Indisches Kino Von Bombay nach Bayernwood

Seit Jahren drehen indische Regisseure ihre bunten Bollywood-Dramen in den Schweizer Alpen – und lösten einen Touristenboom aus. Nun hoffen auch deutsche Bergdörfer auf das lukrative Geschäft. Immerhin war es einst ein Bayer, der das indische Kino entscheidend prägte.

Von Jenny Hoch


Als die schöne Inderin Diyaa Sharma im orange-goldenen Sari ihrem Angebeteten einen Kuss auf die Wange haucht, stapfen im Hintergrund Wanderer in Lederhosen und derben Bergschuhen vorbei. Sehnsüchtig schmachtend blickt das orientalische Paar hinauf zu den schroffen Gipfeln, während es Hand in Hand über eine Almwiese tanzt. Dann winkt es einen Sonnenschirmträger heran – und läuft über den mit Kuhfladen bedeckten Feldweg zum Mittagessen.

Auf einer Anhöhe in der Nähe von Innsbruck prallen die Kulturen aufeinander: Ein Filmteam aus der südindischen Metropole Hyderabad dreht gerade die Schlüsselszene des Films "Asadhyudu", was auf deutsch so viel heißt wie "Tapferer Mann". "Song and Dance"-Sequenzen werden diese Musical-Einlagen genannt. Sie sind der beliebteste Bestandteil der Drei-Stunden-Epen, die Songs dazu sind meist schon Wochen vorher in den Charts. Für westlichen Geschmack eher kitschig, funktionieren die Einschübe wie Traumsequenzen und spielen ohne Zusammenhang mit der eigentlichen Handlung vor malerischen Kulissen – am liebsten vor alpenländischen Gipfeln, Bergseen und Blumenwiesen.

Bis in die achtziger Jahre wurden diese Szenen im Kaschmir-Gebirge gedreht, nach hinduistischem Glauben der Sitz der Götter. Als dieses Gebiet durch politische Unruhen immer unsicherer wurde, fanden die Produzenten in der Schweiz perfekte Ersatzkulissen für die Tanzeinlagen. Inzwischen kennt fast jedes indische Kind Bilder der eidgenössischen Berglandschaft. Auf der Suche nach neuen, unverbrauchten Schauplätzen hat die milliardenschwere indische Filmindustrie nun die Tiroler Alpen für sich entdeckt. Und in Österreich tut man alles, um den finanzkräftigen Produzenten und Filmemachern die Arbeit so angenehm wie möglich zu machen.

Verwunderlich ist das nicht, denn die indische Filmwirtschaft ist mit rund 1000 Produktionen im Jahr die größte der Welt und wird deshalb Bollywood genannt. Daneben nimmt sich Hollywood mit höchstens halb so vielen Filmen jährlich geradezu bescheiden aus.

Kaum ein Team auf deutschem Boden

Für ein Land wie Tirol zahlt es sich also aus, wenn indische Filmteams dort drehen. Nicht nur, dass die Region so auf einem der weltgrößten Märkte der Zukunft bekannt wird – Indien hat mehr als eine Milliarde Einwohner und ist nach China der zweitbevölkerungsreichste Staat der Erde –; die zahlungskräftige indische Mittel- und Oberschicht reist auch gerne auf den Spuren ihrer Filmhelden um die Welt. So sind in Tirol in den vergangenen fünf Jahren die Übernachtungen indischer Film-Touristen um 100 Prozent gestiegen. Etwa 20.000 Übernachtungen habe man allein im Jahr 2004 gezählt, sagt Johannes Koeck, der im Auftrag des Landes Tirol die indischen Filmcrews betreut.

In der Schweiz hat man sich längst auf die Ansprüche der Gäste eingestellt. Das Hotelpersonal wird in Seminaren im "Kulturverständnis Indien" geschult, auf dem Brienzersee in der Nähe von Interlaken werden "Indian Dinner Cruises" angeboten – Schiffsfahrten mit indischem Buffet. Das kommt nicht von ungefähr, denn nach den Amerikanern und den Japanern bilden die Inder mit 200.000 Übernachtungen jährlich die drittgrößte nicht-europäische Touristengruppe.

