Interview mit James Cameron "Ich war fertig mit dem Terminator"

Seit seinem Über-Erfolg mit "Titanic" hat James Cameron, 48, keinen Spielfilm mehr gedreht. Mit SPIEGEL ONLINE sprach der Hollywood-Regisseur über die Faszination der Wissenschafts-Dokumentation, Kindheitsalbträume und sein neues, großes Kinoprojekt in 3D.


Regisseur Cameron: "Ich drehe nur noch in 3D"
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Regisseur Cameron: "Ich drehe nur noch in 3D"

SPIEGEL ONLINE:

Mr. Cameron, seit "Titanic", der 1997 in die Kinos kam, wartet man vergeblich auf Ihren nächsten Spielfilm. Leiden Sie nach dem überwältigenden Erfolg unter einer Blockade?

James Cameron: Ja, das sagen alle, aber das ist totaler Unsinn. Für mich stellt sich die Frage: Wie kann ich meinen nächsten Film so schwierig wie möglich machen? Ich will meinen nächsten Spielfilm in 3D drehen, und ich habe einige Jahre gebraucht, um die Kameras und die Methodik der visuellen Effekte zu entwickeln. Erst jetzt bin ich so weit, dass ich mit den Dreharbeiten beginnen kann. Es wird vermutlich das schwierigste und riskanteste Projekt, das ich je angegangen bin. Es geht also nicht um eine Blockade, sondern darum, eine Herausforderung zu finden, die interessant genug ist, um den ganzen Stress mit den Agenten, den Studioleuten auf sich zu nehmen, die man eben mitmachen muss, wenn man einen Hollywood-Film dreht.

SPIEGEL ONLINE: Sprechen wir von "True Lies 2"?

Cameron: Nein - vielleicht kommt das zu Stande, aber nicht mit mir. Ich werde im kommenden Jahr mit den Dreharbeiten zu einem großen Hollywood-Film beginnen. Ich kann leider noch nicht allzu viel dazu sagen, außer dass es ein großes, episches Actionabenteuer mit vielen visuellen Effekten und jeder Menge coolem Kram sein wird.

SPIEGEL ONLINE: Wundert man sich in Hollywood nicht darüber, dass Sie in den vergangenen Jahren lieber Dokumentationen gemacht haben, als mit den Fingern zu schnippen und 100-Millionen-Dollar-Filme drehen?

Cameron: Klar, viele Leute, die sich in Hollywoods Mainstream bewegen, kapieren nicht, warum ich keine Lust darauf habe. Weil die eben nichts anderes können. Aber ich habe dennoch ein gutes Verhältnis zum 20th-Century-Fox-Präsidenten Jim Giannopoulos. Er versteht wie ich denke und wie ich die Dinge angehe, weil er selbst von intellektueller Neugier beseelt ist. Er liebt Archäologie und Forschung. Aber er muss nebenbei auch noch ein Filmstudio führen.

SPIEGEL ONLINE: Und er würde es vermutlich gerne sehen, wenn Sie einen 100-Millionen-Dollar-Film für ihn machen würden.

Rumpf der gesunkenen "Titanic": "Übrigens, wir leben nicht in der Disney-Welt, die du jeden Sonntag im Fernsehen siehst"
DPA

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Cameron: Natürlich, solange es der richtige Film ist. Niemand schmeißt gerne 100 Millionen Dollar weg. Und wenn ich diese Menge Geld für einen Film verlange, werde ich ein hochkommerzielles Projekt damit verwirklichen, das für ein weltweites Publikum attraktiv ist. Denn nur so rechtfertigt man in der Filmindustrie solche Summen.

SPIEGEL ONLINE: Was genau ist denn für Sie ein hochkommerzieller Film? "Titanic" war schließlich bereits als größter Flop der Filmgeschichte verschrien, bevor er in die Kinos kam.

Cameron: Ich habe "Titanic" nie als nichtkommerziellen Film gesehen. Es gab einen Punkt, an dem wir 200 Millionen Dollar für diesen Film ausgegeben hatten, und ich vermutete, dass er sein Geld kaum wieder einspielen würde. Trotzdem glaubte ich, dass er sehr viel einspielen würde, über 100 Millionen Dollar. Da das in diesem Fall allerdings nicht kostendeckend war, hatte ich damals das Gefühl, rettungslos überzogen zu haben.

