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Indiana-Jones-Kult: Auf den Hut gekommen

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Bald geht Indiana Jones wieder auf Jagd - natürlich mit seinem legendären Hut. Dessen Geschichte und Herstellung ist selbst ein Abenteuer. In den Hauptrollen: zwei Freunde auf zwei Seiten des Atlantiks - und eine große Leidenschaft.

Marc Kitter sah "Jäger des verlorenen Schatzes" erst 1989, auf Video. Damals war der Film schon acht und Marc gerade 13 Jahre alt. Es war Liebe auf den ersten Blick. Doch Marc verliebte sich nicht etwa in Indiana Jones' Freundin Marion Ravenwood, gespielt von Karen Allen. Auch nicht in das abenteuerliche Leben eines Nazis-bekämpfenden Archäologen, wie wohl die meisten Jungen seines Alters. Es war der Hut, der es ihm angetan hatte.



Fortan trug Marc Zeitungen aus, in seinem süddänischen Heimatort Tinglev, 18 Kilometer nördlich von Flensburg. Bis er genug Geld beisammen hatte, um mit seinen Eltern nach Hamburg zu fahren, in die große Stadt, und sich einen Hut zu kaufen - genau so einen, wie Indiana Jones ihn trug.

Wenn am 22. Mai der vierte Teil der Reihe – Indiana Jones und das Königreich des Kristallschädels – anläuft, wird sich Marc Kitter den Film sofort anschauen. Und wieder wird er hauptsächlich auf den Hut achten. Denn die Hüte, die Harrison Ford und seine Stuntdoubles tragen werden, hat Kitter gemacht. Zumindest die Hälfte davon. Die andere Hälfte stammt von seinem besten Freund, Steve Delk.

Gefilzter Blockbuster

Delk ist 57 Jahre alt und lebt in Mississippi. Er sah "Jäger des verlorenen Schatzes" zum ersten Mal 1996, wie Kitter ebenfalls auf Video. Und genau wie Kitter konnte er kein Auge von dem Filzhut auf Harrison Fords Kopf lassen. Damals war Delk noch Möbeltischler. Heute ist er Hutmacher.

Kennengelernt haben die beiden sich im Club Obi-Wan, einem Internetforum, in dem die Ausrüstung von Indiana Jones diskutiert wird: die Lederjacke, die Bullenpeitsche, Pistole, Holster – und eben der Hut.

Kein Wunder, dass die beiden sich auf Anhieb gut verstanden. "Wir haben unzählige Stunden telefoniert und Tausende E-Mails geschrieben, um über Hüte zu diskutieren", sagt Kitter. "Das klang ungefähr so: Meinst du, das Hutband ist noch einen Millimeter zu schmal? Vielleicht. Aber die Krempe könnte auf jeden Fall noch zwei Millimeter breiter sein!"

Die schlechte Kopie des Indiana-Jones-Hutes, die Kitter mit seinem Zeitungsgeld erstanden hatte, befriedigte ihn auf Dauer nicht wirklich. Und auch Delk suchte und suchte nach dem perfekten Hut. "Ich habe 7500 Dollar für Hüte ausgegeben", erklärt er. Einen Originalhut zu bekommen, war inzwischen unmöglich geworden.

Richard Swales, der 1981 den Hut für "Jäger des verlorenen Schatzes" gemacht hatte, war pensioniert. Die Londoner Firma Herbert Johnson, für die er gearbeitet hatte, fertigt ihre Hüte mittlerweile maschinell. Und der alte Block, auf dem Swales den legendären Hut einst formte, gilt als spurlos verschollen.

Also begannen Kitter und Delk, selber zu experimentieren. Sie kauften alte Hüte bei Ebay, nahmen sie auseinander, formten sie um und nähten sie wieder zusammen. Schließlich wurde Delk klar: Wenn er genau diesen einen Hut haben wollte, dann musste er ihn selber herstellen.

In der Library of Congress in Washington D. C. fand er ein altes Buch, "Scientific Hat Making". Das wurde für Delk und Kitter zur Bibel. Zehn Monate lang arbeitete Delk an einem Holzblock für den Hut. "Ich war Möbeltischler", sagt er, "da denkt man, man kann aus Holz alles machen." Also baute er einen Block für sich und einen für seinen Freund Marc.

