Interview mit Anthony Hopkins: "Politische Korrektheit ist das wirklich Böse"

Von Nina Rehfeld

Vor zehn Jahren wurde Anthony Hopkins, 63, als Hannibal "The Cannibal" Lecter zum betörendsten Filmbösewicht der Neunziger. Mit SPIEGEL ONLINE spricht der inzwischen geadelte Waliser über vegetarische Anwandlungen, das Grauen der Mittelmäßigkeit und einen dritten "Hannibal".

"Hannibal" Hopkins: "Ein Käsesandwich ist gut genug für mich"
AP

"Hannibal" Hopkins: "Ein Käsesandwich ist gut genug für mich"

SPIEGEL ONLINE:

Sir Anthony, haben Sie schon mal einen Albtraum von Hannibal Lecter gehabt?

Anthony Hopkins Nein. Mein einziger Albtraum ist, dass ich meinen Text vergesse.

SPIEGEL ONLINE: Es gab einige Querelen um "Hannibal". Wie weit waren Sie selbst in die Streitereien involviert?

Hopkins Ich habe mich rausgehalten. Als Jonathan Demme, der Regisseur von "Das Schweigen der Lämmer", sich entschied auszusteigen, rief er mich an und erklärte mir die Gründe. Ihm gefielen einige Figuren und das Ende nicht. Ich war ein wenig überrascht, um ehrlich zu sein.

SPIEGEL ONLINE: Die Brutalität von "Hannibal" hat eine hitzige Diskussion über Gewalt im Film ausgelöst. Wie ist Ihre Haltung dazu?

Hopkins Dieses ganze Gejammer ist nichts weiter als selbstgerechter Mist. Es ist politisch korrekt, zu allem und jedem Bedenken zu haben. Ich finde das entsetzlich scheinheilig. Die Leute haben viel zu wenig Humor. Sie regen sich über alles auf. Ich sage: Entspannt euch.

Filmszene aus "Hannibal" (mit Julianne Moore): "Die Leute haben viel zu wenig Humor"
REUTERS

Filmszene aus "Hannibal" (mit Julianne Moore): "Die Leute haben viel zu wenig Humor"

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie während der Dreharbeiten je vegetarische Anwandlungen verspürt?

Hopkins Ehrlich gesagt mag ich Fleisch sowieso nicht besonders. Ich bin kein Gourmet, ein Käsesandwich ist gut genug für mich.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie je gezögert, diese Rolle zu spielen?

Hopkins Nein. Wenn mir jemand den Iago aus Richard III., anböte, würde ich auch nicht zögern. Hannibal Lecter ist eine Projektion unserer kollektiven Schattenwelt. Große Autoren wie Shakespeare haben die Schönheit der menschlichen Seele gesehen, aber sie haben auch ihre bodenlose Brutalität erkannt, wie sie in Ihnen und mir und in uns allen schlummert.

SPIEGEL ONLINE: Sie finden anscheinend großen Gefallen an der dunklen Seite der menschlichen Seele...

Als FBI-Agentin Clarice Starling auf Hannibals Spuren: Julianne Moore
AP

Als FBI-Agentin Clarice Starling auf Hannibals Spuren: Julianne Moore

Hopkins Natürlich, Sie etwa nicht? Dem Publikum gefällt es ebenfalls. Es rennt doch auch keiner nach einer Achterbahnfahrt zum Psychiater, nur weil er sich ein paar Minuten dem Schrecken hingeben hat. Man erzählt Kindern Geistergeschichten, ohne sie danach auf die Couch zu schicken. Mein Vater hat mir Geschichten vom Schwarzen Mann erzählt, und ich japste vor Angst, um hinterher drüber zu lachen.

SPIEGEL ONLINE: Wovor graut Ihnen heute?

Hopkins Mir graut vor dem Kult der Mittelmäßigkeit. Politische Korrektheit ist das wirklich Böse in unserer Welt. Hemmungen und Verdrängungen haben Schreckliches hervorgebracht: die Inquisition, Faschismus, McCarthyismus. Der Puritanismus und die Unterdrückung der Schattenseite des Menschen haben die Welt verwüstet.

"Feinschmecker" Hannibal: "Lecter muss von Clarice zerstört werden"
AP

"Feinschmecker" Hannibal: "Lecter muss von Clarice zerstört werden"

SPIEGEL ONLINE: Das Ende von "Hannibal" lässt eine weitere Fortsetzung erahnen. Sind Sie für einen dritten Teil zu haben?

Hopkins Wenn er gut ist, warum nicht? Ich habe ein paar Ideen entwickelt, die ich mit Ridley Scott besprochen habe, und auch Thomas Harris hat Interesse daran bekundet. Wenn es einen dritten Teil geben sollte, dann muss es die Auflösung sein. Lecter muss von Clarice zerstört werden und zwar auf seinen eigenen Wunsch, um sich und sie von dieser grässlichen inneren Qual zu befreien. Und zwar nicht aus moralischen Gründen, oder um politisch korrekt zu sein, sondern weil es der logische Schluss der Geschichte ist. Der Minotaur muss zerstört werden, das Untier muss von seiner Qual erlöst werden wie Quasimodo oder das Phantom der Oper.

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