Interview mit Danny Boyle und Alex Garland "Gewalt ist keine Krankheit, die man sich von al-Qaida einfängt"

Der britische Regisseur Danny Boyle und der Drehbuchautor Alex Garland sprachen mit SPIEGEL ONLINE über ihren Horror-Film "28 Days Later", die neue Konsumenten-Klasse und die Lust an der Apokalypse.


Danny Boyle, 46, geboren in Manchester, machte 1994 mit der schwarzen Komödie "Shallow Grave" auf sich aufmerksam. Zwei Jahre später begeisterte er durch seine unorthodoxe Umsetzung des Junkie-Romans "Trainspotting". Der Film ermöglichte ihm Großproduktionen wie "A Life Less Ordinary" (1997) und "The Beach" (2000), bei dem er erstmals mit dem Romancier Alex Garland zusammen arbeitete
AP

Danny Boyle, 46, geboren in Manchester, machte 1994 mit der schwarzen Komödie "Shallow Grave" auf sich aufmerksam. Zwei Jahre später begeisterte er durch seine unorthodoxe Umsetzung des Junkie-Romans "Trainspotting". Der Film ermöglichte ihm Großproduktionen wie "A Life Less Ordinary" (1997) und "The Beach" (2000), bei dem er erstmals mit dem Romancier Alex Garland zusammen arbeitete

SPIEGEL ONLINE:

Mr. Boyle, Sie machen Filme wie "Trainspotting" und "The Beach", die die zunehmende Verwilderung vermeintlich zivilisierter Menschen zum Thema haben. Was fasziniert Sie so an dieser Thematik?

Danny Boyle: Das ist eine interessante Wahrnehmung. Ich glaube, was meine Filme wirklich gemeinsam haben, ist, dass sie sämtlich in der Konsumentengesellschaft spielen. In England drehen sich seit dem Zweiten Weltkrieg viele Filme um das Klassensystem - die Arbeiterklasse, die Mittelklasse, die Oberklasse und die Kämpfe zwischen ihnen. Wir dagegen haben eine neue Klasse ins Auge gefasst: die Konsumenten. Man nennt sie bei uns in England auch die "High-Street-Kultur": Die Shopper, die jeden Mist kaufen. Ich bin in dieser Szenerie total zu Hause - ich fürchte, ich bin sogar auch ein Teil der High Street!

SPIEGEL ONLINE: Sie sind ein besessener Shopper?

Boyle: Klar, ich kaufe jeden Mist. Es geht ja gar nicht um die Waren, es ist vielmehr der Akt des Kaufens. Ein bisschen ist das wie der Kirchgang - das Shoppen hat ihn sogar in gewisser Hinsicht ersetzt. Statt in die Kirche gehen wir heute in die Einkaufszentren. Und über dieses Ritual definieren wir uns.

Alex Garland, 32, geboren in London, erlangte internationale Anerkennung durch seinen verstörenden Reise-Roman "The Beach" (1997). Bei der Verfilmung seines jüngsten Buches "28 Days Later" arbeitete er zum zweiten Mal mit Danny Boyle zusammen
Tom Miller

Alex Garland, 32, geboren in London, erlangte internationale Anerkennung durch seinen verstörenden Reise-Roman "The Beach" (1997). Bei der Verfilmung seines jüngsten Buches "28 Days Later" arbeitete er zum zweiten Mal mit Danny Boyle zusammen

Alex Garland: Es wird behauptet, Danny mache Filme über die Hoffnungen und Träume der Konsumenten. Ich glaube, das trifft zu, auch wenn es hier eher um ihre Ängste und Albträume geht. Aber in gewissem Sinn werden auch ihre Wünsche thematisiert - eine Apokalypse ist ja eine Art Wunscherfüllung. Wenn man in einer Stadt wie London lebt, hat man oft genug den dringenden Wunsch, diese Stadt völlig entleert zu sehen. Man wünscht sich, dass alle Autos und alle Leute verschwinden. Eine sehr befriedigende Phantasie, vor allem, wenn man sich vorstellt, zu den Überlebenden einer solchen Katastrophe zu zählen. Man kann im Buckingham Palace übernachten oder sich in den Toyota Landcruiser setzen, den man immer haben wollte, sich aber nie leisten konnte, und ihn durchs Schaufenster des Autohauses lenken! Was die High Street ja wirklich will, ist alles, was sie in der High Street zu sehen bekommt. Diese Leute möchten in die Lage versetzt werden, in den Supermarkt zu schlendern und alles aus den Regalen zu räumen.

SPIEGEL ONLINE: Das reinigende Chaos?

Boyle: Schon. Auf diese Weise kann man sich sehr wirkungsvoll von dem ganzen überflüssigen Zeugs befreien, das man so angesammelt hat.

