Tragikomödie "In Zeiten des abnehmenden Lichts" Der andere Untergang

Mit seiner Verfilmung von Eugen Ruges Bestseller "In Zeiten des abnehmenden Lichts" gelingt Matti Geschonneck etwas außergewöhnliches: Er zeigt eine DDR, die ganz unaufgeregt verfällt.


Die Vergabe des Deutschen Filmpreises ging in diesem Jahr in Ordnung (sofern man das von einer Veranstaltung sagen kann, die Fördergelder per Mehrheitsentscheidung verteilt). Verwunderlich war dagegen die Vorauswahl der nominierten Beiträge, was sich gut zeigen lässt am Beispiel von Matti Geschonnecks Literaturverfilmung "In Zeiten des abnehmenden Lichts".

Die Adaption von Eugen Ruges Buchpreisgewinnerbuch tauchte nämlich allein in der Kategorie "Beste männliche Hauptrolle" mit Bruno Ganz auf. Der Schweizer Iffland-Ring-Träger spielt den knorrigen DDR-Funktionär Wilhelm Powileit reichlich drollig - der 90. Geburtstag des Patriarchen am 1. Oktober 1989 ist der Tag, auf den sich das Drehbuch von Wolfgang Kohlhaase Ruges Roman konzentriert.

In den Ausstattungskategorien fand "In Zeiten des abnehmenden Lichts" beim Filmpreis keine Berücksichtigung. Dabei ist das Production Design von Bernd Lepel und seinen Mitarbeiterinnen (Set Decoration: Alexandra Pilhatsch, Kostüme: Sabine Greunig, um nur zwei zu nennen) die herausragende Leistung des Films. So unaufgeregt verfallen, so lebendig vollgestellt, so schön undramatisch hat die DDR lange nicht ausgesehen. Wenn Geschonnecks Film auch vom Untergehen handelt, es stirbt sich in dieser Umgebung immerhin in Würde.

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"In Zeiten des abnehmenden Lichts": DDR einmal richtig verfilmt

Denn im Film ist die DDR mehr als ein Vierteljahrhundert nach ihrem Ende für gewöhnlich reduziert auf ein paar demonstrative Zeichen: Plattenbau und Trabant, putzige Produktnamen und altmodische Anzüge, tiefgreifender Verfall und angejahrte Moderne. Diese oberflächliche Illustrationslogik führt so weit, dass ein schematisch-epigonaler Film wie der Ufa-Dreiteiler "Der gleiche Himmel" (bei dem ironischerweise ebenfalls Lepel das Production Design verantwortete) sein Siebzigerjahre-Ost-Berlin - aus budgetären Gründen - in Prag suchen kann, weil es nicht um gestalterische Details, sondern um modische Andeutungen geht.

Offenbarung im Imbiss

"In Zeiten des abnehmenden Lichts" unternimmt für die Sehgewohnheiten des Publikums eine Generalinventur. Hier kann nach all den schlicht dahinbehaupteten DDR-Beschwörungen der letzten Jahre in eine Welt geschaut werden, die sich nicht mit Fassadenhaftigkeit begnügt. Wie zum Beweis von Aufwand und Eigensinn werden die Gurken in Geschonnecks Film selbst eingelegt; ein hübsches Distinktionsmoment gegenüber der durch "Good Bye, Lenin" zum DDR-Sinnbild gewordenen "Spreewaldgurke".

Und obwohl es im Investoren-Berlin der Gegenwart nur sehr wenige, disparate Orte gibt, die seit 1989 unverändert geblieben sind, investiert der Film seinen Stolz gleich zu Beginn in einen geschickt zusammengeschnittenen, erstaunlich langen und sogar von Komparsen gesäumten Abendspaziergang von Kurt Umnitzer (Sylvester Groth) und Sohn Sascha (Alexander Fehling), der in einem U-Bahnhof an einer Imbissbude endet - einem Ort, der dem Schnellrestaurant ziemlich ähnlich sieht, an dem der Dokumentarist Thomas Heise 1989 in "Imbiß Spezial" den 40. Geburtstag der DDR beobachtete und den desillusionierten Gedanken junger Angestellter lauschte.


"In Zeiten des abnehmenden Lichts"
D 2017
Regie: Matti Geschonneck
Drehbuch: Wolfgang Kohlhaase, Eugen Ruge
Darsteller: Bruno Ganz, Hildegard Schmahl, Sylvester Groth, Alexander Fehling, Angela Winkler
Produktion: MOOVIE the art of entertainment, ZDF
Verleih: X Verleih
Länge: 100 Minuten
FSK: ab 0 Jahren
Start: 1. Juni 2017


Im Buch geht die Familiengeschichte der Umnitzers und Powileits über 50 Jahre, von 1952 bis 2001, sie erstreckt sich von Mexiko bis zur Sowjetunion, vom West-Exil Wilhelm Powileits und seiner Frau Charlotte (Hildegard Schmahl) bis zum Nachhall der Lagererfahrung von Stiefsohn Kurt und seiner russischen Frau Irina (Evgenia Dodia).

