Internet-Porno "Hotel Desire": Tänzeln statt Rammeln

Von Oskar Piegsa

Jeder Seufzer im Sex-Dramolett "Hotel Desire" ist von Spendern finanziert, im Internet hat der Regisseur Geld für sein Projekt gesammelt. Doch "porNEOgrafisch", also ein Film neuen Typs, ist dieser Vierzigminüter deshalb noch lange nicht.

"Hotel Desire": Die Indie-"Emmanuelle" Fotos
Von Fiessbach Film/ Teamworx

Zwei Monate vor Berlinale-Beginn herrscht schon ein bisschen Premierenstimmung am Potsdamer Platz. Quer durchs Sony Center ist ein roter Teppich verlegt und zwischen Bratwurstbude und Wellenbrecher haben sich Schaulustige eingefunden, die Weihnachtseinkäufe unter den Arm geklemmt. Fotografen schreien nach Blondinen auf hohen Hacken, die sich vor einer Fotowand aus ihren dicken Winterjacken schälen: "Eva! Eva hierher!" Eva streckt die Brust raus und tänzelt vor den Objektiven. Die Ex-Frau von Otto Waalkes sei das da gerade, zischt jemand beim Sektempfang im Foyer des Event-Cinemas zwei Stockwerke höher.

Und sogar Helene Hegemann habe sich angekündigt, die Ex-Literatur-Nachwuchshoffnung aus dem vergangenen Jahr. An diesem Adventsabend, an dem sonst nur das Wetter schmuddelig ist, lockt sie eine ungewisse Premiere: Ein Pornofilm total neuen Typs, ein "porNEOgrafischer" Film, wie es in den Ankündigungen hieß.

"Hotel Desire" ist der Titel dieses Films, gedreht hat ihn der 23 Jahre alte Sergej Moya, der bisher höchstens als Schauspieler aus Fernsehkrimis bekannt war, die Produktion übernahm unter anderem seine Frau Julia Moya - und die Finanzierung tausende Kleinspender, deren Unterstützung die Moyas durch eine Internetkampagne gewonnen hatten. 170.000 Euro haben sie insgesamt vorgestreckt und dafür bisher noch nicht viel zu sehen bekommen. Auf der Internetseite von "Hotel Desire" wurden zunächst nur ein paar Sekunden der ersten Szene des Films gezeigt, eine Zeitlupen-Kamerafahrt über den nackten Körper der Schauspielerin Saralisa Volm.

Außerdem waren da ein paar Zeilen über die seltsame Abwesenheit von Sexszenen in deutschen Spielfilmen zu lesen und - mit steigendem Spendenaufkommen - immer mehr Seiten aus dem Drehbuch. Eigentlich sollte der Film zunächst nur im Internet zu sehen sein, wo er seit Donnerstag auf Videoload.de zum kostenpflichtigen Download bereitgehalten wird. Doch auf eine echte Premiere im echten Leben wollte das Team um die beiden Moyas dann doch nicht verzichten - zumal mit echten Paparazzi an einem echten roten Teppich, echter B- und Berlin-Prominenz und einem echten Publikum.

Huch, ist das heiß hier!

"Echt", das war in den Wochen vor der Filmpremiere ein Schlüsselbegriff gewesen. Ein "echter" Film sollte "Hotel Desire" werden, mit Leidenschaft und ohne Staatskohle und Kompromisse gedreht. Vor allem sollte "Hotel Desire" aber ein Film mit "echtem Sex" werden. Volm, so wurde es versprochen, würde als die chronisch sexfreie Antonia, die von ihrem Kind und ihrem Beruf schwer überfordert ist, am "heißesten Tag seit sieben Jahren" beim Ausüben ihrer Pflichten als Zimmermädchen in einem Berliner Luxushotel auf den exzentrischen, vom heuchlerischen Kunstbetrieb genervten und blinden Maler Julius, gespielt von Clemens Schick, treffen und beide übereinander herfallen - ganz ohne schamhafte Schnitte und Abblenden.