SPIEGEL ONLINE: Mit "Ghosts Of The Abyss" haben Sie kürzlich eine Dokumentation fertig gestellt, in der Sie einmal mehr den Untergang der "Titanic" erforschen. Wie erklärt sich eigentlich Ihr Interesse an apokalyptischen Katastrophen?

Cameron: Stimmt, ein solches Thema zieht sich durchaus durch meine Filme "Terminator", "The Abyss" oder "Titanic" - alles Apokalypsen. Woher das kommt? Keine Ahnung - Kindheitsalbträume aus den Sechzigern. Traumata aus den Tagen der Kuba-Krise...

SPIEGEL ONLINE: Im Ernst?

Cameron: Ja, wirklich. Mein erster Kontakt mit der Weltpolitik sah so aus: Übrigens, wir leben nicht in der Disney-Welt, die du jeden Sonntag im Fernsehen siehst. Im Gegenteil, deine Chancen stehen nicht schlecht, in einem Nuklearkrieg eingeäschert zu werden. Das war 1962, ich war acht Jahre alt und fragte Fragen wie: Papa, was ist nuklearer Fallout? Wozu ist ein Atombunker gut? Ja, in den Sechzigern aufzuwachsen, während des Vietnamkrieges, vermittelte einem sehr stark das Gefühl, in einer apokalyptischen Welt zu leben.

SPIEGEL ONLINE: Auch die "Titanic" scheint eine Art Obsession für Sie geworden zu sein.

Cameron: Alles was ich mache, ist von einer gewissen Besessenheit geprägt. Für die Imax-Doku "Ghosts Of The Abyss" haben wir eine Tauchfahrt ins Innere der "Titanic" unternommen, und dabei konnte ich gleich einige meiner Obsessionen unter einen Hut bringen: Tauchen etwa, das ich schon betreibe, seit ich siebzehn bin. Ich habe tausende Stunden unter Wasser verbracht und ich kann mir nichts Schöneres vorstellen. Um ehrlich zu sein, mag ich das noch mehr als Filmemachen - was ebenfalls zu meinen Obsessionen zählt. Und dann ist da Geschichte. Ich finde, dass wir die Geschichte viel zu sehr ignorieren. Und schließlich liebe ich Entdeckungstouren, schon seit meiner Kindheit. All das kam hier zusammen. Insofern ist dieser Tauchgang zur "Titanic" so was wie mein ideales Projekt.

Cameron-"Terminator" (1991): "Ich habe hier keine weitere Geschichte mehr zu erzählen"
Columbia Pictures

Cameron-"Terminator" (1991): "Ich habe hier keine weitere Geschichte mehr zu erzählen"

SPIEGEL ONLINE: Sie haben außerdem eine BBC-Doku über das Nazi-Kriegsschiff "Bismarck" gedreht und arbeiten jetzt an einer Dokumentation über das Leben in der Tiefsee...

Cameron: Ja, und alles in 3D. Ich drehe nur noch in 3D, das ist einfach cool.

SPIEGEL ONLINE: Auch Kollegen wie Oliver Stone oder Wim Wenders wenden sich dem Dokumentargenre zu. Ist die Wirklichkeit spannender als Fiktion?

Cameron: Die Dokumentation ist ein Intervall, aber eines, zu dem ich regelmäßig zurückzukehren plane. Ja, ich finde, dass die Wahrheit viel seltsamer ist als Fiktion, viel berückender und interessanter. Wir haben erst zwei Prozent der Weltmeere erforscht, aber schon sind 90 Prozent der großen Raubfische aus den Ozeanen verschwunden - wir haben sie verspeist. Vielleicht können wir mit diesen Dokumentationen das Verantwortungsbewusstsein der Leute für die Meere schärfen. Und vielleicht werden sie dann eher Menschen in öffentliche Ämter wählen, die ein Gehirn im Kopf tragen.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben einst an der California State University Physik studiert. Was faszinierte Sie daran?

Cameron: Dass es darin um das Verständnis von Materie und Realität geht, um die Erkenntnis der Funktionsweise der natürlichen Welt. In der Uni fühlte ich mich, als hätte ich Zugang zu einer geheimen Bruderschaft gefunden. Es war wie die gemeinsame Suche nach Gott, nach der Bedeutung des Lebens. Es sind ja die Physiker, die Astronomen, die Kosmos-Forscher, die die großen Fragen stellen: Wo kommt alles her, wo hat es angefangen, wohin strebt es? Was ist das Wesen der Materie, wie ist die Realität strukturiert? Auch wenn sie oft große, gähnende Nicht-Antworten erhalten.

