Neuer Film von Tim Burton Ein Herz für besondere Kinder

Mit alten Themen zu alter Form: In "Die Insel der besonderen Kinder" erzählt Tim Burton von einer liebenswerten Kommune von Mutanten, die nur eine Zeitschleife vor ihren Feinden schützen kann.

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Der Vorwurf der Weltflucht begleitet die Fantastik wie ein Schatten. Der junge Mensch verschwinde in irrealen literarischen oder filmischen Universen und vergeude dort Zeit, die er besser aufwenden sollte, um zu einem vernünftigen und arbeitsmarkttauglichen Wesen zu werden.

Allerdings: Wer flüchtet, hat Gründe. Die besten Autoren des Genres - von Stephen King bis zu Joanne K. Rowling - wissen, dass in den fantastischen Erzählungen gerade die Leser Trost finden, die mit der Realität eher unglücklich sind.

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"Die Insel der besonderen Kinder": X-Men à la Burton

Auch das Werk des Regisseurs Tim Burton lässt ein großes Herz für Außenseiter erkennen. Held seines neuen Films "Die Insel der besonderen Kinder" ist ein geradezu prototypisches Exemplar. Jake Portman (Asa Butterfield), ein zurückhaltender, sensibler Teenager ohne Freunde, hat von seinem Großvater Abraham (Terence Stamp) als kleiner Junge allabendlich gruselige Gute-Nacht-Geschichten erzählt bekommen.

Tentakelwesen und Wanderfalken

Nach seiner Flucht aus Polen habe er den Zweiten Weltkrieg in einem Kinderheim auf einer walisischen Insel überlebt, erzählt Abraham, geschützt vor den Monstern, die die besonderen Kinder holen wollten. Seine Berichte sind bevölkert von riesigen Tentakelwesen, einem Mädchen, das fliegen, und einer Frau, die sich in einen Wanderfalken verwandeln kann.

Der neunjährige Jake glaubt dem geliebten Großvater jedes Wort. Doch die Jahre vergehen, und der Junge ist skeptisch geworden. Was dem Kind noch ein fesselndes Paralleluniversum war, wird nun als Symptom des großväterlichen Kriegstraumas gedeutet. Wie gesagt: Wer flieht, hat Gründe.

Nur dass Abrahams fantastischen Geschichten allesamt wahr sind. Der 16-jährige Jake findet den tödlich verletzten Großvater eines Nachts in dem dunklen Wald hinter seinem Haus, mit leeren Augenhöhlen. Ein letzter Auftrag an den Enkel: Auf die Insel zu reisen, auf der sein altes Kinderheim einst stand, bevor es im Krieg von einer Bombe der Deutschen zerstört wurde.

Ein Film, der Burton mit seinen Fans versöhnt

Ransom Riggs' gleichnamige Romanvorlage bietet Burton Gelegenheit, eine ungemein sympathische Außenseiterkolonie aufzufahren. Fans, die wegen der massiv missglückten "Alice im Wunderland"-Verfilmung noch immer verstimmt sind, können sich nach diesen Bildern wieder mit Tim Burton versöhnen. Der verregnete Strand der Insel, der Pub und das alte Gemäuer des Waisenhauses amalgamieren sich zu einer wundervollen Märchenlandschaft, die, wie schon in Burtons stilbildendem "Edward mit den Scherenhänden", in radikalem Gegensatz zur streng symmetrischen, entzauberten Vorstadthölle der Gegenwart steht.

Die besonderen Kinder leben immer noch dort, in einer Zeitschleife, seitdem die Heimleiterin Miss Peregrine wenige Sekunden, bevor die Bombe das Gebäude trifft, die Zeit angehalten hat. Immer wieder aufs Neue erleben sie denselben Tag im Jahr 1940.

Jake entpuppt sich als Auserwählter, der dazu bestimmt ist, die ihm Anvertrauten vor dem Bösen zu beschützen. Ein weiteres Versprechen der eskapistischen Fantastik: Die Letzten werden die Ersten sein. Bevor Jake aber zum Monsterjäger werden darf, nimmt der Film sich viel Zeit, um die Insel und die Waisenhausbewohner kennenzulernen. Es verbirgt sich sowohl Schreckliches als auch unerlaubte Schönheit in dieser der Gegenwart entrückten Zwischenwelt.

Gefräßiges Maul am Hinterkopf

Ihr Zauber bleibt, wie immer bei Burton, den Ausgeschlossenen und Grenzgängern vorbehalten. In diesem Fall: eigensinnigen Frauen, unsichtbaren Kindern, Hochbegabten mit morbiden Interessen, Mädchen mit körperlichen Deformationen (zum Beispiel einem gefräßigen Maul am Hinterkopf); und Juden wie Jakes Großvater, der von Miss Peregrine vor den Nazis gerettet wurde. Sie wird von Eva Green mit einer bezaubernden Mischung aus Understatement und bewussten Overacting gespielt.

