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Film-Regisseur Rasoulof: Die Mechanik der Folter

Ein Interview von Anne Backhaus

Seine Filme sind in Iran verboten, sein neues Werk "Manuscripts Don't Burn" musste Mohammad Rasoulof heimlich drehen. Im Interview erzählt der Regisseur, warum er sein Leben riskiert - und trotzdem in ein Land zurückgeht, in dem die Staatsmacht sogar Kinder tötet.

Mohammad Rasoulof

Mohammad Rasoulofs neuester Film "Manuscripts Don't Burn" feiert am 1. Oktober auf dem Hamburger Filmfest Deutschlandpremiere. Nachdem Rasoulof einige Zeit in Hamburg lebte, ist er gerade nach Teheran zurückgekehrt, wo ihm Sicherheitsbeamte unmittelbar nach der Ankunft am Flughafen Pass und Laptop abgenommen haben. SPIEGEL ONLINE hat ihn vor seiner Abreise interviewt.

SPIEGEL ONLINE: Herr Rasoulof, Ihr neuer Film "Manuscripts Don't Burn" wendet sich gegen die Repressionen durch die iranische Staatsgewalt. Zeigen können Sie das Drama nur im Ausland. Haben Sie Angst?

Rasoulof: Meine Vernunft sagt: "Du bringst dein Leben in Gefahr. Fürchte dich." Mein Gefühl sagt: "Egal."

SPIEGEL ONLINE: Egal?

Rasoulof: Ich bin kein vernünftiger Mensch. Ich bin sehr emotional und möchte das, was ich fühle und was mich beschäftigt, mitteilen. In diesem Fall das Schicksal einiger Schriftsteller in den Neunzigern, als zum Beispiel der Versuch des damaligen Präsidenten Mohammed Chatami, die Meinungsfreiheit in Iran durchzusetzen, scheiterte. Viele Intellektuelle wollten zu dieser Zeit etwas im Land bewegen und verloren gegen das System.

SPIEGEL ONLINE: Der Film handelt von der Suche des iranischen Geheimdienstes nach dem Manuskript eines neuen Buches, das die Geschichte eines staatlich angeordneten Mordversuchs an einer ganzen Busladung von Autoren erzählt. Fast all Ihre Protagonisten bezahlen für den Drang, zu schreiben und sich damit der iranischen Regierung zu widersetzen, mit dem eigenen Leben.

Rasoulof: Ich sollte Angst haben. Aber der Drang, diesen Film machen zu müssen, war zu stark. Ich musste es tun.

SPIEGEL ONLINE: Und Ihr Leben gefährden?

Rasoulof: Daran dachte ich nicht. Mir lag die Geschichte meines Landes auf dem Herzen. Ich habe mich gefragt: "Was ist hier passiert? Warum ist das Schicksal so schwarz?" Ich habe versucht, in die dunklen Abgründe der iranischen Geschichte hinabzusteigen. Das zeigt mein Film.

SPIEGEL ONLINE: Der Film zeigt Verzweiflung, Folter und Mord.

Rasoulof: Ich habe Ideen aus dem entwickelt, was ich erlebte und was sich in unserem Land zugetragen hat. Alles beruht auf wahren Begebenheiten. Die Figuren stammen aus der Realität, aber sie wurden andere in meiner Geschichte.

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Regisseur und Regimekritiker in Iran: "Ich sollte Angst haben"
SPIEGEL ONLINE: Also existiert keine der gezeigten Personen?

Rasoulof: In Teilen. Warten Sie.

Rasoulof greift nach seinem Handy, er drückt ein paar Tasten, dann verharrt er. Schweigend streckt er das Mobiltelefon aus, auf dem Bildschirm ist ein Foto zu sehen: ein offenbar totes Kind, blutüberströmt.

SPIEGEL ONLINE: Wer ist das?

Rasoulof: Das ist Karoun. Der Sohn eines Schriftstellers, der die Ermordung seines Vaters beobachtete. Deswegen musste der achtjährige Junge sterben. Mit dem Kind, das in meinem Film zufällig im Wald auf einen Mörder trifft, wollte ich an Karoun erinnern.

SPIEGEL ONLINE: Wurden Sie selbst in Iran misshandelt?

Rasoulof: Nach meiner letzten Festnahme, im Dezember 2010, kam ich in Einzelhaft. Die Zelle war etwa 2,5 mal 2 Meter groß. Das ist Folter, ich war einen Monat da drin.

