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"Inception"-Regisseur Nolan: "Unser Hirn ist voller Implantate"

Vom Mega-Blockbuster "The Dark Knight" zum cleveren Traumdiebe-Thriller "Inception": Der britische Regisseur Christopher Nolan erklärt im SPIEGEL-ONLINE-Interview, was Kino mit Träumen zu tun hat, warum er in seiner Garage am Batmobil bastelte - und warum er 3-D-Technik für völlig überschätzt hält.

"Inception"-Regisseur Nolan: "Man braucht eine Spielwiese" Fotos
Warner Bros.

SPIEGEL ONLINE: Herr Nolan, in Ihrem neuen Film "Inception" behaupten Sie, das menschliche Gehirn könne sehr fein unterscheiden zwischen den Ideen, die es selbst hervorgebracht hat, und denen, die es von außen übernommen hat. Wissen Sie immer, wo Ihre Ideen herkommen?

Nolan: Es ist ungemein schwierig, die Herkunft der Ideen zu ermitteln, die uns durch den Kopf schwirren. Tatsächlich ist unser Gehirn voller Implantate. Wer weiß schon, ob seine Erinnerungen an die Kindheit echt sind oder auf den Erzählungen der Eltern basieren? Vor kurzem habe ich mir eine Blu-ray-Disc von Alain Resnais' Film "Letztes Jahr in Marienbad" angesehen. Schon nach wenigen Minuten war mir klar, dass viele Kritiker schreiben werden, wie stark mich dieser Film bei "Inception" beeinflusst habe. Die Parallelen sind offensichtlich. Dabei kannte ich ihn gar nicht! Aber er wird in so vielen anderen Filmen zitiert, die ich kenne, dass er sich hinter meinem Rücken in meinen eigenen Film geschlichen hat.

SPIEGEL ONLINE: Ernüchtert Sie die Erkenntnis, dass Sie manches Mal vielleicht doch gar nicht so originell sind, wie Sie denken?

Nolan: Es ist verwirrend. Da hat man ein Bild im Kopf, das einem völlig neuartig erscheint, setzt es voller Begeisterung auf der Leinwand um und stellt dann später fest, dass es aus einem anderen Film stammt, der schon Jahrzehnte alt ist. Natürlich hätte man gern die Kontrolle über die Einflüsse, die auf die eigene Arbeit einwirken. Doch vielleicht wären die Einflüsse gar nicht so stark, wenn wir sie kontrollieren könnten.

SPIEGEL ONLINE: Entwickelt sich das Kino durch diese Einflüsse nicht auch weiter?

Nolan: Klar. Letztlich kann man Filme gar nicht kopieren, weil ihre Herstellung viel zu komplex ist und viel zu viele Menschen daran beteiligt sind. Gus Van Sant hat vor einigen Jahren versucht, Hitchcocks "Psycho" Bild für Bild nachzuinszenieren, doch was am Ende dabei herauskam, war ein völlig anderes Werk. Das macht Filme so faszinierend, dass sie sich jedem Zugriff letztlich immer wieder entziehen.

SPIEGEL ONLINE: Wenn es Diebe wie ihren Helden Cobb gäbe, die in die Träume anderer Menschen eindringen könnten, um ihnen die Ideen zu klauen, würden die sich nicht vor allem in Hollywood tummeln?

Nolan: Wahrscheinlich. Die beste Art, in Hollywood eine Idee zu schützen, ist, mit niemandem darüber zu reden. Die Studios können es sich zwar nicht leisten zu klauen, dann würden sie sofort verklagt. Doch natürlich könnte ein Autor auf die Idee kommen, einen Film über Träume zu drehen, wenn er zufällig in einem Restaurant am Nebentisch sitzt, während ich mit jemanden darüber rede.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie Angst davor? Sie gelten in Hollywood als großer Geheimniskrämer.

