"Inland Empire" Selbsterfahrung mit Doktor Lynch

Mit "Inland Empire" verabschiedet sich der amerikanische Regisseur David Lynch endgültig von den Zwängen des Kino-Betriebs. Sinnsucher aufgepasst: Dieser Film wird Sie verwirren - und enttäuschen.

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Mit Kino im klassischen Sinne hat "Inland Empire" nichts zu tun und könnte dabei doch der einzig wirklich künstlerische Film sein, den dieses Kino-Jahr hervorbringen wird. Angesichts der Fülle an Assoziations-Angeboten, Verschachtelungen, angedeuteten Metaphern und Symbolen, Großaufnahmen von Laura Derns bebendem Gesicht, das mal Leid, mal Angst, mal Geilheit auszudrücken scheint; angesichts der schieren Wucht der Eindrücke, die in knapp drei Filmstunden über die Leinwand flackern, bleibt man als Kritiker ratlos zurück. Der Regisseur hat sich konsequent den Deutungsmethoden des Erzählkinos entzogen.

Dieser Regisseur heißt David Lynch, ist 61 Jahre alt und antwortet mit sanfter Stimme, wenn ihn Journalisten mal wieder verzweifelt nach Antworten auf jene Fragen anbetteln, die seine Filme hinterlassen. "Das Kino kann die Zuschauer in eine Welt jenseits des Intellekts entführen, in der sie sich ganz und gar ihren eigenen Intuitionen anvertrauen müssen. Es geht nicht darum, etwas zu verstehen, sondern darum, etwas zu erfahren", erklärte Lynch unlängst im SPIEGEL-Interview. Jenseits des Intellekts, das heißt so viel wie den Kopf ausschalten und den Sinnen freien Lauf lassen.

Man muss dazu wissen, dass Lynch seit den frühen Siebzigern Transzendentale Meditation praktiziert, eine Entspannungsmethode, die zum Ziel hat, eine Art Erleuchtung zu erfahren, indem man meditierend innerhalb des eigenen Geistes zum so genannten "Einheits-Bewusstsein" vorstößt. Wer diese Stufe erreicht, für den existieren die Begriffe Realität und Fiktion nicht mehr. Raum, Zeit, Traum und Wachzustand verschmelzen zu einer alles durchdringenden Erfahrung.

Das Wissen um diese Methode kann helfen, das jüngste Werk Lynchs zu deuten. Auch wenn dies vielleicht nur ein weiteres Greifen nach dem Strohhalm der Deutung ist, ein letztes, ein kümmerliches Aufbäumen des Intellekts. Denn kognitive Erleichterung bietet auch die Flucht in die Inhaltsbeschreibung von "Inland Empire" kaum. Es gibt keine zusammenhängende Narration, sondern nur einen Plot in einem Plot in einem Plot. Durch ihn schleppt sich Hauptdarstellerin Laura Dern, als müsse sie Prüfungen absolvieren, um aus einem Alptraum aufzuwachen, die ein verrückter Professor in ihr Unterbewusstsein verpflanzt hat wie in ein Versuchskaninchen.

Verloren im Lynchland

Zu Beginn des Films, als wolle Lynch uns auf eine falsche Fährte locken, scheint noch alles überschaubar: Die in Vergessenheit geratene Schauspielerin mit dem schaurigen Namen Nikki Grace (Dern) will mit ihrer Rolle in dem Film "In High On Blue Tomorrows" ihr Comeback feiern. Was sie spät, vielleicht zu spät, erfährt, ist, dass der Film, eine üble Schnulze, schon einmal in Polen gedreht, aber nie zu Ende gebracht wurde, weil beide Hauptdarsteller ermordet wurden.