In Deutschland tut man sich indes schwer, die betuchten Film-Inder anzulocken. Kaum ein Team verirrt sich bisher auf deutschen Boden. Und das, obwohl auch hier der Siegeszug Bollywoods begonnen hat, seit RTL2 indische Blockbuster wie "Nur dein Herz kennt die Wahrheit" ausstrahlt und mit den knallbunten Rührstücken Rekord-Einschaltquoten verbucht.

Von offizieller Seite werden die indischen Filmproduzenten in Deutschland deshalb heftig umworben. Ganz offen wird ausgesprochen, dass es bei der bayerisch-indischen Woche in München – der bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber warb erst im vorvergangenen Jahr in Indien für sein Land – oder beim jährlichen Film-Festival "Bollywood and Beyond" in Stuttgart zwar auch um Kunst und interkulturellen Austausch gehe, vor allem aber um Kommerz: "Wir halten engen Kontakt mit indischen Filmproduzenten und wollen unsere Region für den dortigen Markt so attraktiv wie möglich machen", sagt Marianne Gassner, Leiterin der Film Comission Stuttgart.

Ob sich die Hoffnungen auf einen indischen Geldsegen erfüllen werden, ist fraglich – bisher hält sich die Resonanz indischer Filmteams in Grenzen. Gerade mal eine Handvoll Bollywood-Filmer haben sich in den vergangenen Jahren für die Exotik des Schwabenlandes begeistern können. Das sei nur eine Frage der Zeit, gibt sich der stellvertretende indische Botschafter in Berlin, Amit Dasgupta, zuversichtlich.

Franz Osten, Guru

Die deutsch-indische Zusammenarbeit klappte schon mal besser. Denn ausgerechnet ein Deutscher war einer der Pioniere des Bollywood-Kinos. Der hier zu Lande vergessene Münchner Franz Ostermayr, der sich selber Franz Osten nannte, prägte das indische Kino als Regisseur wie kein Zweiter. Zwischen 1935 bis 1939 führte der Bayer bei nicht weniger als 16 Spielfilmen für die indische Produktionsfirma "Bombay Talkies" Regie. "Osten setzte technische und dramaturgische Maßstäbe", sagt Gerhard Koch, Professor für Germanistik und Anglistik, der während eines Lehrauftrages an der Delhi-University in unzähligen Archiven nach dem bayerischen Filmemacher forschte. So habe der mächtige Filmmogul Sasadhar Mukherji, der bei Osten als Tontechniker angefangen hatte, noch Jahrzehnte später von dem Deutschen geschwärmt: "Er war unser Guru, von ihm haben wir alle gelernt."

In Deutschland hatte Osten 1909 in München-Schwabing die Produktionsfirma Emelka gegründet, die sich bald zum süddeutschen Gegenstück der Ufa entwickelte und aus der später die Bavaria Film hervorging. Hauptsächlich produzierte das Unternehmen Monumentalfilme mit exotischen Themen – in der Weimarer Republik absolute Kassenschlager. Als Osten 1935 auf Anraten seines Freundes Himansu Rai, mit dem er schon in Deutschland mehrere deutsch-indische Koproduktionen realisiert hatte, nach Indien zog, fiel dem patenten Stummfilmregisseur die Umstellung nicht schwer. Ursprünglich hatte er seine Karriere mit der Verfilmung von drittklassigen Heimatromanen des Münchner Lokaldichters Ludwig Ganghofer begonnen, nun übertrug er die gefällige Dramaturgie dieser Filme einfach auf indische Gegebenheiten. Außer den Kostümen änderte sich überraschend wenig.

Das gilt bis heute. Ein Bollywoodfilm ist eben ein richtig schöner Heimatfilm. Er befriedigt die Sehnsucht nach geordneten Verhältnissen und bringt weltweit immer mehr Menschen zum Träumen. Allein in Deutschland schalteten 2,33 Millionen ein, als RTL2 im vergangenen Jahr den ersten von insgesamt zwölf Bollywoodfilmen zeigte. Egal, ob im Sari oder in der Lederhose, was der globalisierte Zuschauer sehen will, ist denkbar einfach: Ein wenig Schmerz und ganz viel Herz.

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