Nolan: Für die Idee, einen Film über Träume zu machen, kann ich kein Copyright anmelden. Natürlich fällt es nicht leicht, eine Idee für sich zu behalten, von der man begeistert ist. Im Gegenteil, man möchte ständig darüber reden! Das fällt mir leichter, denn meine Frau Emma Thomas ist meine Produzentin, mein Bruder Jonathan ist Drehbuchautor, oft arbeite ich mit ihm zusammen. Seit zehn Jahren rede ich mit den beiden über "Inception". Bei uns bleiben Betriebsgeheimnisse in der Familie.

SPIEGEL ONLINE: Und in Ihrer Garage. Sie scheint das Epizentrum Ihres Schaffens zu sein und gilt in Hollywood mittlerweile als mythischer Ort.

Nolan: Ich habe mit sieben Jahren angefangen, Filme zu drehen, im Keller unseres Hauses, mit einer Super-8-Kamera. Das war ein intimer Ort, an dem ich meiner Phantasie freien Lauf lassen konnte. Wenn man einen großen Film für ein Studio dreht, geht diese Intimität verloren, man muss Hunderte von Leuten anheuern, beauftragen, bezahlen. Deshalb habe ich bei den Vorbereitungen von "Batman Begins" meine Garage geräumt und meinen Production Designer Nathan Crowley dort einquartiert. Nur zu zweit haben wir dort das Design des Films entwickelt und das Batmobil entworfen. Man braucht so eine Spielwiese, auf der man einfach drauflos phantasieren kann, völlig unbeobachtet, ohne Druck von außen.

SPIEGEL ONLINE: Sie scheinen Ihre Arbeit und Ihr Privatleben gar nicht trennen zu wollen.