Leider hält "Die Insel der besonderen Kinder" das gedrosselte Tempo nicht durch. Die kleine Gemeinschaft wird von Wesen bedroht, die, wie der Sandmann in E.T.A. Hoffmanns gleichnamiger Geschichte, den Kindern die Augen rausreißen wollen.

Dass die Zeitschleifenkonstruktion nicht nur vielschichtiger, sondern auch zunehmend unübersichtlich wird - geschenkt. Allerdings verfällt "Die Insel der besonderen Kinder" im letzten Drittel in ein unnötig hastiges Erzähltempo. Was Tim Burtons bester Film seit Langem hätte werden können, wird so in der Schlussgeraden aus der Kurve getragen.

Anmarsch der Skelett-Armee

Die Guten treten gegen die Bösen an, Letztere werden angeführt von einem sichtlich begeistert agierenden Samuel L. Jackson, und zerlegen zu wohl ironisch gemeintem Kirmestechno einen Jahrmarkt. Das macht einerseits schon Spaß (besonders die Skelett-Armee, eine Hommage an Special-Effects-Legende Ray Harryhausen, ist ausgesprochen hübsch geraten). Andererseits dominiert der Eindruck, dass hier ein Regisseur am eigenen Spektakel eher desinteressiert ist, so eilig wird die Geschichte ihrem Ende (und dem absehbaren Sequel) entgegengetrieben.

Das ist ausgesprochen schade, auch weil Ransom Riggs und Tim Burton wissen, welche lebensrettenden Potenziale fantastische Erzählungen haben können. Und mehr noch: Die leise Melancholie, die in der ersten Hälfte des Films immer wieder durchschimmert, lässt spürbar werden, dass Burton um die skandalöse Unvereinbarkeit von Wunschfantasie und Wirklichkeit weiß.

Dass die Letzten die Ersten sein werden und die Monster bekommen, was sie verdienen, das mag in der Wirklichkeit, vor der man sich in die fantastischen Welten flüchtet, hin und wieder vorkommen. Die Bombe, die kurz vor dem Dach des Waisenhauses innehält und wieder in den Himmel steigt, ist hingegen kein hoffnungsvolles, sondern ein vergebliches, posttraumatisches Bild; denn das Zerschlagene wieder zusammenzufügen, das geht nicht.

"Die Insel der besonderen Kinder"

    USA/BEL/GB 2016

    Originaltitel: Miss Peregrine's Home for Peculiar Children

    Regie: Tim Burton

    Drehbuch: Jane Goldman nach dem Roman von Ransom Riggs

    Darsteller: Eva Green, Asa Butterfield, Ella Purnell, Samuel L. Jackson, Judi Dench

    Produktion: 20th Century Fox et al.

    Verleih: Fox Deutschland

    Länge: 94 Minuten

    Start: 6. Oktober 2016

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insgesamt 10 Beiträge
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Seite 1
siebke 05.10.2016
1. Freude
ich liebe diese Filme.......Phantasie pur, wunderschöne Bilder........
h.pylori 05.10.2016
2. Bin gespannt
auf das filmische Ergebnis. Das Buch ist wirklich gut.
bwfrightchicken 05.10.2016
3. falsche Verlinkung
Sie schreiben: "Fans, die wegen der massiv missglückten "Alice im Wunderland"-Verfilmung noch immer verstimmt sind, können sich nach diesen Bildern wieder mit Tim Burton versöhnen." Und verlinken dann die äußerst positiv ausfallende Kritik zu Alice im Wunderland Teil 1. Das ist irreführend. Ich denke Sie wollten die Kritik zu Teil2 Hinter den Spiegeln verlinken.
Faggio 05.10.2016
4.
Bemerkenswert ist, dass im Artikel auf eine "massiv missglückten 'Alice im Wunderland'-Verfilmung" Bezug genommen wird. Klickt man aber die im Artikel enthaltene Verlinkung zur Filmrezension an, liest man eine Lobeshymne auf "Alice im Wunderland". Da passt doch was nicht. Wahrscheinlich war der Artikel zur Fortsetzung "Hinter den Spiegeln" gemeint, die von SPON negativ beurteilt worden ist.
Abel Frühstück 05.10.2016
5.
Ich fand die Buchvorlage(n) schon nicht sooo besonders - also ganz nett, aber auch wenig sehr, nun ja, "jugendlich". Ein bisschen flach halt, aber (jedenfalls in den Originalausgaben) sehr hübsch aufgemacht mit den Vintagefotos. Burton ist schon lange ausgebrannt - und meiner Meinung nach war bereits die erste "Alice"-Verfilmung völlig am Buch vorbei zum Action-Monstrum verhunzt worden. Spektakelkino halt, aber längst nicht mehr so außergewöhnlich wie noch zu "Edward"-Zeiten.
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