Interview mit Elia Kazan "Was sollte ich bereuen?"

In einem seiner letzten Interviews sprach der Hollywood-Regisseur Elia Kazan über die Höhen und Tiefen seiner Karriere, Entdeckungen wie Marlon Brando und James Dean und die derzeitige US-Regierung.


Regisseur Kazan (1996): "Ich habe mich immer als Außenseiter gefühlt"
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Regisseur Kazan (1996): "Ich habe mich immer als Außenseiter gefühlt"

SPIEGEL ONLINE:

Herr Kazan, obwohl Sie von den vierziger bis zu den sechziger Jahren als Theaterregisseur am Broadway und als Filmemacher in Hollywood immens erfolgreich waren, haben sie sich immer als Außenseiter verstanden. Fühlten Sie sich als griechischer Immigrant in den USA falsch verstanden?

Elia Kazan: Es stimmt, ich habe mich immer als Außenseiter gefühlt. Dies rührt allerdings weniger von meiner anatolisch-griechischen Herkunft her, der durch meine Großmutter sogar ein kleiner Schuss armenischen Blutes beigemischt wurde, als von der Tatsache, dass ich bei Intendanten und Studiobossen immer besonders hart für die Durchsetzung meiner künstlerischen Ziele kämpfen musste. Das Method Acting war für die meisten Filmproduzenten seinerzeit ein Gräuel. Es hat sehr lange gedauert, bis sie verstanden haben, dass sich ein Schauspieler nicht äußerlich einer Rolle nähern muss, sondern von innen. Wir hatten damals eine Reihe guter englischer Darsteller in Hollywood, die ihre Rollen allerdings wie einen Mantel an- und auszogen. Mit solchen Leuten konnte ich nicht arbeiten. Deshalb habe ich auf neue Gesichter gesetzt.

SPIEGEL ONLINE: Welche Ihrer zahlreichen darstellerischen Entdeckungen halten Sie für die wichtigste? Marlon Brando? James Dean?

Kazan-Film "On The Waterfront", Darsteller Brando: "Die beste schauspielerische Leistung"
AP

Kazan-Film "On The Waterfront", Darsteller Brando: "Die beste schauspielerische Leistung"

Kazan: Es wird Sie vielleicht wundern: keinen von beiden. Meine persönlichen Favoriten sind Karl Malden und Eli Wallach, die "Baby Doll" (1956) vor der Belanglosigkeit gerettet haben. Es sind eher unscheinbare Typen, aber sie haben das Method Acting nahezu perfektioniert - sie gehören heute noch zu meinen besten Freunden und versuchen mich ständig zu überreden, noch einmal einen Film zu machen. Natürlich ist Marlon Brando auch ein hervorragender Schauspieler. Wir beide haben so lange gut zusammengearbeitet, wie er auf meine Ratschläge gehört hat. Seine Darstellung in "On The Waterfront" ("Die Faust im Nacken", 1954) ist für mich nach wie vor die beste schauspielerische Leistung eines amerikanischen Akteurs nach dem Zweiten Weltkrieg. Seine autonomen Bestrebungen haben ihn darstellerisch dann eher etwas geschwächt.

Jimmy Dean war ein großes Talent, aber ein sehr labiler Mensch, der sich bei Dreharbeiten manchmal wie ein ungezogenes Kind gebärdete. Er wollte in erster Linie von allen geliebt werden. Ein gefährdeter Schauspieler war auch Montgomery Clift: Alkohol- und Drogensucht haben ihn zerstört. Dazu kam, dass er mit seiner Homosexualität nicht zurecht kam. Bei "Wild River" haben wir aber sehr schön zusammengearbeitet, und er erschien - bis auf einmal - nie betrunken am Set. Nebenbei gesagt, die meisten großen Schauspieler sind seelisch zerrissen, aber vielleicht sind sie auf Grund dieser Tatsache in der Lage, besonders auf Bühne und Leinwand zu glänzen.

SPIEGEL ONLINE: Ihrer Antwort ist zu entnehmen, dass Sie "Baby Doll" nicht sonderlich schätzen.

Kazan bei Dreharbeiten zu "The Visitors" (1971): "Ich habe auf neue Gesichter gesetzt"
AFP

Kazan bei Dreharbeiten zu "The Visitors" (1971): "Ich habe auf neue Gesichter gesetzt"

Kazan: "Baby Doll" ist aus heutiger Sicht nur ein Skandalfilm, der durch hervorragende schauspielerische Leistungen erträglich wird. Hiermit schließe ich Carroll Baker, die damals fast noch ein Kind war, natürlich ein. Ich will Ihnen ein Geheimnis verraten: Tennessee Williams mochte sein eigenes Drehbuch nicht besonders. Für ihn war es nur eine Mixtur aus diversen seiner alten Stücke. Obwohl - oder vielleicht gerade - weil er homosexuell war, konnte er sich sehr gut in weibliche Charaktere versetzen.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie unter Ihren Filmen einen Favoriten?

Kazan: Da gibt es eine Reihe: "Viva Zapata!" (1951/52), "Wild River" (1960) und "America, America" (1963/64), nicht zuletzt wegen der überwältigenden Musik von Manos Hadjidakis, die orientalische Folklore und okzidentale Walzerseligkeit miteinander verschmilzt.

SPIEGEL ONLINE: Warum haben Sie die Schauspielerei zugunsten des Regieberufs aufgegeben?

