Interview mit Jude Law "Perfektion ist uninteressant"

Der Berlinale-Eröffnungsfilm "Unterwegs nach Cold Mountain" positioniert den Briten Jude Law, 31, als neuen Heldendarsteller Hollywoods. Mit SPIEGEL ONLINE sprach er über die Oberflächlichkeit der Kinobranche, seine Rolle als Herzensbrecher und die Lust am Heckenschneiden.


Schauspieler Law: "Ich bin jemand, der Herausforderungen braucht"
DDP

Schauspieler Law: "Ich bin jemand, der Herausforderungen braucht"

SPIEGEL ONLINE:

Mr. Law, für Ihre Rolle des Bürgerkriegsheimkehrers Inman in "Unterwegs nach Cold Mountain" erhielten Sie sogar eine Oscar-Nominierung. Dabei werden gut aussehende Schauspieler doch angeblich immer unterschätzt.

Jude Law: Ich spiele nicht, um ein unterstellt gutes Aussehen herauszustellen. Aber ich will mich nicht über solche Komplimente beschweren. Immerhin beschert mir dieses unglückselige Schubladendenken Hauptrollen in Hollywood, während großartige Charakterdarsteller nie darin besetzt werden. Andererseits ist alles, was perfekt ist, uninteressant. Mich fasziniert eher die Technik eines Gerhard Richter. Er macht ein realistisches Gemälde und verwischt es dann. So einen Effekt versuche ich letztlich auch zu erreichen.

SPIEGEL ONLINE: Deshalb waren Sie in den letzten Jahren auch eher als verkorkstes Individuum zu sehen, ob als Killer in "Road to Perdition" oder als Roboter-Callboy in "A.I.".

Law mit damaliger Ehefrau Sadie Frost (2001): "Was ist das für eine Gesellschaft?"
DDP

Law mit damaliger Ehefrau Sadie Frost (2001): "Was ist das für eine Gesellschaft?"

Law: Als ich in meinen Zwanzigern war, sagten die Leute: 'Du bist ein hübscher Bursche. Warum spielst du nicht den Helden?' - dagegen protestierte ich. Es war zu viel des Guten. Ich wollte nicht auf einen Rollentyp festgelegt werden, der sich nur aufs Aussehen verlässt. Herzensbrecher kamen für mich nicht in Frage. Ich bin jemand der Herausforderungen braucht. Und die Rollen, die ich am spannendsten fand, waren die bedrohlichen Exzentriker.

SPIEGEL ONLINE: Aber in "Cold Mountain" werden Sie letztlich doch noch zum romantischen Helden.

Law: Jetzt besteht für mich die Herausforderung darin, einmal das Gegenteil zu spielen. Ich versuche etwas aus einer vermeintlich einfachen Figur zu machen. Außerdem bin ich älter geworden. Ich denke, dass ich einem solchen Charakter jetzt mehr Ernsthaftigkeit verleihen kann als früher.

SPIEGEL ONLINE: Sind Sie selbst auch eine ernsthaftere Person geworden?

Law: Ich begreife jedenfalls besser, was mein Gehirn und meine Seele brauchen. Dazu habe ich kein aufregendes Leben in der Showbranche nötig. Ich kann am glücklichsten sein, wenn ich im Garten sitze und ein Buch lese. Oder wenn ich eine Hecke schneide.

SPIEGEL ONLINE: Jude Law, der Naturmensch?

Szene aus "Cold Mountain", Darsteller Kidman, Law: "Oberflächliche Happy Ends sind nicht mein Fall"
REUTERS

Szene aus "Cold Mountain", Darsteller Kidman, Law: "Oberflächliche Happy Ends sind nicht mein Fall"

Law: Ich brauche schon auch das Kino oder das Theater. Aber es stimmt: Je weiter wir uns von der Natur entfremden, desto seelenloser werden wir. "Cold Mountain" bietet erhellende Einsichten in unsere heutige Lebensweise. Diesen Figuren geht es nicht um oberflächliche Bedürfnisse, sondern sie suchen nach Erlösung. Und die finden sie in einem schlichten, natürlichen Leben. Seine eigene Seele zu finden, ist viel wichtiger als zu wissen, was der Sieger eines Popstar-Castings zum Frühstück isst.

