Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Interview mit Denzel Washington: "Angst ist gesund"

In dem Hollywood-Thriller "Der Manchurian-Kandidat" spielt Denzel Washington, 49, das Opfer einer politischen Verschwörung. Mit SPIEGEL ONLINE sprach der Oscar-Preisträger über die gesellschaftliche Wirkung des Kinos, die Intelligenz des Publikums und sein Streben nach Demut.

Schauspieler Washington: "Gedankenkontrolle und Gehirnwäsche findet jeder in seinem Alltag"
DPA

Schauspieler Washington: "Gedankenkontrolle und Gehirnwäsche findet jeder in seinem Alltag"

SPIEGEL ONLINE:

Herr Washington, der Polit-Thriller "Der Manchurian-Kandidat", in dem Sie die Hauptrolle spielen, wirkt wie ein Großangriff auf die Bush-Regierung. Hätte der Film eine Wirkung auf den Ausgang der Wahlen haben sollen?

Washington: Es ist doch nur ein Film. Es war mir völlig gleichgültig, welche Wirkung er hat.

SPIEGEL ONLINE: Sehen Sie die offensichtlichen Bezüge nicht? Immerhin geht es um die Kumpanei zwischen rechtskonservativen Politikern und multinationalen Konzernen.

Washington: Okay, Manchurian Global, der böse Drahtzieher des Films, ist einer von diesen mächtigen Konzernen wie Halliburton oder McDonald's. Aber was hat das schon zu besagen? Sie lesen da zu viel hinein. Ich habe diese Rolle nicht angenommen, weil ich einen politischen Film machen wollte. Wenn ich bestimmte Themen reflektieren will, brauche ich nicht meine Arbeit dafür. Ich fand das Drehbuch gut, und ich wollte wieder mit Jonathan Demme zusammenarbeiten. Wenn jemand mit diesem Film einen Zweck verfolgte, dann er.

SPIEGEL ONLINE: Jonathan Demme meinte, die Bilder aus dem Foltergefängnis von Abu Ghureib hätten ihn spontan an Szenen aus seinem Film erinnert.

Washington: Das kann ich von mir nicht behaupten. Es gibt durchaus reale Bezüge in dem Film, die ich anerkenne. Konzepte von Gedankenkontrolle und Gehirnwäsche findet jeder in seinem Alltag. Wir werden von allem möglichen beeinflusst: Werbeplakate, Videoclips, sogar von den Nachrichtenprogrammen.

SPIEGEL ONLINE: Und welchen Einfluss haben Filme?

Oscar-Gewinner Washington (2002): "Die tollen Rollen und Preise, die du bekommen hast, können dich ganz schön einlullen"
AP

Oscar-Gewinner Washington (2002): "Die tollen Rollen und Preise, die du bekommen hast, können dich ganz schön einlullen"

Washington: Sie können Assoziationen auslösen und dadurch Diskussionen anstoßen. Daran finde ich auch nichts Schlechtes, im Gegenteil. Abgesehen davon profitieren wir auch kommerziell davon. Je mehr ein Film für Aufsehen sorgt, desto mehr Leute sehen ihn sich an. Das haben "Fahrenheit 9/11" und "Die Passion Christi" gemeinsam. Ich kann es gar nicht erwarten, bei einem Film Regie zu führen, dessen Gegner kostenlose PR machen. Aber ich würde erwarten, dass das Publikum sich seine Meinung auch so bildet. Die Menschen brauchen dafür keine Filme; sie sind viel schlauer. Zumindest hoffe ich das.

SPIEGEL ONLINE: Welches Ihrer Regieprojekte könnte für eine Kontroverse sorgen?

Washington: Ich würde nicht sagen, dass es auf meinen nächsten Film zutrifft. Aber er ist auf seine Weise recht subversiv. Er heißt "The Great Debators" und handelt von einer kleinen Schule in Texas, die 1935 eines der besten Redner-Teams des Landes hatte.

SPIEGEL ONLINE: Und das ist subversiv?

Washington: Na, ein Film über intelligente Menschen - wo gibt's denn so etwas heute noch im Kino zu sehen?

SPIEGEL ONLINE: Würden Sie sich selbst als intelligent bezeichnen?

Washington: Ich denke nicht in solchen Kategorien von mir. Ich versuche demütig zu bleiben. Daran arbeite ich permanent.

Washington in "Der Manchurian-Kandidat": "Es ist doch nur ein Film"
UIP

Washington in "Der Manchurian-Kandidat": "Es ist doch nur ein Film"

SPIEGEL ONLINE: Wie kann man daran arbeiten, demütig zu bleiben?

Washington: Da gibt es verschiedenste Techniken. Aber man braucht Disziplin dafür. Manchmal denke ich zurück an die Zeiten, in denen es mir noch schlechter ging. Ich habe mir sogar mein Registrierungsbuch fürs Arbeitsamt aufgehoben; darin blättere ich manchmal herum. Oder ich bete oder meditiere. Abgesehen davon nagt ohnehin jeder Tag an deinem Selbstbewusstsein. Alle möglichen Leute konfrontieren dich mit Zweifeln oder anderen negativen Dingen. Du hast genug damit zu tun, dich am Ende eines Tages wieder aufzuladen.

SPIEGEL ONLINE: Denken Sie auch an falsche Karriereentscheidungen zurück?

Washington: Aber sicher.

SPIEGEL ONLINE: Zum Beispiel?

Washington: Ich habe die Hauptrolle in "Sieben" abgelehnt. Ich dachte, diese Geschichte sei einfach zu düster. War sie ja auch. Aber als ich den fertigen Film sah, sagte ich mir: 'Das war ein Fehler.'

SPIEGEL ONLINE: Hatten Sie Angst, dass diese Rolle Ihr Image beschädigen würde?

Washington: Welches Image meinen Sie?

SPIEGEL ONLINE: Damals waren Sie aus Filmen wie "Glory" oder "Philadelphia" als aufrechter Schwarzer bekannt, der gegen gesellschaftliche Diskriminierung kämpft.

Washington als Bösewicht in "Training Day" (2001): "Es ist mir egal, welches Etikett mir die Leute verpassen"
Warner Bros.

Washington als Bösewicht in "Training Day" (2001): "Es ist mir egal, welches Etikett mir die Leute verpassen"

Washington: Schauen Sie, es ist mir egal, welches Etikett mir die Leute verpassen. Ich suche mir die Rollen danach aus, ob ich sie gut finde. Und ich glaube auch nicht, dass die Zuschauer ins Kino gehen, weil sie ein bestimmtes Image von mir mögen, sondern weil sie gute Filme mit mir sehen wollen. Wenn ich schlecht spiele, kommt kein Mensch.

SPIEGEL ONLINE: Fürchten Sie sich davor?

Washington: Natürlich. Und das ist gut so. Die tollen Rollen und Preise, die du bekommen hast, können dich ganz schön einlullen. Du beginnst eine bestimmte Routine herunterzunudeln. Nur wenn du dich vor einer Aufgabe fürchtest, bleibst du frisch im Kopf. Angst ist sehr gesund.

Das Interview führten Julia und Rüdiger Sturm

Diesen Artikel...

© SPIEGEL ONLINE 2004
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: