Internationale Pressestimmen "Leni Riefenstahl war die Muse des Nazismus"

Die Nachricht vom Tod der umstrittenen Regisseurin Leni Riefenstahl hat in der ausländischen Presse ein breites und zwiespältiges Echo ausgelöst. Zum Teil gab es harsche Kritik.


Erntete viel Kritik von der ausländischen Presse: Leni Riefenstahl
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Erntete viel Kritik von der ausländischen Presse: Leni Riefenstahl



"Keine Nachsicht ist erlaubt", schrieb die französische Zeitung "Libération" am Mittwoch. "Leni Riefenstahl war die Muse des Nazismus, der Star der ationalsozialistischen Inszenierung". Der "Daily Telegraph" meint, die Regisseurin sei zwar die begabteste Filmemacherin des 20. Jahrhunderts gewesen, wies aber gleichzeitig darauf hin, dass "ihre Verherrlichung von Nazi-Deutschland dafür gesorgt hat, dass sie zugleich auch berüchtigt war".

Der britische "Guardian" befand: "Leni Riefenstahl blieb bis zuletzt ein Magnet für die Kontroverse." Die "Times" betonte, Riefenstahl habe als Filmemacherin Anerkennung gefunden. "Aber damit hört die einhellige Zustimmung auch schon auf. Sie wurde als Bösewicht, Heldin, Lügnerin, Betrügerin, Rassistin und Opfer einer patriarchischen Gesellschaft porträtiert. Die Wahrheit ist so, wie der Filmhistoriker Liam O'Leary es sagte: Sie war ein künstlerisches Genie und ein politischer Trottel."

Die niederländische Zeitung "De Telegraaf" betonte, der Name Adolf Hitlers sei "unlöslich" mit dem Riefenstahls verbunden gewesen. Durch Filme wie "Triumph des Willens" und "Olympia" sei sie als "die favorisierte Regisseurin des Führers" in die Geschichte eingegangen. Die direkte Verbindung zum NS-Diktator wird auch in der italienischen Zeitung "La Repubblica" gezogen: "Leni Riefenstahl, die Regisseurin, die Hitler bezauberte", hieß es dort.

Als "scharfsichtig und doch verblendet" bezeichnete "Algemeen Dagblad" die Regisseurin. "Ob sie nun überzeugte Nationalsozialistin war oder nicht - es war sicher keine Unwissenheit, die Riefenstahl dazu brachte, sich für Hitler zu entscheiden." Die russische Zeitung "Kommersant" befand, die gesamte Kunst der Regisseurin und Fotografin "dokumentiert ihre Gleichgültigkeit darüber, mit welchem ideologischen Gedankengut die Schönheit ausgefüllt ist". Die Zeitung "Iswestija" schrieb, die Künstlerin "war eine der widersprüchlichsten Personen nicht nur in der Geschichte des Kinos, sondern des gesamten 20. Jahrhunderts".

Riefenstahls Leichnam wird an diesem Freitag (12. September) auf dem Münchner Ostfriedhof eingeäschert. Einen Gottesdienst soll es nicht geben. Auch ein Pfarrer werde voraussichtlich nicht zur Trauerfeier sprechen, sagte der Leiter der städtischen Friedhofsverwaltung, Dieter Engels, am Mittwoch. Ort und Zeit für die Beisetzung der Urne seien noch unklar. Möglicherweise werde Riefenstahl am Münchner Nordfriedhof ihre letzte Ruhestätte finden. Sie war am Montag im Alter von 101 Jahren gestorben.



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