Nach einem Jahrzehnt, in dem die Memoiren der Pornodarstellerin Jenna Jameson zum Bestseller geworden waren, sich in Berlin das erste deutsche Pornofilmfestival etablierte und selbst bekannte Filmemacher wie Michael Winterbottom mit expliziten Sexszenen experimentierten, wirkten die "porNEOgrafischen" Ideen und ersten Filmbilder der Moyas jedoch überhaupt nicht "neo", sondern ziemlich altbacken, nach einem schwülstigen Sexfilmchen - "Emmanuelle" als Independent-Produktion.

Andererseits: Hatte Sergej Moya das Spiel der Verführung mit seiner Spendenaktion nicht perfektioniert? Hatte er nicht Tausende in seinen Bann gezogen, ihre Phantasie angeregt und sie überzeugt, für seine Arbeit die Portemonnaies zu öffnen? Das, immerhin, sind Schlüsselqualifikationen von echten, großen Filmregisseuren. Als Sergej Moya zur Begrüßung im vollbesetzten Kinosaal auf die Bühne kommt, scheint auch das eine überraschend "echte" Erfahrung für ihn zu sein. "Wow!", entfährt es ihm, als sein Blick die meterlangen samtroten Vorhänge hinaufwandert, die sich gleich für seinen Film öffnen werden. Wem er zuvor noch danken wollte, hat er da schon vor Aufregung vergessen. Film ab.

"French Maid"-Kostüm aus dem Fetisch-Shop

"Hotel Desire" beginnt so, wie es schon im Internet zu sehen war. Nackte Füße, Schenkel, Pobacken und Schamhaare, eine Duschszene in weichgespülter "Playboy"-Ästhetik. Dann fängt die Story an. Antonia setzt ihren siebenjährigen Sohn in den Bus nach Paris, wo er zum ersten Mal ohne die Mutter Urlaub machen soll. Sie kommt deshalb zu spät zur Arbeit im Hotel, kriegt Ärger mit dem Direktor, weil sie ihren schrottreifen Kleinwagen direkt vor dem Eingang parkt und wird von ihrem (natürlich schwulen und natürlich exaltierten) Schichtleiter und Ziehvater in Schutz genommen. Das alles ist gekonnt gefilmt und zwischendurch sogar ein bisschen lustig, aber niemand ist deswegen ins Sony Center gekommen, also Sprung zur Sexszene: Nach einer halben Stunde des Films steht Antonia in der Hotelsuite des Künstlers Julius, gekleidet in das, was man in Fetischläden wohl das "French Maid"-Kostüm nennt.

Julius, der blinde Maler, ahnt nichts von ihrer Anwesenheit und kommt nackt aus der Dusche. Unweigerlich denkt man an das kolportierte Sexszenario mit Dominique Strauss-Kahn in der Hauptrolle, da sucht Julius schon etwas auf dem Fußboden, stößt gegen Antonias Füße, entdeckt ihre Anwesenheit und bewegt sich tastend an ihren Schenkeln entlang nach oben, so wie zuvor die Kamera in der Eingangsszene. Sie, der eben noch von einer Kollegin empfohlen wurde, auch mal abzuschalten und Risiken einzugehen, lässt ihn gewähren, als seine Hand unter ihren Rock rutscht und seine Zunge ihren Mund sucht.

Vom anschließenden (echten!) Sex ließ das Drehbuch Schlimmes erwarten. Zum einen schienen die Filmemacher zu viel auf einmal zu wollen. Explizit, aber suggestiv sollte die zentrale Szene von "Hotel Desire" werden, so widersprüchlich stand es im Drehbuch. Pornografisch, aber nicht ordinär. Zum anderen drohte sich Sergej Moya in einem falsch verstandenen Realismus zu verlieren. "Die Szene will und muss", hieß es in den Regieanweisungen weiter, "dem Akt des größten menschlichsten Begehrens gerecht werden". Doch wie das gelingen sollte, darüber schwieg sich das Drehbuch aus - als würden zwei Menschen, die "echt" miteinander schlafen, dabei automatisch auch gut aussehen. Bei der Premierenvorführung zeigt sich: Die dramaturgische Leerstelle war nicht ästhetischen Überlegungen geschuldet - sondern allein der Werbung und Spannungserzeugung für "Hotel Desire".

