Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Internationale Filmfestspiele: Berlinale eröffnet mit politischer Anklage

Mit offenen, mutigen Worten wurden die diesjährigen Filmfestspiele in Berlin eröffnet: Im Mittelpunkt stand ein bewegender Brief des inhaftierten iranischen Regisseurs Jafar Panahi. Der erste von knapp 400 Filmen, die in den kommenden Tagen gezeigt werden, war ein Werk der Coen-Brüder.

Fotostrecke: Die Berlinale ist eröffnet Fotos
dpa

Berlin - Wohl selten zuvor war eine Eröffnungsgala einer Berlinale so emotional wie in diesem Jahr. Jury-Präsidentin Isabella Rossellini las vor der versammelten Prominenz am Donnerstagabend ergriffen einen Brief des im Iran zu sechs Jahren Haft und 20 Jahren Berufsverbot verurteilten Regisseurs Jafar Panahi vor. Furchtlos beschreibt Panahi, der ebenfalls in die Jury eingeladen worden war, darin seine Träume.

War die Eröffnungs-Gala bis zu diesem Zeitpunkt mit dem üblichen Geplänkel aus launigen Sprüchen von Berlinale-Direktor Dieter Kosslick und Moderatorin Anke Engelke über die Bühne gegangen, kippte die Stimmung plötzlich. Nicht der Eröffnungsfilm "True Grit" der Coen-Brüder und die Stargäste Jeff Bridges und Josh Brolin standen im Fokus, sondern der unglückliche iranische Regisseur.

"Ich werde gezwungen, nicht sehen zu können, ich werde gezwungen, nicht denken zu können. Ich werde gezwungen, keine Filme machen zu können", zitierte Rossellini ihn. Mit offenen Worten kritisierte Panahi das iranische Regime: "Die Wirklichkeit ist, dass mir ohne Prozess seit fünf Jahren das Filmemachen untersagt wird."

Aber die Machthaber könnten ihn nicht davon abhalten zu träumen, dass in 20 Jahren die Verfolgung und die Einschüchterung durch Freiheit und freies Denken ersetzt sein werde, fügte er hinzu. In seinen Träumen schreie er nach einer Zeit, "in der wir uns gegenseitig tolerieren und unsere jeweiligen Meinungen respektieren, in der wir füreinander leben können".

Nachdem Rossellini - neben dem leeren Jury-Stuhl Panahis stehend - den Brief gelesen hatte, herrschte erst absolute Ruhe im Berlinale-Palast. Dann erhoben sich die Gala-Gäste und applaudierten lange. Festival-Direktor Dieter Kosslick erklärte, er habe noch am Abend zuvor mit Panahi telefoniert - und dieser habe unbedingt gewollt, dass der Brief vorgelesen werde. Nun sei allerdings zu befürchten, dass der Brief das vorerst Letzte für lange Zeit sei, was von Panahi zu hören gewesen sei.

Berlinale-Leiter Kosslick prägt seit zehn Jahren den Geist des Festivals

Solidarität mit Panahi, der 2006 für seinen Film "Offside" mit einem Silbernen Bären geehrt worden war, bekundeten auch viele andere Gäste. Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU) betonte in seiner Ansprache, es sei traurig, dass Panahi vom iranischen Regime an der Teilnahme an der Berlinale gehindert werde. "Ihm gehört unsere tiefe Solidarität", rief er unter dem Beifall des Publikums. Er werte dies als Anschlag auf den Wert der Freiheit.

Die in Teheran geborene Schauspielerin Jasmin Tabatabai sagte, es sei ein Unding, dass ein Filmemacher eingesperrt werde und Berufsverbot erteilt bekomme. Damit zeige sich das wahre Gesicht des iranischen Regimes. Bei der Berlinale werden in mehreren Sektionen Filme Panahis gezeigt.

Die Coen-Brüder, Bridges und Brolin standen im Abseits. Erst nachdem 3sat die Livesendung beendet hatte, wandte sich Engelke ihnen zu. Ethan Coen räumte ein, während des Films essen gehen zu wollen. Nachdem dies vom Publikum mit Buh-Rufen quittiert worden war, meinte er dann: "Nach dem Essen kommen wir zurück."

Geehrt wurde auch Kosslick selbst. Zum zehnten Mal leitet er die Berlinale. Neumann bezeichnete ihn als Mister Berlinale und sagte: "Lieber Dieter, Sie haben die Berlinale zu einem der bedeutendsten Filmfestivals weltweit gemacht." Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) fügte hinzu, Kosslick sei der "prägende Geist dieses Festivals."

Knapp 400 Filme aus 58 Ländern zeigt die Berlinale dieses Mal. Im Rennen um den Goldenen Bären sind 16 Produktionen aus aller Welt. Auch zwei deutsche Regisseure sind dabei: Dokumentarfilmer Andres Veiel ("Black Box BRD") zeigt "Wer wenn nicht wir" über die Vorgeschichte der RAF. Ulrich Köhler ("Montag kommen die Fenster") geht bereits am Samstag mit dem Entwicklungshelfer-Drama "Schlafkrankheit" an den Start.

lgr/dpa/dapd, Holger Mehlig

Diesen Artikel...

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH





Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: