"Django"-Regisseur Tarantino: "Das ist das Höllenfeuer"

Quentin Tarantino: Von "Dogs" zu "Django" Fotos
Sony Pictures

Eine Sklavenhändler-Stadt muss an Nazi-Deutschland erinnern, meint Quentin Tarantino. Im Interview erklärt der Regisseur seinen neuen Film "Django Unchained" - und seine Überzeugung, dass Sklaven morden dürfen.

SPIEGEL ONLINE: Mr. Tarantino, in Ihrem neuen Film "Django Unchained" sind die amerikanischen Südstaaten ein absolut grauenhafter Ort...

Tarantino: Ja! Erinnert fast ein wenig an Nazi-Deutschland, oder? Darauf wollte ich hinaus. Es war mir sehr wichtig, dass ich diesen Eindruck von der Candyland-Plantage, vor allem aber von der Sklavenhändler-Stadt Greenville unterschwellig mit vermittele. Sie sollte wie eine Art Auschwitz für Schwarze wirken. Denn Amerika war nicht nur für einen, sondern für zwei Holocausts verantwortlich: Die Auslöschung der amerikanischen Ureinwohner und die Sklaverei.

SPIEGEL ONLINE: Das klingt provokant und plakativ, aber übersieht das ideologische Motiv der Nazis für den maschinellen Massenmord an den Juden, das bei Ureinwohnern und Sklaverei fehlte. Entsprechend ist Django eher auf persönlicher Rachemission - im Gegensatz zu den Nazi-Jägern in "Inglourious Basterds". Oder?

Tarantino: Ja und nein. Klar, Django killt zwar eine Menge dieser Motherfucker. Aber seine eigentliche Mission ist tatsächlich, seine Frau Broomhilda zu befreien. Sein Plan sieht ja nicht vor, alle umzubringen und ein Haus in die Luft zu jagen - sondern die Verwicklungen der Story lassen es so weit kommen. Die Form der Rache ist keineswegs so eindeutig wie beispielsweise in "Inglourious Basterds".

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"Django Unchained": Spaghetti-Western, leider etwas verkocht
SPIEGEL ONLINE: Halten Sie es moralisch denn für vertretbar, wenn ein Mensch einen anderen Menschen tötet - also ein Sklave seinen Herren?

Tarantino: Das ist meine Überzeugung, ja. Ein Sklave hat unter allen Umständen das moralische Recht, seinen Herren zu töten.

SPIEGEL ONLINE: Der schwarze Filmemacher Spike Lee will Ihren Film boykottieren, weil er angeblich respektlos mit seinen Vorfahren umgeht. Verstehen Sie, was er mit diesem Vorwurf meint?

Tarantino: Nein, aber Spike Lee und ich waren uns noch nie über irgendetwas einig. Insofern passt das schon. Mehr möchte ich dazu nicht sagen.

SPIEGEL ONLINE: Wie kommt "Django Unchained" in der schwarzen Community an?

Tarantino: Naja, schauen Sie doch, wie gut der Film läuft! Phantastisch, besser als ich es mir je erträumt hätte. Das hat aber viel damit zu tun, dass wir ihn an Weihnachten ins Kino gebracht haben. Der 25. Dezember ist traditionell ein Tag, an dem schwarze Familien ins Kino gehen. Das mag Ihnen als Europäer bizarr vorkommen, aber man hängt den ganzen Tag miteinander herum, es gibt Geschenke, ein sehr frühes Abendessen, und danach wird es einfach ein bisschen langweilig. Und an diesem "Django Unchained"-Tag, früher Weihnachten genannt, sind nun komplette Familien - von der Oma bis zum kleinsten Spross - ins Kino gegangen, um sich meinen Film anzusehen. Das hat mich sehr berührt. Und wissen Sie was? Einige dieser Kids werden später Schriftsteller - und dann über ihre Erlebnisse an "Django Christmas" schreiben. Dieser Tag wird ein fester Bestandteil der schwarzen Geschichte. Vielleicht sogar ein Meilenstein.

SPIEGEL ONLINE: Finden Sie es eigentlich nicht merkwürdig, wenn Sie als Weißer ein für Schwarze so wichtiges Thema anpacken?

Tarantino: Überhaupt nicht! Vor allem ist es ja nicht so, dass ich einen alten Roman gefunden hätte, den ich oder ein beauftragter Autor als Drehbuchvorlage ausgeschlachtet hätte. Die Story entstammt komplett meiner Vorstellungskraft, vor mir lag ein leeres Blatt Papier. Das ist meine Geschichte!

SPIEGEL ONLINE: Dennoch: Wäre Geschichtsaufarbeitung in diesem Fall nicht der Job eines schwarzen Regisseurs?

Tarantino: Zunächst einmal: Ich denke, dass Weiße ebenso viel mit dem Thema Sklaverei zu tun hatten wie Schwarze. Es ist unsere gemeinsame Geschichte, es ist eine amerikanische Geschichte. Abgesehen davon betrachte ich mich nicht als weißen Regisseur, ebenso wenig wie ich einen Kollegen als schwarzen Regisseur bezeichnen würde. Wir sind alle Filmemacher, okay? Die Diskussion erinnert mich an "Inglourious Basterds". Wissen Sie warum? Weil damals alle am Set, auch Christoph Waltz, zu mir gesagt haben, dass ein Deutscher so einen Film nicht hätte machen können.

SPIEGEL ONLINE: Warum ist die Sklaverei in der amerikanischen Kultur nicht öfter ein Thema?

