't tell it ­ show it" zu einem Requiem über die Unmöglichkeit einer verzweifelten Liebe verdichtet.

"In The Mood For Love". Hongkong 2000. Regie: Wong Kar-wai; Drehbuch: Wong Kar-wai; Darsteller: Maggie Cheung, Tony Leung, Rebecca Pan; Länge: 97 Minuten; Verleih: Prokino; Start: 30. November 2000.



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