Als sich Nikki in den Kulissen des Filmsets verirrt und sich plötzlich in einer völlig veränderten Realität wieder findet, wähnt man sich noch auf vertrautem Lynch-Terrain, das man sich durch beharrliches Betrachten der verschlüsselten Spätwerke "Lost Highway" und "Mulholland Drive" Stückchen für Stückchen erarbeitet zu haben glaubte. Doch bald darauf wechseln Orte, Zeit- und Handlungsebenen so rasch, erscheinen und verschwinden polnische Mafiosi, Sitcom-Darsteller mit Hasenköpfen und harpyienhafte Huren so scheinbar unzusammenhängend, dass man sich fühlt wie die arme Dorothy im "Zauberer von Oz": Plötzlich sind wir nicht mehr in Kansas – und das Wirbelsturmtief namens Lynch trägt uns davon auf eine andere Bewusstseinsebene.

Das Leiden der Frauen

Nikki Grace muss sowohl die Geschichte des ursprünglichen Darstellerpaares als auch die der Filmfiguren sowie ihre eigene geknickte Karriere durchleben, und am Ende, als sie mit einem Schraubenzieher in den Eingeweiden sterbend zwischen Pennern an einer Häuserwand am Hollywood Boulevard liegt, glaubt man erneut, "Inland Empire" verstanden zu haben: als verkünstelte Parabel auf die mörderische Filmindustrie, unter der das neu entdeckte Wunderkind Lynch in den späten Achtzigern zu leiden hatte. Und als späte, versöhnende Hommage an die Frauen, die in seinen früheren Filmen oft unter seinem Sadismus leiden mussten.

Dass gerade Laura Dern diese Figur verkörpert, ist nur sinnvoll: Wie keine andere von Lynchs Darstellerinnen musste sie in "Blue Velvet" und "Wild at Heart" als Projektionsfläche für männliche Phantasien herhalten. Jetzt gibt ihr Lynch eine mehrfach eingestreute, sehr kafkaeske Sequenz, in der sie einem desinteressierten Anwalt oder Detektiv in einer engen Dachkammer ihre Leidensgeschichte erzählt. Je lethargischer der Kerl, desto wütender wird die verlebte Frau, die vor ihm sitzt.

Jenseits der Oscar-Sphäre

Laura Dern, dieser Blondine, deren Schönheit sich aus einem kantigen Gesicht und einem verrucht verrutschten Mund zusammensetzt, verdankt "Inland Empire" viel von seiner Faszination. Fast scheint es, als biete ihr Lynch einfach nur eine Leinwand, auf der sie sich rückhaltlos austoben kann. Es ist schade, dass sie für diese extreme Schauspiel-Leistung, die mit Selbsterfahrung ähnlich viel zu tun hat wie mit experimentellem Theater, keine Anerkennung der Filmindustrie bekommen hat. Aber "dort, wo David Lynch und Laura Dern in 'Inland Empire"' hingelangt sind, gibt es keine Oscars mehr", schrieb der Kritiker Georg Seeßlen unlängst in einem Aufsatz über den Film.

Tatsächlich bleibt kein Verständnis, sondern lediglich eine ambivalente Erfahrung übrig: Der Filmemacher hat sich durch seine Abkehr vom konventionellen Filmbetrieb unabhängig von fast allen Regeln der Darstellung gemacht, eine Freiheit, die unter anderem auch die höchst strapaziöse Länge des Films zur Folge hat. Gedreht wurde nicht auf Zelluloid, sondern mit einer digitalen Videokamera. Vertrieb und Produktion lagen erstmals allein in seiner Hand, geholfen hat seine Frau Mary Sweeney. Vieles, was später im Film landete, lagerte schon Monate in digitalen Speichern oder lief als Mini-Serie auf Lynchs hyperaktiver Website. Die Zukunft sieht dieser wahrlich Unabhängige unter den Independents in den sich überlappenden Medienströmen des Netzes, das "Künstler mit völlig neuen Ausdrucksformen" hervorbringen wird.

Und so muss man "Inland Empire" nicht nur als Film, sondern als nach allen Seiten offene Kunst-Installation begreifen. Als Experiment, das die Leinwand nur als Sprungbrett nutzt, um in den Köpfen der Zuschauer ein individuelles Eigenleben zu entwickeln. Viel Spaß bei der Selbsterfahrung.



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