Tarantino: Man möchte halt nicht so genau hinsehen. Anders als Deutschland, das von der Welt gezwungen wurde, sich mit den Sünden seiner Vergangenheit zu befassen, und damit auch die Chance bekam, sich neu zu erfinden, ist Amerika bisher allen Untiefen ausgewichen. Ungefähr so, als wäre der Zweite Weltkrieg in Ihrem Geschichtsunterricht kein Thema gewesen.

SPIEGEL ONLINE: Die US-Presse führte eine Debatte darüber, wie historisch präzise ein Filmemacher arbeiten muss, wenn er so ein schweres Thema wählt. Vor allem an Ihrer Darstellung eines sogenannten Mandingo-Kampfes, bei dem zwei Sklaven gegeneinander antraten, scheiden sich die Geister.

Tarantino: Ja, weil nicht historisch gesichert ist, ob diese Kämpfe mit dem Tod endeten oder nicht. Aber wenn Sie mich fragen, dann ist es nur logisch, dass bis zum bitteren Ende gekämpft wurde, weil die Wetten so mehr Geld einbrachten.

SPIEGEL ONLINE: Gleichzeitig verlor man seinen Kämpfer...

Tarantino: Das ist die Natur des Spiels: Wenn du gewinnst, gewinnst du richtig. Wenn du verlierst, verlierst Du alles. Ob - und in welcher Form - es Mandingo-Kämpfe gegeben hat, könnte ich anhand diverser Quellen belegen, und die meisten Details in meinem Film sind historisch korrekt. Aber natürlich habe ich ja auch einen Spaghetti-Western gedreht, und Surrealismus gehört nun einmal dazu. Damit spiele ich eben ein bisschen. Ihnen ist zum Beispiel bestimmt aufgefallen, dass die Wunden sehr realistisch aussehen, wenn die Bösen losballern. Aber wenn Django feuert, explodiert das Fleisch und die Blutfontänen schießen. Seine Kugeln sind eben rechtschaffen!

SPIEGEL ONLINE: Auffällig ist vor allem Ihre Liebe für alles Deutsche. Sogar das Nibelungenlied kommt in "Django Unchained" vor.

Tarantino: Na klar! Candyland ist der Hindarfjall, der Berg der Hinde, Stephen, die rechte Hand von Plantagenbesitzer Candie, ist der Drache, und die Ketten der Sklaven sind das Höllenfeuer. In einem der letzten Bilder im Film muss Django buchstäblich durch Flammen laufen, um zu seiner Broomhilda zu gelangen. Die Siegfried-Sage ist ein Spaghetti-Western!

Das Interview führten Andreas Borcholte und Thomas Hüetlin

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1. Absturz
pantapan 22.01.2013
Ich war mal ein begeisterter Anhänger seiner Kunst. Reservoir Dogs, Pulp Fiction, Jackie Brown, Kill Bill 1+2 Death Proof - allesamt sehr unterhaltsam und gut gemacht Inglourious Basterds war schon sondermüllverdächtig und Django Unchained geht wohl in die selbe Richtung. Schade!
2.
frunabulax 22.01.2013
Zitat von pantapanIch war mal ein begeisterter Anhänger seiner Kunst. Reservoir Dogs, Pulp Fiction, Jackie Brown, Kill Bill 1+2 Death Proof - allesamt sehr unterhaltsam und gut gemacht Inglourious Basterds war schon sondermüllverdächtig und Django Unchained geht wohl in die selbe Richtung. Schade!
Schade, dass Sie den Film offensichtlich nicht einmal gesehen haben und von Absturz faseln.
3.
ganzsichernicht 22.01.2013
Zitat von pantapanIch war mal ein begeisterter Anhänger seiner Kunst. Reservoir Dogs, Pulp Fiction, Jackie Brown, Kill Bill 1+2 Death Proof - allesamt sehr unterhaltsam und gut gemacht Inglourious Basterds war schon sondermüllverdächtig und Django Unchained geht wohl in die selbe Richtung. Schade!
Ich sag's jetzt mal wie's ist: Sie haben keine Ahnung von Filmen.
4. hä?
gocce 22.01.2013
"SPIEGEL ONLINE: Dennoch: Wäre Geschichtsaufarbeitung in diesem Fall nicht der Job eines schwarzen Regisseurs?" Warum? Dürften Ihrer Meinung nach nur Regisseure deren Vorfahren KZ-Überlebende waren die deutsche Geschichte aufarbeiten?
5.
Zaunsfeld 22.01.2013
Zitat von pantapanIch war mal ein begeisterter Anhänger seiner Kunst. Reservoir Dogs, Pulp Fiction, Jackie Brown, Kill Bill 1+2 Death Proof - allesamt sehr unterhaltsam und gut gemacht Inglourious Basterds war schon sondermüllverdächtig und Django Unchained geht wohl in die selbe Richtung. Schade!
Ich wette, über Kubrick haben Sie dasselbe gesagt ... oder?
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ZUR PERSON
Quentin Tarantino, Jahrgang 1963, ist einer der erfolgreichsten Autorenfilmer Hollywoods, seine Drehbücher wurden mit vielen Preisen ausgezeichnet. Tarantino wurde in Knoxville, Tennessee, geboren. Als Zweijähriger zog er mit seiner Mutter, einer Halbindianerin, nach Los Angeles. Seit seinem 20. Lebensjahr arbeitete er in einer Videothek und sammelte sich so ein großes B-Movie-Wissen an. Mit "Pulp Fiction" gewann Tarantino 1994 die Filmfestspiele in Cannes und erhielt einen Oscar für das Drehbuch. Seitdem hat er sechs weitere Filme gedreht. Sein neuestes Werk "Django Unchained" ist für zwei Oscars nominiert. Bei den Golden Globes erhielt Tarantino den Preis für sein Buch, Darsteller Christoph Waltz wurde ebenfalls ausgezeichnet.


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