Interview mit George A. Romero "Zombies sind wie wir"

Der US-Regisseur George A. Romero gilt als Pionier des modernen Horrorfilms. Mit SPIEGEL ONLINE sprach der 65-Jährige über seinen neuen, vierten Zombie-Film "Land of the Dead", die schlechte Körperhaltung von Zombies und die poltische Botschaft des Gruselschockers.


Regisseur Romero: "Wenn mein Film im Weißen Haus gezeigt würde, würde ihn niemand verstehen"
AP

Regisseur Romero: "Wenn mein Film im Weißen Haus gezeigt würde, würde ihn niemand verstehen"

SPIEGEL ONLINE:

Herr Romero, Ihr letzter Zombiefilm liegt 20 Jahre zurück. Warum hielten Sie es für notwendig, noch einen zu machen?

Romero: Es war nicht unbedingt eine Frage der Notwendigkeit. Aber ich habe immer schon gedacht, dass ich noch einmal zurückkommen muss. Ich wollte den Film schon früher machen, aber aus einer Reihe von Gründen war das leider nicht möglich. Ich habe dann einen kleineren Film gemacht, und dabei haben meine Zombies die neunziger Jahre glatt verpasst. 1999 ist "Night of the Living Dead" immerhin in das Videoarchiv der Bibliothek des amerikanischen Kongresses aufgenommen worden. Zählt das auch? Na ja, jetzt habe ich jedenfalls schon den vierten Film beendet. Noch zwei, und dann ist das halbe Dutzend voll, so ähnlich wie bei "Star Wars".

SPIEGEL ONLINE: Sie wollen insgesamt sechs Filme machen!?

Romero: Das wäre nicht schlecht. Alle zehn Jahre ein Zombiefilm, dann würde ich ziemlich lange leben. Aber Spaß beiseite, ich plane das nicht. Ich habe allerdings schon ein paar Ideen, wie das Ganze weitergehen könnte.

SPIEGEL ONLINE: In "Land of the Dead" geht es um Zombies, die eine amerikanische Stadt belagern. Der Charakter von Dennis Hopper sagt in einer Szene: "Wir verhandeln nicht mit Terroristen", ein anderer droht mit einem persönlichen Dschihad. Die Bezüge auf die Bedrohung durch den islamistischen Terror sind überdeutlich. Ist das Ihre Art, den 11. September 2001 zu verarbeiten?

Szene aus "Land of the Dead": "Sie sind bewusst menschlich gehalten"
UIP

Szene aus "Land of the Dead": "Sie sind bewusst menschlich gehalten"

Romero: Ich habe Mitte 2000 angefangen, das Drehbuch für "Land of the Dead" zu schreiben. Es war im Spätsommer 2001 fertig und ich schickte es am 8. September zu den Studios, drei Tage vor den Anschlägen. Danach war es so, dass alle nur noch Familienfilme drehen wollten. Also habe ich das Buch wieder ins Regal gestellt. Die Invasion im Irak hat die Sache wieder interessanter gemacht, ich habe bestimmte Einflüsse in das Drehbuch eingearbeitet. Insofern wäre die jetzige Fassung ohne den Krieg gegen den Terror nicht denkbar, das stimmt. Aber der Film handelt nicht ausschließlich von Terrorismus. Es geht vielmehr um das Ignorieren von Problemen. Es geht um Armut, Aids und Obdachlosigkeit. In meinem Verständnis sollten Filme immer die Zeit reflektieren in der sie gedreht werden. Das gilt besonders für die sozialpolitische und gesellschaftliche Aspekte. Und die Schere zwischen Arm und Reich wird nun mal immer größer in Amerika.

SPIEGEL ONLINE: Der Zombie dient also als Metapher für die gesellschaftlichen Probleme der USA?

Romero: Auch. Das ist ja das, worum es heutzutage geht in Bushs Amerika. Die Regierung baut sich eine schöne, kleine Welt auf, in der sie verdrängt, was ihr nicht gefällt. Die denken, wenn sie ein Problem ignorieren, dann verschwindet es von selbst. Sie kapseln sich ab von der Realität, sie drehen ihr den Rücken zu und hoffen, dass das ausreicht. In "Land of the Dead" wird genau das beschrieben: Die Elite der Restmenschheit lebt in einem hohen Glasturm, während alle anderen keine Chance auf einen sozialen Aufstieg haben und in verfallenen Häusern leben. Auf der untersten Stufe stehen dann die Zombies, die nicht umsonst wie Obdachlose angezogen sind. Aber ich glaube, wenn der Film im Weißen Haus gezeigt würde, würde ihn niemand verstehen.

Romero-Film "Dawn of the Dead" (1978): "Die Zombies lernen, sie imitieren die Menschen"

Romero-Film "Dawn of the Dead" (1978): "Die Zombies lernen, sie imitieren die Menschen"

SPIEGEL ONLINE: Hinter dem Paten des modernen Horrorschockers verbirgt sich ein politisch engagierter Autorenfilmer?

Romero: Filmemachen ist eine gute Plattform, um seine Meinung auszudrücken. Ich glaube, dass es ziemlich einfach ist, in Filmen eine Botschaft zu transportieren, und ich bin davon überzeugt, dass es manchmal auch eine Pflicht ist, dass zu tun. Vor allem Fantasy- und Horrorfilme sind sehr geeignet für so etwas, die Handlung ist ohnehin komplett erfunden.

SPIEGEL ONLINE: Nach fast 40 Jahren Zombie-Historie sieht es in "Land of the Dead" so aus, als hätten die Zombies einen Evolutionssprung gemacht. Sie kommunizieren und rotten sich zusammen. Manchmal agieren sie sogar sehr menschlich.

