Interview mit Jim Jarmusch "Ich denke nie an das Publikum"

Der amerikanische Filmemacher Jim Jarmusch gilt als Liebling des Independent-Kinos und überzeugt mit seinem Roadmovie "Broken Flowers" Kritiker wie Publikum. Mit SPIEGEL ONLINE sprach er über Hollywood-Diven, äthiopische Musik und Möchtegern-Blockbuster.


Filmemacher Jarmusch: "Ich schreibe die Hauptrollen immer für bestimmte Schauspieler"
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Filmemacher Jarmusch: "Ich schreibe die Hauptrollen immer für bestimmte Schauspieler"

SPIEGEL ONLINE:

Mr. Jarmusch, viele halten "Broken Flowers" für den zugänglichsten Film Ihrer Karriere. Wollten Sie endlich mal den Mainstream erreichen?

Jarmusch: Nein, so denke ich nicht, ich denke überhaupt nie an das Publikum, wenn ich einen Film mache. Ich finde, "Broken Flowers" ist ein sehr ruhiger, ziemlich seltsamer Film. Er hält sich nicht an irgendwelche Hollywood-Formeln. Ich bin selbst ein bisschen perplex, wenn die Leute meinen, das sei Mainstream. Vielleicht sagen die das, weil Bill Murray und Sharon Stone mitspielen. Keine Ahnung, ich habe nur den Film gemacht, den ich machen wollte. Wie immer.

SPIEGEL ONLINE: Bill Murray spielt einen alternden Don Juan, der plötzlich damit konfrontiert wird, dass er einen Sohn haben könnte. War Ihnen von Anfang an klar, dass er die Hauptrolle spielen müsste?

Jarmusch: Ich schreibe die Hauptrollen immer für bestimmte Schauspieler. Das habe ich für Forest Whitaker gemacht, für Johnny Depp, Tom Waits und jetzt eben für Bill. Die Rolle ist nicht wie für ihn geschaffen, sie ist für ihn geschaffen.

SPIEGEL ONLINE: War er gleich für das Projekt zu begeistern?

Jarmusch: Er war ja schon in einer Episode meines letzten Films "Coffee and Cigarettes" zu sehen, und eigentlich wollten wir danach einen ganz anderen Film zusammen drehen, von "Broken Flowers" war da noch gar keine Rede. Aber das Projekt wollte ich dann doch nicht mehr machen. Bill war erst etwas irritiert, weil er die Geschichte mochte, aber mir gefiel das Drehbuch nicht, und ich hatte keine Lust, alles noch mal umzuschreiben. Ich hasse das. Also habe ich Bill von dieser anderen Idee erzählt, die in meinem Kopf rumschwirrte, und glücklicherweise gefiel ihm die genauso gut. Dann habe ich mich hingesetzt, und etwa zwei Wochen später war das Drehbuch für "Broken Flowers" fertig.

Jarmusch-Film "Broken Flowers", Darsteller Murray, Stone: "Ich habe nur den Film gemacht, den ich machen wollte"
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Jarmusch-Film "Broken Flowers", Darsteller Murray, Stone: "Ich habe nur den Film gemacht, den ich machen wollte"

SPIEGEL ONLINE: War Ihnen auch sofort klar wer die Ex-Freundinnen spielen sollte, die Bill Murray im Laufe des Films besucht? Mit Jessica Lange und Sharon Stone haben Sie zwei Stars gewonnen, die man eher nicht in einem Jarmusch-Film vermuten würde.

Jarmusch: Mir gefiel einfach die Idee, Sharon Stone als Rennfahrer-Witwe zu besetzen, die ihren Lebensunterhalt damit verdient, anderer Leute Kleiderschränke zu organisieren. Davon war ich nicht mehr abzubringen. Seit ich sie in "Casino" von Martin Scorsese gesehen habe, halte ich sie für eine großartige Schauspielerin. Ich habe ihr einfach das Drehbuch gegeben, und sie hat sofort zugesagt. Bei Jessica Lange war es genauso, aber die ist eh nicht so eine Glamour-Diva, wie alle immer vermuten. Auf dem Set habe ich sie aus Spaß vor der Crew immer "San Franciscos Acid-Queen von 1968" genannt. Sie hat sich kaputt gelacht.