Fans stehen Kopf

Doch damit fing die Arbeit erst an. Kitter und Delk stiegen in die Magazine von Museen hinab, um dort alte Hüte zu studieren. Sie riefen alte Hutmacher an, die heute über 90 Jahre alt sind. Kitter in Europa, Delk in Amerika. "Einige davon waren richtig glücklich, mit jemanden über ihre Arbeit sprechen zu können", erzählt Kitter. Die Hutmacherei ist eine Art Geheimwissenschaft. Tricks und Kniffe wurden niemals aufgeschrieben – dann hätte ja der Konkurrent ebenso gute Hüte machen können. "Aber jetzt, am Ende ihres Lebens, waren einige doch sehr glücklich, ihr Wissen nicht mit ins Grab nehmen zu müssen."

Schließlich produzierte Delk einen Hut, mit dem er zufrieden war. Und präsentiert ihn im Internet. "Das nächste, woran ich mich erinnere, ist, dass Hunderte von Leuten diesen Hut kaufen wollten", erzählt er. "Aber ich war doch kein Hutmacher. Ich war Tischler!" Also setzte er sich nach Feierabend in seine Hutwerkstatt; modellierte für Freunde, Fans und bald auch Fremde auf seinem neuen Block alte Hüte um, bis sie genau so aussahen wie der "Jäger"-Hut. Und machte jede Menge neue. Zunächst kassierte er dafür nicht mehr als nur den Selbstkostenpreis plus Portogebühren. Nach wenigen Monaten rief er Kitter an: "Marc, ich schaffe es nicht mehr allein. Willst Du mitmachen?"

Seitdem arbeitet Kitter, der BWL studiert hat, tagsüber als Einkäufer eines großen Werkzeuglieferanten in Niedersachsen. Und abends sowie am Wochenende macht er Hüte. Um die direkte Konkurrenz mit Steve zu vermeiden, hat er sich auf die Deluxe-Edition spezialisiert. Zwar verkaufen beide unter dem gleichen Namen "Adventurebuilt", aber Kitters Hüte sind um einiges teurer. "Ich habe einen Filzlieferanten, der qualitativ sehr hochwertigen Filz liefert", erklärt er den Preisunterschied. "Der mischt die Farbe speziell an und bringt noch einen extra Wasserschutz auf."

48 Hüte für Indiana Jones

Als der vierte Teil der Indiana-Jones-Reihe angekündigt wurde, ging natürlich das Rätselraten los: Wer würde den Hut liefern? Kurz vor Beginn der Dreharbeiten rief dann Peter Botwright, Hersteller von Indys Lederjacken, an.

"Wir haben ein Gentlemen's Agreement geschlossen", erzählt Delk. "Falls ich den Job bekommen sollte, würde Marc die Hälfte der Hüte machen. Und falls er den Job bekäme, würde ich die Hälfte der Hüte machen." Am nächsten Tag rief der Kostümbildner Bernie Pollack (Bruder von Regisseur Sydney Pollack) bei Delk an. "Aber nur, weil Mississippi erheblich weniger Zeitverschiebung zu Los Angeles hat als Europa", beeilt sich Delk hinzuzufügen. Er bestellte zwei Dutzend Hüte, und Delk und Kitter begannen, Tag und Nacht zu arbeiten. Insgesamt fertigten die beiden 48 Hüte für "Indiana Jones und das Königreich des Kristallschädels" an: neun für Ford, entsprechend viele für seine drei Stuntdoubles, und ein paar extra für Regisseur Steven Spielberg, die er als Geschenke an gute Freunde verteilen wollte.

Was wird das für ein Hut sein, der im "Königreich" Harrison Fords Schädel ziert? "Eine Mischung aus dem 'Jäger'-Hut und dem Hut, den Indy in dem 'Letzten Kreuzzug' getragen hat", verrät Delk. Für echte Fans ist der "Jäger"-Hut der einzig wahre. 99 Prozent der Hüte, die er und Kitter auf Wunsch fertigen, sind "Jäger"-Hüte.

Jagd wird auch die Presse auf die beiden Kopfarbeiter machen. Delk sieht dem Rummel mit südstaatlicher Gelassenheit entgegen. Vor ein paar Tagen bat die "New York Times" um ein Interview. "Ich glaube, ich will gar nicht mit denen reden", brummt er. "Ich habe schon genug Publicity." Seine Prioritäten liegen woanders. "Das beste ist, dass meine drei Enkelkinder eines Tages den Film gucken und sagen können: Opa hat diesen Hut gemacht!"

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Hut ab!: Indiana Jones und seine Kopfarbeiter


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