Romero: Ich habe immer versucht, den nächsten logischen Schritt zu gehen und die Zombies als Charaktere weiterzuentwickeln. Obwohl die vier Filme inhaltlich nicht zusammenhängen, zeigen sie dennoch eine Kontinuität: Im ersten Film kamen die Zombies in der Nacht. Sie waren keine Persönlichkeiten. Am Ende des dritten Films haben sie begonnen, die Menschen zu imitieren und den Planeten zu erobern. Jetzt beherrschen sie ihn und ergreifen zum ersten Mal die Initiative. Sie sind mit Absicht menschlich gehalten. Ich habe auch darauf geachtet, dass ihr Kleidungsstil verschieden ist, ich wollte sie nicht wie eine Armee darstellen, sondern wie Individuen. Abgesehen davon mag ich den Gedanken, dass Zombies wie wir sind. Die größten Monster sind doch sowieso unsere Nachbarn, der schlimmste Horror befindet sich immer direkt nebenan. Die Zombies lernen, sie imitieren die Menschen, was wiederum die Frage aufwirft, ob sich die Menschen wie Zombies benehmen.

Romero-Klassiker "Night of the Living Dead" (1968): "Ich brauche nichts, was schnell läuft"

Romero-Klassiker "Night of the Living Dead" (1968): "Ich brauche nichts, was schnell läuft"

SPIEGEL ONLINE: Einerseits werden Sie von den jüngeren Horrorfilmregisseuren als Vorbild gepriesen und manchmal sogar "König der Zombies" genannt...

Romero: Das ist wirklich verrückt, oder? König der Zombies!

SPIEGEL ONLINE: ...andererseits haben beinahe alle anderen Kollegen mehr Geld zur Verfügung, um ihre Filme zu realisieren. Das Remake von "Dawn of the Dead" zum Beispiel war fast doppelt so teuer wie "Land of the Dead". Ärgert Sie das nicht?

Romero: Ärger ist das falsche Wort. Ich bin aber manchmal schon frustriert. Es ist ja nicht so, dass ich mir keine Mühe gebe, im Gegenteil, und dann kommen Leute ohne eigene Idee und haben einfach doppelt so viel Geld wie du. Aber ich hatte immer den Vorteil, dass ich das machen konnte, was ich wollte. Mir hat nie ein großes Studio in die Arbeit hineingeredet. Vielleicht kann man nur so Filme drehen, die länger als einen Sommer halten, und da ist es dann egal, wie viel Geld du zur Verfügung hast. Ich mache B-Filme, aber das gilt nur für die finanziellen Möglichkeiten. "Land of the Dead" ist genauso geworden wie, ich es mir vorgestellt habe, ich kann mich also eigentlich nicht beschweren.

SPIEGEL ONLINE: War es eine große Herausforderung, nach 20 Jahren wieder einen Zombiefilm zu machen und plötzlich im direkten Wettbewerb mit den Jüngeren zu stehen?

Remake von "Dawn of the Dead" (2004): "Mehr ein Videospiel als ein Film"
REUTERS

Remake von "Dawn of the Dead" (2004): "Mehr ein Videospiel als ein Film"

Romero: Das Remake von "Dawn of the Dead" war ein besserer Film, als ich dachte. Aber in erster Linie war er mehr ein Videospiel als ein Film. Das ist mit meinen Filmen nicht wirklich vergleichbar. Ich habe mir allerdings Sorgen darum gemacht, ob die Leute bei mir jetzt auch erwarten, dass die Zombies anfangen zu rennen. Ich meine: Rennende Zombies!? Was soll das denn?

SPIEGEL ONLINE: Was ist denn so verkehrt an rennenden Zombies?

Romero: Ich bin aufgewachsen mit Frankensteins Monstern und der Mumie, ich brauche nichts, was schnell läuft. Außerdem: Wenn die Zombies nur noch Derwische sind, dann bleibt keine Zeit mehr, sie zu charakterisieren. Ich mag es aber, ihnen eine Persönlichkeit zu geben. In diesen neueren Filmen dienen die Zombies einfach nur der Jagd auf Darsteller, ihre geistige Entwicklung bleibt völlig auf der Strecke. Ich finde rennende Zombies auch nicht besonders furchteinflößend. Wenn sie langsamer sind, ist da dieses "Du kannst machen, was du willst, aber du kannst sie nicht stoppen"-Element, etwas, das langsam auf dich zu kriecht. Unaufhaltsam. Es gibt immer mehr von ihnen, sie sind langsam, aber du musst schnell ihren Schwachpunkt finden.

SPIEGEL ONLINE: A propos Schwachpunkt: Warum haben Zombies eigentlich immer so eine schlechte Körperhaltung?

Romero: Wie bitte?

SPIEGEL ONLINE: Gebückter Gang, hängende Schultern, krummer Rücken - Zombies haben eine schlechte Körperhaltung.

Romero: Ich weiß nicht, warum das so ist, ich bin ja kein Zombie. Ich sage den Schauspielern immer: "Macht was ihr wollt, aber stellt euch vor, ihr seid tot und euer Körper funktioniert deswegen nicht mehr richtig." Sie müssen den inneren Zombie entdecken, dann funktioniert das schon. Aber man kann da als Regisseur keine Anweisungen geben, sonst hat man plötzlich 500 Leute, die alle dasselbe tun. Ich persönlich stelle mir den Zombie immer als einen sehr primitiven Gesellen vor, der gerade dabei ist, die Welt zu entdecken. Aber wegen der Haltungsschäden sollten sie einfach einen Zombie fragen.

Das Interview führte Philipp Kohlhöfer



© SPIEGEL ONLINE 2005
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.