Nolan: Nein, ich find's toll, dass beides ineinander fließt. Meine Frau ist darüber manchmal etwas besorgt. Mich beunruhigt das gar nicht. Filmemachen ist für mich kein Beruf, es ist ein wichtiger Teil meines Lebens, ich habe es immer geliebt. Deswegen will ich auch, dass meine Familie daran teilhat, deswegen ist Emma meine Produzentin, deswegen schreibe ich mit meinem Bruder Jonathan zusammen Drehbücher, deswegen dürfen meine vier Kinder in meine Garage kommen und mit unseren Modellen spielen.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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1.
Furball 29.07.2010
Schönes Interview mit einem der derzeit besten Regisseure Hollywoods. Zwei Aussagen fand ich besonders bemerkenswert: "Vor einiger Zeit habe ich an der University of California in L. A. eine Kopie von "Blade Runner" vorführen lassen. Es war beschämend zu sehen, wie weit er vielen der heutigen Filme an Schärfe und Bildqualität überlegen ist. Man könnte glauben, das Kino habe sich seither zurück entwickelt." Hier zeigt sich, wohin der Weg von immer mehr Effekten und digitalen Aufnahmen führt: einfach schlechte Bildqualität. Ebenfalls bemerkenswert war die Aussage zu 3D. Filme gewinnen nichts durch diesen Effekt, sie verlieren maximal an Bildqualität. Nun muss man zugeben, dass Nolan bei Batman Begins mit seinen schnellen Schnitten in den Actionszene auch den furchtbaren Trend des modernen Actionkinos gefolgt ist. Aber zum Glück hat er das bei "The Dark Knight" wieder ausgebügelt. Hier zeigte sich, wieviel ein Film durch "reale" Action gewinnen kann. Die Explosion des Krankenhauses war einfach phänomenal und wie geil ist es bitte, dass der "Bat-Pod" als wirklich fahrbares Motorrad entwickelt wurde? Heute abend geht's zu "Inception". Ich erwarte zwar nicht, dass Nolan damit "Memento" toppen kann (bis heute mein Lieblingsfilm von Nolan), aber ich weiß jetzt schon, dass ich gut unterhalten werde.
2. Eine Bitte
johndoe2 29.07.2010
Ganz ganz ganz ganz ganz ganz ganz ganz ganz ganz ganz ganz wenige Details zum Film schreiben! Auch in den Fotostrecken... Oder eben Spoiler-Warnungen davor setzen... Cobb's verstorbene Ehefrau?? Danke schön! =/
3. Danke,
brot_ohne_spiele 29.07.2010
Zitat von FurballSchönes Interview mit einem der derzeit besten Regisseure Hollywoods. Zwei Aussagen fand ich besonders bemerkenswert: "Vor einiger Zeit habe ich an der University of California in L. A. eine Kopie von "Blade Runner" vorführen lassen. Es war beschämend zu sehen, wie weit er vielen der heutigen Filme an Schärfe und Bildqualität überlegen ist. Man könnte glauben, das Kino habe sich seither zurück entwickelt." Hier zeigt sich, wohin der Weg von immer mehr Effekten und digitalen Aufnahmen führt: einfach schlechte Bildqualität. Ebenfalls bemerkenswert war die Aussage zu 3D. Filme gewinnen nichts durch diesen Effekt, sie verlieren maximal an Bildqualität. Nun muss man zugeben, dass Nolan bei Batman Begins mit seinen schnellen Schnitten in den Actionszene auch den furchtbaren Trend des modernen Actionkinos gefolgt ist. Aber zum Glück hat er das bei "The Dark Knight" wieder ausgebügelt. Hier zeigte sich, wieviel ein Film durch "reale" Action gewinnen kann. Die Explosion des Krankenhauses war einfach phänomenal und wie geil ist es bitte, dass der "Bat-Pod" als wirklich fahrbares Motorrad entwickelt wurde? Heute abend geht's zu "Inception". Ich erwarte zwar nicht, dass Nolan damit "Memento" toppen kann (bis heute mein Lieblingsfilm von Nolan), aber ich weiß jetzt schon, dass ich gut unterhalten werde.
...genau das hatte ich mir auch rot angestrichen. Es hängt natürlich auch von der angestachelten Gier des Konsumenten ab nur das allerneueste und "hippste" als "Gut" zu betrachten. In der Musik gab es solche Entwicklungen auch immer wieder - vom intelligenten Prog Rock zum Bombast Rock mit Keyboard und Gitarrensolo Orgien, vom Bombast Rock zum Punk usw. bis heute. Heute sind es dann die "Gagas" & Konsorten morgen kann der Zuhörer allerdings schon übersättigt sein und sich wieder an minimalistischer, intelligenter Livemusik unplugged erfreuen. Hoffe ich zumindest...:)
4. Spoiler-Alert
melkor23 29.07.2010
Zitat von johndoe2Ganz ganz ganz ganz ganz ganz ganz ganz ganz ganz ganz ganz wenige Details zum Film schreiben! Auch in den Fotostrecken... Oder eben Spoiler-Warnungen davor setzen... Cobb's verstorbene Ehefrau?? Danke schön! =/
Man darf einfach bevor man sich einen Film ansieht, nichts mehr dazu lesen. Letztens hat Telepolis in der Überschrift (!) zur Kritik von Moon einen entscheidenden Handlungspunkt verraten. Und SPON hat bei der Kritik zu Inglorious Basterds wirklich jede Überraschung versaut. Der obige Punkt ist aber auch der Hammer.
5. .
stormking, 29.07.2010
Zitat von johndoe2Ganz ganz ganz ganz ganz ganz ganz ganz ganz ganz ganz ganz wenige Details zum Film schreiben! Auch in den Fotostrecken... Oder eben Spoiler-Warnungen davor setzen... Cobb's verstorbene Ehefrau?? Danke schön! =/
Es findet sich doch immer einer, der vor dem Film sämtliche Kritiken, Artikel und Interviews liest und sich durch sämtliche Bildergalerien klickt - nur um sich dann über Spoiler zu beschweren, denn eigentlich wollte er ja völlig unwissend ins Kino gehen!
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Inception

USA 2010

Regie: Christopher Nolan

Buch: Christopher Nolan

Darsteller: Leonardo DiCaprio, Ellen Page, Joseph Gordon-Levitt, Tom Hardy, Cillian Murphy, Tom Berenger, Michael Caine, Marion Cotillard

Produktion: Legendary Pictures, Syncopy, Warner Bros.

Verleih: Warner

Länge: 148 Minuten

Start: 29. Juli 2010

Offizielle Website zum Film



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