Ingeborg Bachmann und Paul Celan Für die Ewigkeit und für die Gegenwart

Ein literarisches Ereignis findet seine filmische Entsprechung: In "Die Geträumten" werden die Briefe von Ingeborg Bachmann und Paul Celan verlesen und lassen so eine große, tragische Liebe wiederaufleben.

Grandfilm

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Die schönsten Filmporträts erkennt man in diesem Jahr daran, dass man die Porträtierten kaum zu Gesicht bekommt. In Radu Judes grandioser Adaption von Max Blechers autobiografischen Roman "Scarred Hearts" etwa, jüngst beim Hamburger Filmfest ausgezeichnet, ist das Gesicht Blechers so kurz zu sehen, dass man es sich kaum einprägen kann - schon hat ihn eine Wirbelsäulen-Tuberkulose für den Rest des Films und tatsächlich auch den Rest seines kurzen Lebens niedergestreckt.

Rund zehn Jahre verbringt Blecher im Film in einem rumänischen Sanatorium, eingegipst und auf dem Rücken liegend, und kein einziges Mal schaut ihm die Kamera ins Gesicht, um abzulesen, was Zeit und Schmerz mit ihm gemacht haben. Allein seine Schriften aus dieser Zeit, darunter der titelgebende Roman (2006 unter dem Titel "Vernarbte Herzen" auf Deutsch erschienen), geben als Texteinblendungen Auskunft über Seelen- und Körperwohl Max Blechers.

Lucian Rus und Ivana Mladenovic in "Scarred Hearts"
Real Fiction

Lucian Rus und Ivana Mladenovic in "Scarred Hearts"

Ähnlich radikal geht Ruth Beckermann in "Die Geträumten" vor, ihrem Doppelporträt von Ingeborg Bachmann und Paul Celan, das 2016 bei der Berlinale Weltpremiere hatte, bei der Diagonale als bester österreichischer Spielfilm prämiert wurde und nun endlich in die Kinos kommt. Ein einziges Foto der beiden Dichter und einstigen Geliebten zeigt Beckermann, und das erst ganz zum Schluss. Von einer Kirmes muss es stammen, denn Bachmann und Celan strecken darauf ihre Köpfe durch zwei Löcher, um die herum sich zwei Pilotenuniformen und ein klappriges Flugzeug zu einem albernen Postkartenmotiv ergänzen. Ein Bild, das Wunden aufreißt, statt sie zu schließen, denn auf eine gemeinsame Reise ging es im Leben dieses Paares wahrlich nie.

Bis zu dem bitteren Schlusspunkt, den das Foto setzt, hat man der Musikerin Anja Plaschg (Soap & Skin) und dem Schauspieler Laurence Rupp dabei zugesehen, wie sie in einem Studio des Wiener ORF-Funkhauses aus den Briefen von Bachmann und Celan vorlesen. Diese sind 2008 unter dem Titel "Herzzeit" bei Suhrkamp erschienen und sorgten damals für einiges Aufsehen. "Solch ein Buch erscheint nur alle paar Jahrzehnte", urteilte das Deutschlandradio dazu.

Bachmann und Celan lernten sich 1948 in Wien kennen, als Bachmann, 21, noch Philosophiestudentin war, Celan, 27, sich aber bereits einen Namen als Dichter gemacht hatte. Celans jüdische Eltern waren in einem KZ in der Ukraine getötet worden, Bachmanns Vater war NSDAP-Mitglied und hatte den Krieg überlebt.

Schlimmste Stunden, schlimmste Feinde

Die so gegensätzlichen biografischen Verstrickungen in den Zweiten Weltkrieg werden erst später in ihrer Beziehung zum Tragen kommen. Dann wird Celan von einer als antisemitisch verstandenen Formulierung in einer Rezension zutiefst verletzt sein, und Bachmann ihm daraufhin vorwerfen, er wolle doch Opfer sein. Er wird die Vergangenheit immer mehr als Gewicht spüren, das ihn in den Abgrund zieht. Sie wird ihre Unbeschwertheit immer stolzer ausstellen, so als wäre diese nicht ein Geschenk von Nachkriegsdeutschland und -Österreich an seine Täterkinder, das sie besser hätte ablehnen sollen.

Den letzten Brief von Celan erhält sie 1967. Drei Jahre später begeht er Suizid.

Krisenhaftigkeit ist in ihrer Beziehung allerdings von Anfang an zu spüren. Knappe drei Jahre nach den ersten, freudigen Liebesbriefen schreibt Bachmann bereits eine Mahnung an den "lieben, lieben Paul", dass er nicht vergessen solle, wie glücklich sie einst waren, "selbst in den schlimmsten Stunden, als wir unsere schlimmsten Feinde waren". Immer wieder tun sich so historische und emotionale Lücken zwischen den Briefen auf. Doch dankenswerterweise füllen Beckermann und ihre Co-Autorin Ina Hartwig sie nicht mit vermeintlich sprechenden biografischen Details aus, sondern wenden sich Plaschg und Rupp zu.

Rupp und Plaschg in "Die Geträumten"
Grandfilm

Rupp und Plaschg in "Die Geträumten"

In sorgsam arrangierten, aber nicht gescripteten Szenen treten die beiden aus ihren Sprechrollen heraus und begegnen sich in der Gegenwart. Es wird geraucht und das Funkhaus erkundet, sich über Tätowierungen ausgetauscht und James Brown auf dem Handy gehört. Distanz zu den mächtigen, oft Minuten lang nachhallenden Worten Bachmanns und Celans schafft das aber nur bedingt. Vielmehr fungiert diese narrative Konstellation wie eine zusätzlich eingezogene Wand im filmischen Raum - eine Wand allerdings, an der die Worte abprallen, an die nächste Wand geworfen werden und so ein ganz eigenes Echo erzeugen.

Eine scheinbar einfache Ausgangssituation entpuppt sich so als wunderbar vertrackt. Manchmal sind Plaschg und Rupp Darsteller, manchmal Interpreten, manchmal meint man, freundschaftliche Nähe zwischen ihnen zu spüren, manchmal scheinen ihre Temperamentsunterschiede unüberbrückbar zu sein. Eine zweite Art von Lebendigkeit entsteht so, die das (Wieder-)Erleben der Sprache von Bachmann und Celan ergänzt und für die Gegenwart öffnet. Schöner kann die Arbeit an einem Text und für einen Text kaum sein.


"Scarred Hearts" ist als nächstes im Rahmen des Berliner Festivals "Around the World in 14 Films" (25.11. bis 4.12.) zu sehen. Der reguläre Kinostart ist für den 9. Februar 2017 angesetzt. Eine Übersicht von Vorführungen von "Die Geträumten" samt Gesprächen mit den Filmemacherinnen finden Sie hier.

"Die Geträumten"

AT 2016

Regie: Ruth Beckermann

Drehbuch: Ruth Beckermann, Ina Hartwig

Mit: Anja Plaschg, Laurence Rupp

Produktion: Ruth Beckermann Filmproduktion

Verleih: Grandfilm

Länge: 89 Minuten

Start: 27. Oktober 2016

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