Interview "Die Freiheit unseres Hauses"

Der Kölner Filmemacher Heinrich Breloer, 66, über das Hotel seines Vaters, Wochenendsünden und seine Zeit am Studententheater


KulturSPIEGEL: Mit 17 hat man noch Träume. Erinnern Sie sich?

Filmemacher Breloer: "Herr Peymann, wo kann ich mitmachen?"
DDP

Filmemacher Breloer: "Herr Peymann, wo kann ich mitmachen?"

Breloer: Mein Vater war Kaufmann, in ihm war aber auch etwas von einem Künstler. Er hat sein Geld in die Verschönerung der Welt investiert, in ein Hotel mit Parklandschaften und Fontänen an Teichen, mit Schwimmbad und Palmen und Restauration. Ich bin in diesem Traum groß geworden, wochenendweise wenigstens. Seit dem zehnten Lebensjahr war ich von dieser schönen Welt abgeschlossen in einem katholischen Internat.

KulturSPIEGEL: Das war ein ziemlich großer Gegensatz, oder?

Breloer: Allerdings, das Internat war eine deprimierende Veranstaltung, ein Ort geistiger Enge. All das Schöne, das Sünde war, musste man nachher beichten. Aber jede Woche am Samstag konnte ich bis zum Sonntagmittag in die Freiheit fliehen und ins Kino. Aus dem Fegefeuer direkt ins Paradies. Kellner flitzten im Hotel umher, mit 17 konnte ich mich schon mit meiner Freundin zum Baden verabreden und mit ihr am Bach, wo die Forellen schwammen, zu Abend essen. Und nachher vielleicht tanzen und etwas mehr.

KulturSPIEGEL: Welcher Beruf schwebte Ihnen damals vor?

Breloer: Ich dachte in hochfliegenden Träumen sogar daran, Schriftsteller zu werden. Im Abiturbogen habe ich noch Architekt angegeben.

KulturSPIEGEL: Aber studiert haben Sie Philosophie und Literaturwissenschaft. Wie kam das?

Breloer: In meinem Freundeskreis war die Literatur das feine, interessante Geschäft. Dazu der Jazz. Nach dem Abitur wollte ich vor allem den Muff des Internats abschütteln und ging 1961 in die frische und freie Luft des liberalen Hamburg. Die Stadt war gut zu mir. Da bin ich erwachsen geworden und konnte einen Alltag für meine Träume finden.

KulturSPIEGEL: Was genau fanden Sie dort?

Breloer: Erst einmal studieren ohne Ende - in jeden Hörsaal gehen und zuhören. Wir waren hungrig auf Kunst, Realität und bald auf Politik und Protest. Am Studententheater bin ich auf eine Menge begabter Menschen getroffen und habe dort den Intendanten gefragt: "Herr Peymann, wo kann ich mitmachen?"

KulturSPIEGEL: Konnten Sie damals von Claus Peymann etwas lernen?

Breloer: Selbstverständlich. Der war schon dabei, sich zu professionalisieren. Ich habe den Betrieb bestaunt. Irgendwann habe ich dann mit einem Kommilitonen "Die letzten Tage der Menschheit" von Karl Kraus auf die Bühne des Audimax gebracht. Ich habe mir damals Filmaufnahmen vom Ersten Weltkrieg aus der Landesbildstelle geholt, die liefen im Hintergrund. Zu den grässlichen Bildern liefen die Schlager der Saison 1914 bis 1918.

KulturSPIEGEL: Die Verflechtung von Fiktion und Dokumentation zeichnete sich in Ihrer Arbeit also schon früh ab. Heute sind Sie für Ihre Doku-Dramen wie "Speer und Er" oder "Die Manns" berühmt. Ende Dezember kommt Ihr Film "Buddenbrooks" ins Kino, Ihr erster Spielfilm ohne dokumentarische Elemente. Haben Sie sich damit einen Traum erfüllt?

Breloer: Als ich den Film "Die Manns" machte, der die Biografie Thomas Manns von den zwanziger Jahren an zeigt, habe ich mich schon mit dem Wunsch getragen, die "Buddenbrooks" zu verfilmen, sozusagen die innere Biografie des jungen Thomas Mann und seiner Familie in Lübeck.

KulturSPIEGEL: Ist das nicht die Geschichte einer versunkenen Welt?

Breloer: Das Schöne an einem großen Kunstwerk und Volksbuch wie "Buddenbrooks" ist, dass Sie es immer anders und neu lesen können. In meinem Film habe ich die Welt der Wirtschaft weiter nach vorn geholt, als es der Roman tut. Merkwürdig, wie manche Formeln aus dem Drehbuch heute in der Tagesschau auftauchen: "faule Kredite", "frisches Geld", "Je größer der Markt, desto größer die Chancen". Aufstieg und Bankrott - die Parallelen zu unserer Zeit sind offensichtlich.

INTERVIEW: CLAUDIA VOIGT


Heinrich Breloers "Buddenbrooks"-Verfilmung, u.a. mit Armin Mueller-Stahl, August Diehl und Jessica Schwarz, kommt am 25. Dezember in die Kinos.



© KulturSPIEGEL 12/2008
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