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Internet-Vermarktung: Hollywood-Stars proben den Aufstand

Von Nina Rehfeld

Hollywoods neuester Actionthriller auf dem PC? Schon im Herbst könnte es soweit sein – dann will Morgan Freeman seinen Film "10 Items or Less" zeitgleich im Kino und im Internet veröffentlichen. Regisseur Steven Soderbergh plant eine ähnliche Vermarktungs-Revolution. Die verunsicherte Filmbranche tobt.

Schon Ende Januar sorgte Steven Soderbergh für Wirbel in Hollywood: Sein Low-Budget-Stück "Bubble" veröffentlichte er nahezu zeitgleich im Kino, im Kabelfernsehen und auf DVD. Nun folgt der Schauspieler und Produzent Morgan Freeman mit seinem Film "10 Items or Less" unter der Regie von Brad Silberling ("Lemony Snicket") mit Plänen zum Online-Vertrieb. Steht der Filmindustrie eine Revolution bevor?

Regisseur Soderbergh: "Den Verbrauchern eine Wahl geben"
AP

Regisseur Soderbergh: "Den Verbrauchern eine Wahl geben"

Soderbergh hat neben "Bubble" noch fünf weitere Projekte zur Simultanvermarktung in Arbeit. Bei dem 43-Jährigen ("Sex, Lügen und Videotape") "fiel der Groschen", wie er in einem Interview auf seiner Website sagt, als Mark Cuban, Internet-Milliardär und Eigner des Basketballteams Dallas Mavericks, im Jahre 2003 kurz nach einem Treffen mit Soderbergh die "Landmark"-Kinokette mit 59 Arthaus-Theatern erwarb. Cuban ist außerdem Besitzer der Vertriebsfirma Magnolia, Mitbegründer des Kabelkanals HDNet und inzwischen Soderberghs Partner in der Produktionsfirma 2929. "Ich sagte zu ihm", erinnert sich der Regisseur, "wie wäre es, wenn wir einen Deal über sechs Filme machen, die wir zugleich in verschiedenen Medien herausbringen, und jeder das kriegt, was er will?" Soderberghs Sechsling ist als experimenteller "Americana-Zyklus aus einer düsteren Perspektive" gedacht, an glamourfreien Orten mit dort ansässigen Laien aus deren echten Leben heraus improvisiert.

Doch nicht das filmische, sondern das Marketing-Konzept sorgt für Aufruhr. In amerikanischen Medien wird die Strategie, die unter der etwas kryptischen Bezeichnung "day-to-date" läuft, bereits mit der Erfindung des Tonfilms verglichen.

Bislang erzielt Hollywood seine Filmumsätze zu etwa 25 Prozent mit Kinokarten und zu 50 Prozent aus DVD-Verkäufen, der Rest kommt aus der Rechte-Weiterverwertung im Fernsehen - und zwar nach einem recht trägen, zeitlich stark gestreckten System. Während sich die Musikindustrie und das amerikanische Fernsehen längst offensiv mit der zeitnahen Vermarktung ihrer Inhalte über neue, digitale Plattformen beschäftigen (NBC launchte soeben seine neue Justizserie "Conviction" über Apples Internet-Portal iTunes), zeigt sich die schwerfällige Film-Industrie von den Initiativen Soderberghs und Freemans unangenehm überrascht.

Einfacher kaufen als klauen

Vor allem Kinobetreiber, verstärkt aber auch Regisseure fühlen sich durch die Verlagerung des Kinosaals ins Wohnzimmer oder auf den PC bedroht. Doch das von Internetpiraterie gebeutelte Hollywood, dessen Box-Office-Umsätze bereits im vierten Jahr in Folge sinken, hat es bislang versäumt, Strategien zum Umgang mit der Krise zu entwickeln und das Kino an veränderte, digitale Konsumgewohnheiten anzupassen.

Soderberghs Firma 2929 nennt auf ihrer Website als Unternehmensziel, "den Verbrauchern eine Wahl zu geben beim Wie, Wann und Wo des Filmkonsums". Der Regisseur wies in einem Interview außerdem auf den Independent-Film als besonders verletzliches Opfer schwindender Zuschauerzahlen hin, dem man mit neuen Strategien zum Überleben verhelfen müsse.

Morgan Freeman, 68, arbeitet schon seit vier Jahren an einer Strategie gegen Videopiraterie. Mit einer Partnerschaft zwischen seiner Produktionsfirma Revelations Entertainment und dem Online-Portal Clickstar will er dagegen nun zu Felde ziehen. "Wenn jemand vor acht Jahren eine Handvoll Leute aus der Musikindustrie mit nach Hause genommen hätte", sagt der Schauspieler in einem Video der Clickstar-Website, "um ihnen diese neuen Geräte namens MP3-Player und ihr Potential zu zeigen, dann hätte vielleicht einer der Manager Maßnahmen ergreifen können, bevor die Musikpiraterie derart ausuferte." Die große Chance seines neuen Modells liege darin, erklärt Freeman, dass Konsumenten Filme damit einfacher kaufen als klauen könnten.

