Interview "Ich muss mit Angst leben"

Ein Gespräch mit dem Regisseur Lars von Trier über Gewalt, Sex und Selbsttherapie. Und seinen neuen Film "Antichrist".

MFA

KulturSPIEGEL: Herr von Trier, Ihr neuer Film "Antichrist" hat alles, womit man sich einen Kinoabend verderben kann: extreme Gewalt, Psychoterror, Pornografie. Muten Sie den Zuschauern nicht etwas viel zu?

Lars von Trier: Ach, ich habe den Film für ein Publikum wie mich gemacht, und ich persönlich werde ja ganz gern ein bisschen provoziert. Als ich "Antichrist" geschrieben habe, hatte ich eine schwere Depression, und irgendwo in meinem kranken Kopf existierten ebendiese Bilder. Damit müssen sich die Zuschauer abfinden.

KulturSPIEGEL: Keine Angst vor Zensur?

von Trier: In den USA ist das kaum zu vermeiden, in Europa hingegen lassen sie den Film ungeschnitten in die Kinos, sogar in Deutschland. Das ist schon verblüffend.

KulturSPIEGEL: Bleibt das Risiko, dass die besonders harten Szenen so übermächtig wirken, dass der Rest des Films hinter ihnen verschwindet.

von Trier: Ich denke nicht, dass die Szenen die Geschichte verdecken. Sex, Gewalt, Wahnsinn - darum dreht sich in diesem Film doch alles. Es wäre wirklich prüde, das nicht zu zeigen. Komplett falsch. Daran gab es für mich nie einen Zweifel. Nur die Journalisten erwarten immer eine Art Rechtfertigung für den Film.

KulturSPIEGEL: Das Publikum nicht?

von Trier: Wenn einer meiner Lieblingsregisseure anfinge, seine Filme zu erklären und sich zu entschuldigen, wäre ich ziemlich enttäuscht. Ein Film sollte als Statement für sich stehen können. Ich glaube, auch Nietzsche hätte sich nie rechtfertigen wollen. Wenn man einen bestimmten Punkt überschritten hat, ist jede Rechtfertigung schwierig. Nehmen Sie Hitler! Wo hätte der mit dem Entschuldigen anfangen sollen?

KulturSPIEGEL: Absurder Vergleich. Wenn Sie sich nicht erklären möchten, haben Sie dann keine Angst davor, missverstanden zu werden?

von Trier: Der Film greift einfach ein paar Themen auf und treibt sie ins Extreme. Ins sehr Extreme, zugegeben. Aber das ist alles Fiktion, das spiegelt nicht meine persönlichen Ansichten wider. Ich glaube ja nicht wirklich daran, dass es viele Frauen gibt, die ihre Ehemänner gnadenlos durch den Wald jagen und umbringen wollen, so wie Charlotte Gainsbourg in "Antichrist".

KulturSPIEGEL: Wirklich nicht? Von Ihrer ersten Ehe sprechen Sie auch immer als großem Kampf.

von Trier: Stimmt, das war eine Schlacht zwischen den Geschlechtern, aber das ist lange her. Mit meiner jetzigen Frau geht es viel besser. Wissen Sie, es ist fürchterlich, mit einem Depressiven zusammenzuleben, das saugt dir das ganze Leben aus. Aber sie ist sehr liebevoll und sehr, sehr geduldig mit mir, obwohl ich ganz offensichtlich verrückt bin.

KulturSPIEGEL: Das Frauenbild Ihrer Filme wird oft kritisiert, weil die Heldinnen gutherzige Opferfiguren sind, denen die grausamsten Dinge passieren. Diesmal haben wir es mit einer Frau zu tun, die sich selbst als Inkarnation des Bösen sieht und alle Frauen als potentielle Hexen begreift. Auch nicht besser, oder?

von Trier: Man kann darüber diskutieren, ob mein Frauenbild nun gut oder schlecht ist, aber fest steht: Die Frauenrollen in meinen Filmen sind viel interessanter als in den meisten anderen. Das schätzen Schauspielerinnen. Und das war sicher auch der Grund, wieso Charlotte so scharf darauf war, diesen Film mit mir zu machen.

KulturSPIEGEL: Dann war es also gar nicht schwer, eine Schauspielerin zu finden, die bereit war, sich Ihnen so auszuliefern?

von Trier: Schon, wir haben verschiedene Frauen ausprobiert. Wir hatten ein langes Gespräch mit Eva Green. Ich bin sicher, dass sie die Rolle wollte, aber es hat nicht geklappt. Ihre Agentur hatte etwas dagegen. Erst gab es ein ewiges Hin und Her, und dann haben sie irgendwann eine Liste angefordert, in der ich aufzählen sollte, wie oft man Eva Greens Nippel sehen wird. Stellen Sie sich das bloß vor! Das ganze wurde am Ende so absurd, dass ich Eva Green einen Brief geschrieben habe: "Fuck you, fuck you, fuck you!" Man will einfach nicht Monate mit Diskussionen verschwenden, das ist idiotisch.

KulturSPIEGEL: Mit Charlotte Gainsbourg waren Sie sich sofort einig?

von Trier: Sie ist phantastisch, ein Geschenk für den Film. Das Erste, was sie beim Casting sagte, war: "Ich sollte das jetzt nicht erzählen, aber für die Rolle würde ich sterben." Das ist das, was man will.

KulturSPIEGEL: Eine Idealbesetzung.

von Trier: Auf jeden Fall, obwohl ich mir eigentlich erst viel jüngere Menschen vorgestellt hatte. Aber damals hatte ich, ehrlich gesagt, wenig Energie für die Suche. Mir ging es zu schlecht. Deshalb war ich auch sehr glücklich, als Willem Dafoe mir plötzlich eine E-Mail schrieb und fragte, ob ich nicht was für ihn habe im Herbst, da sei er frei. Ich antwortete: "Klar, wenn du dich traust!"

  • 1. Teil: "Ich muss mit Angst leben"
  • 2. Teil
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