Kazan: Weil ich gemerkt haben, dass ich als Regisseur mehr Einfluss auf die Gestaltung eines Stoffes nehmen kann. Meine schauspielerischen Ausflüge hatten sicher auch etwas mit jugendlicher Eitelkeit zu tun. Recht bald merkte ich aber, dass ich niemals James Cagney, Humphrey Bogart oder Edward G. Robinson das Wasser reichen konnte. Auch wenn sie wie ich recht kleinwüchsig waren, hatten sie einfach das gewisse Etwas, eine unwiderstehliche Leinwandpräsenz. Die hatte ich auch, aber eben nur für Nebenrollen. Können Sie sich den großen Schauspieler Elia Kazan vorstellen? Ich nicht. Regisseur entspricht einfach mehr meinen wirklichen Fähigkeiten.

Kazan-Entdeckung Dean (in "Jenseits von Eden"): "Ein sehr labiler Mensch"
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Kazan-Entdeckung Dean (in "Jenseits von Eden"): "Ein sehr labiler Mensch"

SPIEGEL ONLINE: Es gibt einen "schwarzen Fleck" Ihrer Karriere. 1952, als die Kommunistenhetze des Senators Joseph McCarthys ihren Höhepunkt erreicht hatte, sagten Sie vor dem House Commitee of Un-American Activities aus. Bereuen Sie das rückblickend?

Kazan: Meine ehrliche Antwort: Nein. Was sollte ich bereuen? Als junger Mensch glaubte ich an den Kommunismus und war in der amerikanischen KP. Doch ich sah, dass der real existierende Sozialismus der Ostblockstaaten die Menschen genauso unterdrückte wie die Nazis. Stalin und Hitler sind für mich beide Verbrecher. Ich trat aus der Partei aus. Als mich das Komitee 1952 befragte, nannte ich nur die Namen der Parteigenossen - teilweise sogar mit deren Zustimmung. Viele Kritiker haben meinen 1954 entstandenen Film "On The Waterfront" als Verteidigung meiner Aussage und meiner Weltanschauung verstanden. Was die Weltanschauung angeht, haben sie recht: Ich habe mich für den Antifaschismus und die Wahrung der Rechte des Individuums engagiert, aber dem Kommunismus habe ich abgeschworen.

SPIEGEL ONLINE: Als Ihnen bei der Oscar-Verleihung im Jahre 1999 der "Honorary Award" für Ihr Lebenswerk überreicht wurde, gab es nicht nur Applaus.

Kazan: Bei der Oscar-Verleihung habe ich gesagt, ich könnte die Bühne ebenso gut wieder verlassen, wenn es tatsächlich so vielen unangenehm ist. Schon damals, nach meiner Aussage vor dem HUAC, gab es viele Missverständnisse und gegenseitige Schuldzuweisungen innerhalb der amerikanischen Künstlerschaft, von denen ich natürlich unmittelbar betroffen war. Daraufhin veröffentlichte ich einen ausführlichen Artikel in der "New York Times", der meine Haltung erklären sollte. Ich weiß noch immer nicht, was ich heute hinzufügen sollte. Ich müsste einfach wiederholen, was dort stand: Ich habe mir nichts vorzuwerfen.

SPIEGEL ONLINE: Sind Sie eigentlich mit der derzeitigen US-Regierung zufrieden?

Kazan: Nein, Bush ist ein noch dümmerer und gefährlicherer Affe als sein Vater.

SPIEGEL ONLINE: Sehen Sie unter den Regisseuren der Nachfolgegeneration jemanden, der noch Ihr Berufethos hat?

Kazan: Ich rede nicht gern über andere Regisseure, aber nicht, weil ich sie nicht schätze. Doch wenn Sie unbedingt wollen, Kubrick schätzte ich sehr, weil er Bilder geschaffen hat, die man niemals vergisst. "2001 - A Space Odyssee" und "Dr. Strangelove" gehören zu den herausragenden Meisterwerken der Filmgeschichte, genauso "Barry Lyndon" und "Lolita". "Full Metal Jacket" habe ich leider nicht gesehen, dafür aber seinen nachgelassenen Film "Eyes Wide Shut." Es ist eine große Parabel über die Eifersucht, die dunkle Seite der Liebe. Von der jüngeren Generation mag ich Atom Egoyan und Martin Scorsese am liebsten. Martin hat viel für mich getan, und die Restauration fast aller meiner Filme wurde durch ihn finanziert. Um offen zu sein: Am heutigen Kino bin ich nicht mehr sonderlich interessiert.

SPIEGEL ONLINE: Warum ist ihre bereits in den achtziger Jahren erstmals veröffentlichte Autobiografie nicht in deutscher Sprache erhältlich?

Kazan: Das frage ich Sie! Viele meiner Bücher wurden in Deutschland veröffentlicht, nur dieses nicht. Dabei ist es meine Art von Testament. Wenn sie etwas für mich tun wollen, schreiben Sie das, damit ich hier einen Verleger finde. Denn besser als ich dort geschrieben habe, kann ich es Ihnen jetzt auch nicht erzählen. Dennoch muss ich zugeben: Ich habe in meinem Leben viel Glück gehabt. Ich war sozusagen ein Außenseiter, der stets auf der Sonnenseite des Lebens stand.


Das Gespräch führte SPIEGEL-ONLINE-Mitarbeiter Marc Hairapetian, der Elia Kazan im Zeitraum von 1996 bis 2003 mehrfach in Berlin und New York interviewte. Das letzte Treffen fand am 14. Januar 2003 statt.



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