Bedrohte Kino-Magie?

Der Schauspieler, der in seinem Wohnort im ländlichen Mississippi nach eigenen Angaben eine zweistündige Fahrt zum nächsten Kino in Kauf nehmen müsste, entwickelte sein Kino-auf-Abruf-Konzept in Zusammenarbeit mit seiner Geschäftspartnerin Lori McCreary, die gelernte Informatikerin ist und als Filmproduzentin arbeitet. Freeman und McCreary gründeten vor zwei Jahren das Internet-Portal Clickstar und kündigten im Januar 2005 eine strategische Allianz von Revelations Entertainment mit dem Chiphersteller Intel an. Freeman konnte außerdem die Hollywood-Schauspieler Tom Hanks und Danny DeVito als öffentliche Unterstützer gewinnen, zuletzt auf einer Elektronik-Messe, auf der Intel Anfang Januar in Las Vegas ein neues Interface zur Nutzung von digitalen Medieninhalten vorstellte. Hanks und DeVito sind derzeit mit Freeman auch über gemeinsame "day-to-date"-Projekte im Gespräch.

Andere Hollywood-Schwergewichte zeigen sich eher verunsichert. Regisseur M. Night Shyamalan ("The Sixth Sense", "The Village") drohte bereits damit, keine Filme mehr zu machen, falls das Kino stürbe. Shyamalan sieht sich durch die Vorstöße seiner Kollegen in seiner künstlerischen Integrität angegriffen. "In einem Kinosaal bin ich Teil einer kollektiven Seele. Das ist die Magie des Kinos", sagte der 35-Jährige im vergangenen Oktober auf der Kinobetreiber-Messe ShowEast in Orlando und warnte die Anwesenden: "Wenn sich das hier durchsetzt, werden die meisten Ihrer Kinos schließen müssen. Es wird Sie ruinieren."

Stars näher an die Fans

Der Vorstand der National Association of Theatre Owners, John Fithian feixte kurz nach dem Start des Soderbergh-Werks "Bubble", der Film habe "trotz millionenwerter Medien-Publicity eine sehr schwache Leistung abgeliefert und ist im Kino gescheitert". Tatsächlich enttäuschte "Bubble" nicht nur durch ein allzu dürres Drehbuch, sondern auch mit einem Kinoergebnis von bisher nur 145.000 Dollar bei Produktionskosten von 1,6 Millionen Dollar. Mark Cuban hingegen behauptet, der Film habe inzwischen inklusive Box Office, DVD-Bestellungen und "anderen Umsätzen" etwa fünf Millionen Dollar eingespielt. Doch in einer von geschickten Zahlenjongleuren bevölkerten Industrie gilt es, dies auch glaubhaft zu belegen.

James Ackerman, Vorstand von Morgan Freemans Clickstar, begegnet der Aufregung unterdessen mit Gelassenheit. "Wir wollen das Studiosystem nicht brechen", sagte er im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Schon als Videorekorder auf den Markt kamen, wurde der Tod des Kinos ausgerufen. Ich glaube eher, dass unser Modell gut für die Filmindustrie ist, weil sie damit ihre Produkte breiter vermarkten kann."

Nach Angaben Ackermans plant Clickstar, die weltweiten Breitband-Rechte für Filmprojekte mit Budgets zwischen 2 und 40 Millionen Dollar für 10 bis 17 Jahre zu erwerben und nach dem US-Launch im Herbst auch in anderen Ländern Download-Plattformen zugänglich zu machen. Schon zwei Wochen nach dem Kinostart sollen die Filme dann im Netz zum Kauf oder der begrenzten Vermietung bereitstehen. Gemeinsam mit Freeman arbeitet Ackerman außerdem an "Steckenpferd-Plattformen" für Prominente - Programme, in denen Hollywoodstars "persönliche, fürs Studio-System ungeeignete Projekte" verwirklichen. "Das Ziel ist, die Stars näher an die Fans zu bringen", so Ackerman. Freeman selbst plane bereits einen abonnierbaren Weltall-Kanal im Internet - Filme, Dokus, Interviews und Sternenkarten inklusive.

Zunächst allerdings muss sich Griff nach den Sternen via Internet wohl erst einmal als lohnendes Geschäft erweisen. Auch wenn das Argument, mit dem Cubans langjähriger Geschäftspartner Todd Wagner das "day-to-date"-Konzept in der "Washington Post" bewarb, einleuchtet: "Wenn man einen Song im Radio hört, heißt es ja auch nicht: Wir hoffen, das hat Ihnen gefallen, die CD können sie in fünf Monaten kaufen."

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