SPIEGEL ONLINE: Oder warum sich Jude Law von seiner Frau Sadie Frost scheiden ließ. Die Medien veranstalteten ja eine richtige Treibjagd auf Sie.

Law: Wer interessiert sich für so einen Unsinn? Für mich ist es einfach nur ärgerlich. Warum muss ich Geld dafür ausgeben, um meine Adresse zu schützen? Nur weil irgendwelche Paparazzi Fotos von mir machen wollen, wie ich meine Nase kratze. Was für eine Gesellschaft ist das, in dem solche Geschichten auf der Titelseite landen?

SPIEGEL ONLINE: Sie hören sich ja richtig aufgebracht an.

Law: Ich habe mich letztlich schon damit abgefunden. Das ist einfach eine der negativen Seiten meines Berufs. Aber ich addiere zusammen, und letztlich ist das Plus viel größer als das Minus.

SPIEGEL ONLINE: Wie reagieren Ihr Stiefsohn und Ihre drei Kinder darauf?

Law: Denen geht es ähnlich. Sie hassen es, wenn Leute ihre Privatsphäre verletzen. Aber die Vorteile fallen stärker ins Gewicht: Sie können fremde Länder bereisen. Sie sind von "Cold Mountain" ähnlich begeistert wie ich. Das ist ein wirkliches Geschenk für sie.

Law (r.) als Gigolo-Droide in Spielbergs "A.I.": "Herzensbrecher kamen für mich nicht in Frage"
Warner Brothers

Law (r.) als Gigolo-Droide in Spielbergs "A.I.": "Herzensbrecher kamen für mich nicht in Frage"

SPIEGEL ONLINE: Ursprünglich waren Sie für diesen Film gar nicht die erste Wahl. Stattdessen sollte Tom Cruise die Hauptrolle spielen.

Law: Das möchte ich nicht kommentieren. Aber Regisseur Anthony Minghella ist seit unserer Arbeit an "Der talentierte Mr. Ripley" ein guter Freund und gab mir das Gefühl, dass diese Rolle für mich bestimmt war. Und dass ich sie verdient hätte.

SPIEGEL ONLINE: So müssen momentan viele Regisseure denken. Sie scheinen momentan einen Film nach dem anderen zu drehen, etwa den Actionthriller "World of Tomorrow" oder Martin Scorseses "Aviator".

Law: Plötzlich kam diese Welle an aufregenden Projekten, die ich einfach nicht verpassen wollte. Früher drehte ich etwa eineinhalb Filme pro Jahr, jetzt war es an der Zeit, den Einsatz zu erhöhen.

SPIEGEL ONLINE: Nebenbei treten Sie noch in die Fußstapfen von Michael Caine. Sie spielen seine Rolle in den Remakes von "Alfie" und "Mord mit kleinen Fehlern."

Law: Ich kenne ihn auch persönlich, "Mord mit kleinen Fehlern" wollen wir gemeinsam machen. Dabei verabscheue ich Remakes eigentlich. Aber bei "Alfie", der schon abgedreht ist, machte es Sinn. Wir nahmen diesen Gigolo aus den Sechzigern und versetzten ihn in einen modernen Kontext, in eine Welt nach der sexuellen Revolution.

SPIEGEL ONLINE: Also sehen wir Sie jetzt endlich als Herzensbrecher.

Law: Aber als einen sehr verlorenen Herzensbrecher, der einsam und verzweifelt in seinem Universum lebt. Anders als Inman in "Cold Mountain" hat er die Entfremdung von seiner Seele nicht überwunden. Hoffentlich bringt das der Regisseur auch so herüber. Oberflächliche Happy Ends sind nicht mein Fall.

Interview: Rüdiger Sturm



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