SPIEGEL ONLINE: Mr. Garland, Sie haben mit dem Drehbuch zu "28 Days Later" eine waschechte Zombie-Geschichte verfasst. Was interessierte Sie daran?

Boyle-Film "28 Days Later": "Ich liebe post-apokalyptische Schauplätze"
20th Century Fox

Boyle-Film "28 Days Later": "Ich liebe post-apokalyptische Schauplätze"

Garland: Ich liebe post-apokalyptische Schauplätze. Alle Zombie-Filme, die mir gefallen, spielen an solchen Orten, die von George Romero zum Beispiel. Sie interessieren mich nicht des Blutes oder der Gewalt wegen - ich mag vor allem die Schauplätze. Ich liebe diese Shopping-Mall in "Dawn Of The Dead" und die Kommentare des Films über das Konsumentenleben. Ich mag das aber auch in literarischer Form, bei J.G. Ballard zum Beispiel.

SPIEGEL ONLINE: Ist eine Genregeschichte nicht ein sehr enger Rahmen?

Garland: Nein, das war gerade der Reiz. Man hat zwei Möglichkeiten: Entweder ist man Genre-Außenseiter wie Danny, was einen davor bewahrt, sich in sorgenvoller Akribie zu verrennen. Oder man ist ein so ausgefuchster Experte wie ich, der sein Wissen benutzen kann, ohne Angst davor zu haben, es über Bord zu werfen. Ich kannte alle Regeln. Ich wusste zum Beispiel, dass nach zwei Dritteln der Strecke eine der zentralen Figuren sterben muss. So konnte ich meine imaginative Energie auf anderes konzentrieren - Themen, Ideen, Argumente und ihre Funktionsfähigkeit in einer vorgefassten Architektur.

SPIEGEL ONLINE: Ihr Film hat, in Zeiten entfesselter Aggression durch Terrorismus und Fanatismus, eine geradezu bedrückende Relevanz.

Boyle: Unser Film behauptet: Gewalt ist keine Krankheit, die man sich von den Irakern oder al-Qaida-Mitgliedern einfangen kann. Sie ist keine externe Bedrohung, sondern sie lauert in uns allen. In diesem Sinn ist er "A Clockwork Orange" sehr ähnlich: Auch hier gibt es den Traum, dass die Wissenschaft das Böse aus dem Menschen herausoperieren und ihn perfektionieren könnte. Aber tatsächlich sind wir selbst Teil des Übels, das wir so gern entfernen möchten. In uns findet ein immerwährender Kampf zwischen einem sehr primitiven Bösen und nobler Güte statt. Viele Leute halten meine Filme für zynisch, aber ich finde, sie sind im Gegenteil auf eine beinahe altmodische Art moralisch.

Soldaten in "28 Days Later": "Sie sind nicht in jedem Fall vertrauenswürdig"
20th Century Fox

Soldaten in "28 Days Later": "Sie sind nicht in jedem Fall vertrauenswürdig"

Garland: Die These des Films ist, dass Gewalt kein Virus von außen ist, der uns befällt und für immer verändert. Sie existiert. Immer. Deswegen eröffnet der Film mit Bildern von Gewalt und Morden, aufgenommen rund um den ganzen Erdball. Das ist die Realität hier, jeden Tag. Dennoch spricht uns das nicht unsere Menschlichkeit ab, auch wenn es uns vorübergehend entmenschlicht. Wenn es vorbei ist, sind wir noch immer Menschen.

SPIEGEL ONLINE: Warum stellen Sie ausgerechnet das Häuflein Soldaten, von dem sich die Überlebenden der Seuche am Ende des Films den Hort der Sicherheit erhoffen, als ebenso aggressiv wie die Banden von Infizierten dar?

Garland: Hier spielt die Beziehung eine wichtige Rolle, die wir Briten zum Militär haben. Sie ist stark durch den Nordirlandkonflikt geprägt. Wir sind alle an die Vorstellung gewöhnt, dass Soldaten sowohl Figuren des Guten wie des Bösen sein können. Sie sind nicht in jedem Fall vertrauenswürdig - wir haben schon viele Situationen zweifelhafter Moral unter unseren Soldaten erlebt, und das über lange Zeit. Darüber haben wir eine Art Gedankenkette zum Thema Soldaten und Zivilisten in Konfliktsituationen entwickelt. Wenn Chaos ausbricht, benimmt sich niemand mehr allzu verantwortungsbewusst - die Soldaten nicht, trotz ihrer Ausbildung, und die Zivilisten auch nicht, obwohl sie nicht als Killer geboren wurden. In Konfliktsituationen tut so gut wie jeder jedem Übles an. Manche werfen uns eine Attacke aufs Militär vor, aber das ist es genauso wenig wie eine Attacke auf die Zivilisten. Es geht einfach um Menschen, mit oder ohne Uniform.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben zuletzt mit "The Beach" gemeinsam einen großen Studiofilm gemacht, dies ist eine Independent-Produktion. Auf welchem Terrain fühlen Sie sich wohler?