SPIEGEL ONLINE: In Ihren Filmen spielt immer die Musik eine wichtige Rolle. Diesmal stammt sie vom äthiopischen Künstler Mulatu Astatke. Wie sind Sie auf ihn gekommen?

Jarmusch: Ich habe seine Musik das erste Mal vor etwa sechs Jahren gehört und war sofort davon besessen. Ich habe dann versucht, alles zu finden, was er jemals aufgenommen hat. Nicht für filmische Zwecke, das passiert mir bei Musik einfach ziemlich oft. Als ich "Broken Flowers" schrieb, habe ich nebenbei die ganze Zeit die Musik gehört und krampfhaft überlegt, wie ich diesen afrikanischen Groove vielleicht doch in einem Film unterbringen könnte, der in amerikanischen Vorstädten spielt. Und so wurde aus Bill Murrays Nachbarn im Film dann einfach ein Äthiopier. Genial, oder?

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SPIEGEL ONLINE: Eigentlich holen Sie sich das Geld für Ihre Filme lieber aus Europa, um ihre Unabhängigkeit vom Hollywood-System zu bewahren. "Broken Flowers" wurde aber komplett vom amerikanischen Unternehmen Focus Features finanziert. Warum der Sinneswandel?

Jarmusch: So lange ich mit dem Geld machen kann, was ich will, ist es mir egal, ob es aus Amerika oder aus Übersee kommt. Es stimmt, dass amerikanische Produktionsfirmen immer so viel Einfluss wie möglich auf den Film haben wollen, aber das lasse ich einfach nicht zu. Ich habe lange mit Focus verhandelt, bis sie mir die totale kreative Kontrolle zugestanden haben. Ich will keine Notizen ins Drehbuch geschrieben bekommen, keine Besuche auf dem Set oder im Schnittraum, und den Film gibt es erst dann zu sehen, wenn ich sage, dass er fertig ist. Das war ungewöhnlich für Focus, denn das ist nicht gerade die amerikanische Art. Aber sie haben sich darauf eingelassen, mich in Ruhe gelassen, und jetzt sind sie zufrieden.

SPIEGEL ONLINE: Kein Wunder - der Film macht sich an der amerikanischen Kinokasse sehr gut. Haben Sie damit gerechnet?

Jarmusch: Damit kann man nie rechnen. Man weiß nie, was die Leute sehen wollen, und "Broken Flowers" ist ein kleiner unkommerzieller Film. Es freut mich natürlich, dass er so gut läuft. Vielleicht brauchen die Leute gerade ein Gegenmittel zu "Krieg der Welten" und all diesen großen Dingern, mit denen sie im Sommer bombardiert werden. Es war ziemlich klug von Focus, den Film in Amerika im Sommer zu veröffentlichen, während der Blockbuster-Saison. So hatten die Leute eine Alternative, und die haben sie offenbar gerne genutzt.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie eine Erklärung für den viel beschworenen Umsatzrückgang an den Kinokassen, von dem Hollywood in diesem Jahr geplagt wird?

Jarmusch: Ich weiß nicht, wahrscheinlich sind die Leute gelangweilt. Hollywood serviert ihnen immer die gleiche Kost, auf die Dauer muss das ja auf den Magen schlagen. Wenn man die ganze Zeit nur Fast-Food isst, wird man ja auch nur dick und unglücklich. Ich glaube die Leute sehnen sich nach anderen Geschmacksrichtungen. Und ein bisschen mehr Nährwert. Aber Hollywood trichtert ihnen nur dieses fade Zeug ein. Das ist doch ungesund.

Das Interview führte Daniel Sander



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