SPIEGEL ONLINE: Sie sollen Ihre Film-Karriere 1981 mit elektrifizierten Mehlwürmern begonnen haben...

Cameron: Das markierte zumindest einen kritischen Moment künstlerischer Akzeptanz. Es war ein wenig wie eine Szene in einem Peter-Sellers-Film: Ich hatte meinen ersten Tag als Second-Unit-Regisseur eines Horrorfilms mit dem Titel "Galaxy Of Terror." Meine Aufgabe war es, einen abgetrennten Arm zu filmen, auf dem Würmer herumkrochen. Wir hatten den Arm mit flüssigem Gel eingeschmiert, das ein Typ hinter der Bühne auf Befehl unter Strom setzte - was unsere Würmer in helle Aufregung versetzte. Unterdessen kamen zwei Produzenten zur Tür rein, die einen Regisseur für einen Low-Budget-Horrorfilm suchten. Ich saß also vor den reglosen Würmern und sagte "Action", der Typ hinter der Bühne schaltete den Strom an und die Würmer zappelten los. Dann rief ich: Sehr schön, Schnitt!, der Typ zog den Stecker und die Würmer entspannten sich. Als ich aufblickte, standen diese beiden Produzenten da und starrten mich ungläubig an, weil sie dachten, ich sei tatsächlich in der Lage, diesen Würmern eine Performance abzuringen. Sie haben mich direkt angeheuert.

Mega-Erfolg "Titanic": "Alles was ich mache, ist von einer gewissen Besessenheit geprägt"
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SPIEGEL ONLINE: Drei Jahre später haben Sie selbst mit einem Low-Budget-Film Geschichte geschrieben: "Terminator", für den Sie vor 12 Jahren auch die Fortsetzung verfassten und inszenierten. Hatten Sie mit "T3" noch irgendetwas zu tun?

Cameron: Nein, ich werde zwar noch als Urheber genannt, aber nur, weil diese Figuren auf Charaktere zurückgehen, die ich kreiert habe. Ich habe den ersten und zweiten Film geschrieben - mit dem dritten habe ich nichts, aber auch gar nichts zu tun.

SPIEGEL ONLINE: Erwägen Sie überhaupt, sich noch mal mit dem "Terminator" zu beschäftigen? Arnold Schwarzenegger hat soeben verlauten lassen, auch noch einen vierten Teil machen zu wollen.

Cameron: Das sei ihm überlassen. Aber da die Kette nun unterbrochen ist, werde ich mich sicher nicht mehr dort hin zurückwenden.

SPIEGEL ONLINE: Plagt Sie nicht das Gefühl, man hätte Ihnen Ihr Baby gestohlen?

Cameron: Nicht wirklich, nein. Ich war fertig mit dem "Terminator", ich habe hier keine weitere Geschichte mehr zu erzählen. Ich habe die Story mit dem zweiten Film abgeschlossen. Und den dritten habe ich noch nicht einmal gesehen.

SPIEGEL ONLINE: Zuletzt planten Sie, mit einem Filmteam zur Raumstation ISS zu fliegen, um dort eine 3D-Dokumentation zu drehen. Sind Ihre Expeditionen eigentlich auch eine Flucht aus dem Hollywoodzirkus?

Cameron: Wissen Sie, wir verfügen über ein gewisses Verständnis von den Dingen, die uns umgeben - von diesem Raum etwa, oder von den Filmfestspielen in Cannes, die überaus gründlich erforscht sind. Aber lernt man da noch was? Vielleicht darüber, welcher Schauspieler was trägt, wer die interessanteste Frisur hat, wessen Filme zum Himmel stinken. Das hat nichts mit der Bereicherung des menschlichen Bewusstseins zu tun. Ich behaupte nicht, Wissenschaftler zu sein, aber ich glaube an die Leidenschaft von Forschern, die ihr ganzes Leben einer zeitraubenden, schwierigen und hochdisziplinierten Wissenschaft widmen, für die sie weder Ruhm, noch angemessene Bezahlung einstreichen. Ihnen kommt keine der schicken Bequemlichkeiten zugute, die wir mit dem glamourösen westlichen Lifestyle assoziieren. Und trotzdem tun sie es. Warum? Weil sie die Antworten wissen wollen, weil sie über intellektuelle Neugier verfügen. Ihnen liegt etwas an der Wahrheit.

Das Gespräch führte Nina Rehfeld



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