Boyle: Nun, das Tolle an einer Großproduktion ist: "The Beach" haben mehr Leute gesehen als alle unsere anderen Filme zusammen. Wenn du einen Film für 50 Millionen Dollar mit einem Superstar in der Hauptrolle machst, bringt das deine Arbeit in die ganze Welt. Andererseits ist man bei kleinen Produktionen kreativer, weil man nicht das Geld hat, um Lösungen einfach zu kaufen. Man muss seine Vorstellungskraft bemühen - zum Beispiel, um ein menschenleeres London zu filmen. Mit einem großen Budget würde man einfach einen Haufen Geld hinschmeißen und sechs Location-Manager anstellen, die Tag und Nacht mit den Behörden verhandeln. Wir waren auf unsere Phantasie angewiesen.

Zombies in "28 Days Later": "In uns findet ein immerwährender Kampf zwischen einem sehr primitiven Bösen und nobler Güte statt"
20th Century Fox

Zombies in "28 Days Later": "In uns findet ein immerwährender Kampf zwischen einem sehr primitiven Bösen und nobler Güte statt"

Garland: Man hätte in diesem Fall ganz andere Zugeständnisse machen müssen. Der Junge, der die Protagonisten in der Tankstelle angreift, wäre in einem großen Studiofilm kein kleines Kind, sondern mindestens vierzehn Jahre alt.

Boyle: Ja, er hätte wie ein junger Mann aussehen müssen, nicht wie ein Kind. Das ist im Mainstream-Film völlig inakzeptabel. In "A Life Less Ordinary" gab es eine Szene, in der Cameron Diaz einem kleinen Mädchen eine Waffe an den Kopf hält und droht, es umzubringen. Eigentlich war dieses Kind sieben Jahre alt, aber die Studioleute kriegten fast eine Herzattacke und sagten: Sie muss mindestens 15 sein!

SPIEGEL ONLINE: Zurück zum leergefegten London und den verwaisten Autobahnen: Wie haben Sie das ohne großes Budget gemacht?

Boyle: Die Sache mit der Autobahn war toll, weil wir diese Verkehrspolizisten in Leicestershire fanden, die zufällig totale Filmfreaks waren. Sie machten für uns einen so genannten "rolling block" - sie unterbrachen den Verkehrsfluss, setzten sich vor die Autokolonne und fuhren mit etwa zehn Stundenkilometern vor ihr her. Wir hatten in der Mitte etwa acht Meilen Platz, dahinter krochen sie auf uns zu. Das war phantastisch - und sehr, sehr seltsam. Diese Autobahn zu sehen, die immer voll ist, ohne einen einzigen Wagen auch nur in Sichtweite - das war echt unheimlich. London war recht einfach: Wir sind an einige berühmte Stellen gefahren, die man auf der ganzen Welt kennt, und haben sie in sehr engen Blickwinkeln gefilmt. Das wirkt, als würde man ein großes Stück der Stadt sehen, aber es ist nur eine kleine Ecke. Direkt außerhalb des Bildausschnitts hatten wir ein paar sehr hübsche Mädchen, die den Verkehr aufhielten. Schließlich haben wir die Minute, die Jim zur Überquerung der Themse-Brücke braucht, in zehn Einstellungen zerlegt. Mit geschicktem Schnitt wirkt es wie ein mehrminütiger Spaziergang durch eine völlig leere Stadt.

SPIEGEL ONLINE: In "28 Days Later" geht es vor allem um Furcht. Wie sehen Ihre eigenen Ängste aus?

Garland: Mir machen Situationen wie der Krieg im Irak die größten Sorgen, weil ich nicht genau weiß, wie ich mich dazu verhalten soll. Ich war auf der großen Friedensdemo in London - weniger als Teilnehmer, denn als Zeuge - Und begann mich sehr unwohl zu fühlen, während ich dort war. Denn obwohl ich schwere Vorbehalte gegen den Krieg hatte, sah ich dort eine gigantische Mob-Mentalität, die die Situation kein bisschen verantwortlicher analysierte als die andere Seite, die bisher so gut wie gar kein Verantwortungsgefühl gezeigt hatte. George Bush ist für mich ein Mann, dem man mit tiefstem Misstrauen begegnen sollte. Aber hier sah ich diesen riesigen Mob, der sich intellektuell ebenso bankrott zeigte wie sein Gegner. Was ich fürchte, sind große Gruppen, die Entscheidungen auf Grund irgendwelcher Vorurteile fällen. Im Moment erscheint mir das als ernste und sehr reelle Gefahr.

Das Interview führte Nina Rehfeld



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