Interview 2. Teil David Lynch über Gewalt im Kino, O. J. Simpson und Rasenmäher


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Momentan wird das Thema "Gewalt im Kino" heftig diskutiert, unter anderem ausgelöst durch David Finchers "Fight Club". Auch Sie haben immer wieder mit drastischen Gewaltszenen schockiert. Welchen Standpunkt vertreten Sie?

Lynch: Ich glaube, auf der Leinwand ist Platz für alles. Das Leben ist nun mal sehr kontrastreich und voller Gewalt und man muss in der Lage sein dürfen, die Geschichten zu erzählen, die da sind. Wichtig ist, wie Gewalt verankert wird. Wenn sie im Kontext der Geschichte steht und nicht als Selbstzweck benutzt wird, dann finde ich es in Ordnung, aber man sollte sich seiner Verantwortung stets bewusst sein. "Fight Club" habe ich nicht gesehen.

SPIEGEL ONLINE: Mit Ausnahme des "Elefantenmenschen" beschäftigen sich alle Ihre Filme mit Amerika und Amerikanern...

Lynch: Nein, das stimmt nicht ganz. Für mich haben sie politisch gesehen nicht das Geringste mit Amerika zu tun. Jede Geschichte trägt zu einem Gesamtbild bei, und wie verrückt sie auch sein mag, es geht immer um menschliches Verhalten ganz allgemein, egal wo.

SPIEGEL ONLINE: Vor allem "Lost Highway" gab ja beträchtliche Rätsel auf.

Lynch: Eine Geschichte über Wahnsinn. Es könnte sein – obwohl ich davon selbst nicht ganz überzeugt bin – dass der Film ein Resultat des O.-J.-Simpson-Phänomens gewesen ist. Rückblickend handelt er von einem mentalen Zustand, fast wie ein Tanz im Gehirn. Wenn man etwas so Schreckliches getan hat, schottet sich das Bewusstsein nach der Tat total ab. Mich interessierte, in was für einer geistigen Falle man dabei gefangen ist. Was geht in O. J. Simpsons Gehirn vor, dass er ganz normal Golf spielen kann, nachdem er seine Frau aufgeschlitzt hat? Wie funktioniert dieser Mechanismus? Normalerweile dürfte es nach so einer Tat sehr schwierig sein, es überhaupt mit sich selbst auszuhalten. Er wäre nicht in der Lage, auch nur einen einzigen ordentlichen Golfschlag auszuführen. Aber ich habe ihn nie spielen sehen, vielleicht trifft er auch nicht allzu gut. (lacht)

SPIEGEL ONLINE: Sie mögen es angeblich nicht besonders, über Ihre Arbeit zu reden...

Lynch: Stimmt genau.

SPIEGEL ONLINE: Dafür haben Sie sehr viel erzählt.

Lynch: Ich weiß auch nicht, was mit mir los ist. (lacht). Es gibt bestimmte Dinge, über die ich nicht gern rede und welche, da macht es mir Spaß. Ich habe jetzt tatsächlich mehr Auskunft gegeben, als für mich normal ist. Beängstigend (lacht).

SPIEGEL ONLINE: Und was wissen Sie seit "Straight Story" über Rasenmäher?

Lynch: Ich kann sie immer noch nicht reparieren, bin aber drauf gefahren. Das macht zwar viel Spaß, doch nur, wenn die Strecke kürzer ist als die, die Alvin zurückgelegt hat.



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