SPIEGEL ONLINE: Festgenommen wurden Sie während gemeinsamer Dreharbeiten zu einem Film ihres Freundes Jafar Panahi über die Proteste nach der iranischen Präsidentschaftswahl 2009. Man verurteilte Sie für Anti-Regime-Propaganda zu sechs Jahren Haft. Sie durften auf Kaution das Gefängnis verlassen. Was haben Sie als Erstes getan?

Rasoulof: Mein neues Projekt begonnen. Dieser Monat hat mich darin bestätigt, meine Stimme zu erheben. So etwas darf nicht passieren.

SPIEGEL ONLINE: Sie mussten heimlich einen Spielfilm drehen. Wie geht das, wenn überall Sittenwächter sind?

Rasoulof: Es gibt sieben Schauspieler in dem Film. Nur zwei von ihnen leben in Iran, alle anderen draußen. Das hat vieles erleichtert.

SPIEGEL ONLINE: Was war die größte Schwierigkeit?

Rasoulof: Am schlimmsten ist immer das Misstrauen.

SPIEGEL ONLINE: Von wem? Und wem gegenüber?

Rasoulof: Untereinander. Wir sind alle mit Misstrauen groß geworden. Wir werden misstrauisch, wenn wir hören, wie sich ein Schlüssel im Schloss dreht. Wenn Motorräder auf der Straße fahren. Jedes Geräusch kann ein Polizist sein, der dich verhaften will. Die Menschen sollen immer misstrauisch sein, das ist die Politik des Geheimapparats. Es ist ein Teil von uns, ein Teil unserer Kultur.

SPIEGEL ONLINE: Wie wirkt sich das auf Ihre Arbeit aus?

Rasoulof: Einmal habe ich angefangen, einen Film zu drehen, mit einer wunderbaren Crew. Wir waren uns sehr nah. Dann wurde ich verhaftet, und als ich aus dem Gefängnis kam, war diese wunderbare Mannschaft nicht mehr da. Das Vertrauen war verloren, unsere Beziehung wurde zerstört. Ich weiß nicht, was meinen Mitarbeitern erzählt wurde. Manche unterstellten mir plötzlich, ich hätte sie mit der Arbeit in Gefahr gebracht. Andere fürchteten vielleicht Verrat. Ich war jedenfalls nicht mehr ihr Regisseur, sondern eine opportunistische Persönlichkeit, die über Leichen ging - nur bedacht auf eigene Interessen.

SPIEGEL ONLINE: Bringen Sie sich nicht vor allem selbst in Gefahr?

Rasoulof: Das zählt nichts. Ich bin jetzt in Europa, und nun sagen manche in Iran: "Der hat es gut, der lebt im Ausland." Wenn ich zurückkehre, sagen sie: "Der ist nur wieder da, um sich wichtig zu machen." Ich weiß nicht, was ich tun soll.

SPIEGEL ONLINE: Was würden Sie denn gerne tun?

Rasoulof: Ich möchte in Iran leben und dort nicht in Gefahr geraten.

SPIEGEL ONLINE: Warum wollen Sie wieder ins Land?

Rasoulof: Ich liebe dieses Land, sein Essen, seine Musik und all die Menschen, die meine Sprache sprechen. Ich bin kein Nationalist. Mich interessieren keine Grenzen, die um Länder gezogen werden. Mich interessieren Menschen, deren Sehnsüchte ich verstehe. Was kann ich in Deutschland machen? Ich kann in ein gutes Restaurant gehen oder in eine U-Bahn steigen, mehr nicht. Ich vermisse mein Zuhause.

SPIEGEL ONLINE: Können Sie denn zurück nach Teheran?

Rasoulof: Zurück kann man immer. Es ist nur die Frage, was dann passiert.

Übersetzung von Nasser Manouchehri

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Zur Person
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    Mohammad Rasoulof wurde 1973 in Schiraz geboren. Der Regisseur kann aufgrund der politischen Lage nur unter großen Schwierigkeiten in Iran arbeiten. Seine Filme sind in seiner Heimat verboten, er wurde mehrfach verhaftet. Sein neuester Film "Manuscripts Don't Burn" feiert am 1. Oktober auf dem Hamburger Filmfest Deutschlandpremiere. Zum ersten Mal gezeigt wurde das Drama im Frühjahr 2013 auf dem Filmfestival in Cannes. Angekündigt war der Film zunächst unter dem Titel "Anonymous". Die Namensänderung sorgte auf dem Festival für Verwirrung. "Ursprünglich ging es uns darum, so wenige Informationen wie möglich zu veröffentlichen", sagt Rasoulof. "Daher der erste Titel 'Anonymous'." Rasoulofs Name ist als Einziger im Abspann genannt - bei seiner Rückkehr in Iran musste er Pass und Laptop aushändigen.


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