Tänzeln statt rammeln

Denn tatsächlich weiß Sergej Moya sehr genau, was er auf welche Art zeigen will. Die zehnminütige Sexszene, die ein Viertel der Gesamtlänge von "Hotel Desire" ausmacht, entpuppt sich als weder ambitioniert noch besonders realistisch. Stattdessen ist sie überraschend konservativ - nämlich nach Hollywood-Konventionen stilisiert. Zwar ist zu sehen, was in Mainstream-Filmen nicht zu sehen wäre, etwa wie Clemens Schicks Finger zwischen Saralisa Volms Schamlippen rutscht und wie sich sein Penis zwischen ihre Pobacken senkt.

Doch wo Pornos sich ganz auf die Penetration konzentrieren, die sie in immer neuen Stellungen zelebrieren, schneidet "Hotel Desire" schnell und oft auf andere Details, zeigt den Lichteinfall im Hotelzimmer, lustvoll gebleckte Zähne, Gänsehaut auf Oberschenkeln. Animalisch gerammelt wird hier nicht, eher Ballett getanzt, und dazu passt das melodramatische Wechselspiel von laut und leise des eigens aufgezeichneten Philharmonie-Orchesters, dessen Cellisten über die Saiten streichen, bis vom satten Sound im Kinosaal die Tieftöner brummen und knistern.

Noch etwas unterscheidet den "PorNEO" vom Porno: Schweiß darf hier schillernd auf der Stirn der Darsteller perlen, doch andere Körperflüssigkeiten sind tabu. Ejakuliert wird nicht - der "echte" Sex kommt ohne den abschließenden Authentizitätsbeweis aus. Kaum kommen Antonia und Julius (Kommen sie wirklich? Die Streicher sind so laut!), schneidet Sergej Moya spielfilmtypisch zur "Zigarette danach". Auch deshalb ist "Hotel Desire" weniger gewagt und neu, als etwa die grausamen Sexszenen, mit denen Larry Clark vor fast zehn Jahren in seinem Spielfilm "Ken Park" experimentierte.

Während im "echten" Porno der Sex allzu oft kalt, roh und kaputt ist, igelt sich der "PorNEO" in einer sauberen Welt der Wärme, Nähe, Behutsamkeit und Schönheit ein. Sex will hier nicht revolutionär, transgressiv oder auch nur versaut sein, sondern gefällt sich als kleine Leichtsinnigkeit zwischen zwei erwachsenen Menschen.

Im Lachen über die Schlusspointe von "Hotel Desire" - die Zigarette löst die Sprinkleranlage des Hotels aus, der "heißeste Tag seit sieben Jahren" endet mit einem künstlichen Schauer - mischt sich im Kinosaal die Erleichterung darüber, dass Sergej Moya nach all der Spannung, die er im Vorfeld aufzubauen wusste, seine Zuschauer nicht ernsthaft aufwühlen oder herausfordern, sondern nur ein bisschen unterhalten wollte. "Nett", sagt anschließend einer im Kinofoyer. "Ganz witzig, oder?", fragt eine andere. "Und jetzt? Premierenparty?"

So verpufft der "echte" Sex des Kuschelpornos "Hotel Desire" in Harmlosigkeit und Wohlgefallen.

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Hotel Desire

Deutschland 2011

Regie/Drehbuch: Sergej Moya

Darsteller: Saralisa Volm, Clemens Schick, Palina Rojinski, Herbert Knaup

Produktion: teamWorx, Von Fiessbach Film

Verleih: Download bei Videoload.de

Länge: 40 Minuten

FSK: ab 16

Start: 8. Dezember 2011