Desillusioniert ist in der Ruge-Verfilmung der Umnitzer-Sohn, der Vertreter der dritten DDR-Generation. Seine Dissidenz zum staatsverbundenen Vater und Großvater (Ganz) zeigt sich im Zuhause: eine leere Altbauwohnung, die verlassen war und nun für eine kurze Zeit besetzt wird auf dem Weg in den Westen, ein Transitraum, der die Einrichtung durch bürgerliches Leben nicht lohnt.

Der Nazi-Tisch stürzt ein

Kein Vergleich mit den Häusern der Älteren, vor allem mit der Villa des Großvaters, in der sich die Fülle eines langen Lebens abgelagert hat. Der riesige "Minsk"-Kühlschrank zeigt Privilegiertheit in der Küche an, die Ladas und Wolgas tun das auf der Straße. Das Haus ist der Schauplatz, wenn nicht: der Akteur des Films, hier laufen an dem Herbsttag 1989 die treffend gecasteten Gratulanten auf: Verwandte, Kader, junge Pioniere.

Den dramatischen Höhepunkt einer müde gewordenen Geburtstagsgesellschaft markiert in "In Zeiten des abnehmenden Lichts" passenderweise ein Requisit: Es ist der sogenannte Nazi-Tisch, der trotz der wütend eingeschlagenen Nägel schließlich slapstickhaft zum Einsturz gebracht wird vom Urenkel, dem Vertreter der vierten Generation.

Matti Geschonneck hat aus Eugen Ruges Roman im Film also eine Art Einrichtungskatalog gemacht, eine Erzählung, die dialogische Deutlichkeit scheut und sich plottreibende Informationen spart zugunsten von Ausstattung und Gratulationschoreografien, redundanten Redeformeln und sich unwohl fühlenden Körpern. Das Auto, in dem Vater Umnitzers Frau angerauscht kommt, steht während der Zeit ihres Aufenthalts mit eingeschaltetem Licht auf dem Bürgersteig vor dem Tor.

Solche Unordentlichkeiten leistet sich der Film: Die Komplexitäten von Ruges Geschichte, die divergierenden Positionen zur DDR, die innerhalb der verschiedenen Generationen eingenommen werden, lassen sich nicht so einfach zu Zeichen verdichten wie die Bücher, Teller und Tassen im Hause Powileit.

Im Video: Der Trailer zu "In Zeiten des abnehmenden Lichts"

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insgesamt 6 Beiträge
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Seite 1
peg66 01.06.2017
1. Man möchte nostalgisch werden ...
Tatsächlich: Man muss DDR-Nostalgiker sein, um diesen Film zu mögen? Was für eine grandiose Fehleinschätzung!
jruhe 01.06.2017
2. Habe ihn schon gesehen
Bin auf der Berlinale-Vorstellung allerdings mehrfach in innere Einkehr versunken.
Newspeak 01.06.2017
3. ...
Ein Film, mit dem Oberstudienraete in Deutsch Leistungskursen ihre Schueler belehren koennen. Genauso wie die Buchpreisbuecher, die immer eine Grossfamilie, immer ueber Generationen, immer in den Wirren der Geschichte, entweder Drittes Reich oder DDR, beschreiben. Wie oed und leer ist das.
Tante_Frieda 01.06.2017
4. Neugierig
Zitat von NewspeakEin Film, mit dem Oberstudienraete in Deutsch Leistungskursen ihre Schueler belehren koennen. Genauso wie die Buchpreisbuecher, die immer eine Grossfamilie, immer ueber Generationen, immer in den Wirren der Geschichte, entweder Drittes Reich oder DDR, beschreiben. Wie oed und leer ist das.
Jetzt,wo Sie uns darüber informiert haben,wie "öde und leer" Sie das alles finden,meine neugierige Frage:Wie hätten Sie es denn gemacht? Ich jedenfalls freue mich schon auf den Film.
Newspeak 01.06.2017
5.
Zitat von Tante_FriedaJetzt,wo Sie uns darüber informiert haben,wie "öde und leer" Sie das alles finden,meine neugierige Frage:Wie hätten Sie es denn gemacht? Ich jedenfalls freue mich schon auf den Film.
Na jedenfalls nicht im Thomas-Mann-Gott-hab-ihn-selig-Buddenbrooks-Style. Schriftsteller und Filmemacher koennten sich auch mal wieder was NEUES einfallen lassen. Kleine, treffende, evtl. verstoerende, ratlos machende, emotional aufruettelnde Episoden statt diesem grossbuergerlichen Pathos und, letztendlich, Kitsch. Sowas schaut sich der deutsche Michel in seiner Biedermerkelwelt aber gerne nach einem anstrengenden Tag in Pantoffeln an. Naehrwert wie ein Arztroman. Schau nur, Liebes, so huebsch gemuetlich ist die DDR untergegangen, schmacht. Danach hat man gleich das gute Gefuehl, die Welt ist noch in Ordnung. Natuerlich, Sie koennen den Film gerne finden, wie Sie wollen, meine Auesserung ist nicht als Anweisung gedacht, wie man den Film zu finden hat, sondern nur eine unmassgebliche persoenliche Aeusserung, die sich allbald in den unendlichen Weiten des Internets verlieren wird, unter den ganzen anderen sinnlosen Ausserungen wie covfefe etc.
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