Interview mit Marc Forster Vom Nutzen der Todesangst

Marc Forster kommt aus der Schweiz, den Gipfel des Erfolgs hat er aber in Hollywood erklommen. Mit SPIEGEL ONLINE sprach der gefragte Regisseur über seinen neuen Film "Stay", die Tücken der Psyche und seine Fixierung auf den Tod.


SPIEGEL ONLINE:

Herr Forster, "Monster's Ball", "Wenn Träume fliegen lernen" und "Stay" könnten stilistisch nicht unterschiedlicher sein. Was verbindet Ihre drei Filme miteinander?

Regisseur Forster: Flucht in den Traum
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Regisseur Forster: Flucht in den Traum

Forster Der Tod spielt in ihnen eine zentrale Rolle. Meiner Meinung nach gehen alle Ängste, die wir im Leben haben, letztlich auf die Todesangst zurück. Ich glaube, wer sich mit ihr auseinandersetzt, lebt freier. Außerdem interessieren mich Figuren, die ihre Gefühle für sich behalten, weil sie sie nicht ausdrücken können. Was auf der intuitiven Ebene abläuft, wenn zwei Menschen aufeinander treffen, ist doch allemal spannender, als das, was geredet wird.

SPIEGEL ONLINE: In "Stay", einem visuell bestechenden, kniffligen Thriller um einen Psychiater, der einen Selbstmord verhindern will, treiben Sie das Spiel mit der Intuition mächtig auf die Spitze.

Forster Ja, die Figuren treten im Verlauf des Films immer mehr in den Hintergrund, und die Bildebene übernimmt. Traum und Wirklichkeit verschwimmen.

SPIEGEL ONLINE: Solche düsteren Filme, die keine eindeutige Lösung anbieten, erwartet man eher von David Lynch. Hatten Sie keine Angst, dass sie Ihr Publikum damit überfordern?

Forster Ich hoffe zumindest, dass sich die Zuschauer hinterher Fragen stellen. Es ist doch gerade interessant, wenn ein Film nicht eins zu eins erklärbar ist. Der Psychiater Sam, den Ewan McGregor spielt, hat ja genau dasselbe Problem. Er versucht, alles ganz rational zu erfassen, steigert sich immer mehr in die Geschichte hinein, und schließlich geht ihm jeglicher Realitätssinn verloren.

SPIEGEL ONLINE: Wie vermittelt man Schauspielern, wie sie sich verhalten sollen, wenn sie nicht wissen, was Traum und was Wirklichkeit ist?

Forster Das war schwierig. Ich habe mich mit Ewan McGregor, Ryan Gosling, der den potentiellen Selbstmörder Henry darstellt, und Naomi Watts als Sams Freundin Lila zusammengesetzt. Doch als wir über das Drehbuch reden wollten, ging das überhaupt nicht. Deshalb entschieden wir uns dafür, dass ich ihnen von Szene zu Szene sage, was ich mir vorstelle. Ich bin selbst fast wahnsinnig geworden dabei. Aber am schönsten war Bob Hoskins' Reaktion, der Sams blinden Mentor spielt. Er sagte zu mir: Ich habe das Skript dreimal gelesen und keinen blassen Schimmer, was darin passiert und was meine Figur darstellen soll. Als ich ihn daraufhin fragte, warum er den Film denn überhaupt drehen möchte, hat er geantwortet: Eben deshalb.

SPIEGEL ONLINE: Darüber hinaus ist "Stay" ein sehr persönlicher Film.

Forster Ja, mein Bruder war schizophren und hat sich vor einigen Jahren das Leben genommen. Da gibt es natürlich sehr viele Parallelen zum Film, wie sich das abgespielt hat. Und weil man sich hinterher immer fragt, ob man hätte helfen können, konnte ich mich leicht mit McGregors Rolle identifizieren.

SPIEGEL ONLINE: Ein konkretes Beispiel?

Forster Die Szene, in der Sam seiner Freundin vorwirft, dass sie ihre Tabletten nicht nimmt, ist so ein Moment, den ich auch erlebt habe. Lila sagt, sie würden ihre Kreativität zerstören. Mein Bruder wollte aus demselben Grund auch keine Medikamente nehmen, und das verstehe ich auch, denn die Nebeneffekte sind zum Teil furchtbar.

SPIEGEL ONLINE: Neben dem Tod beschäftigen Sie sich in Ihren Filmen viel mit Träumen. Was fasziniert Sie daran?

Forster Als Kind bin ich in meine Träume geflüchtet, wenn es mir nicht gut ging oder ich einsam war. Da fühlte ich mich sicher. Und später als Filmstudent in New York erlebte ich eine merkwürdige Zeit, wo ich Traum und Realität kaum unterscheiden konnte. Das hat sich dann irgendwann wieder gegeben. Für mich ist das ganze Leben eine Art Traum. Es gibt so vieles, was man nicht erklären kann. Beispielsweise ist es doch ziemlich surreal, dass ich in Hollywood mit "Monster's Ball" so schnell den Durchbruch geschafft habe.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind in Ulm geboren und in der Schweiz aufgewachsen. Woher rührt das derzeitige Interesse der US-Filmindustrie an jungen, deutschen Regisseuren wie Ihnen, Robert Schwentke ("Flightplan") oder Oliver Hirschbiegel, der gerade mit Nicole Kidman dreht?

Forster Ich glaube, die Nationalität spielt gar keine große Rolle. Wichtig sind neue Ideen, neue Talente. Hollywood ist da sehr offen. Es gibt momentan ja auch viele junge, erfolgreiche süd- und lateinamerikanische Regisseure in Hollywood.

SPIEGEL ONLINE: Und es gibt die alten Hasen wie Wolfgang Petersen und Roland Emmerich. Kennen sich die deutschen Regisseure untereinander?

Forster Nein, nicht zwangsläufig. Wolfgang Petersen habe ich lustigerweise nie getroffen, dabei hat der "Troja"-Autor David Benioff auch "Stay" geschrieben. Aber kurz nachdem ich 1996 von New York nach Los Angeles gezogen bin, war ich auf Wim Wenders' Geburtstagsfeier. Den kannte ich damals gar nicht, Freunde haben mich mitgenommen, damit ich dort Kontakte knüpfen kann. Eine abstrakte Situation. Der große Regisseur Sam Fuller hat noch gelebt und war da. Da habe ich übrigens auch Stefanie Schneider kennengelernt ...

SPIEGEL ONLINE: ... deren Polaroidfotos für den Look von "Stay" eine wichtige Rolle spielen.

Forster Wir waren beide Neuankömmlinge ohne Geld, die noch gar nichts gemacht hatten und versuchten, sich durchzukämpfen. Wir haben uns gleich verstanden, sind seitdem befreundet und wollten seit damals zusammenarbeiten.

SPIEGEL ONLINE: Was kommt nach "Stay"?

Forster Ich schneide gerade meinen neuen Film, eine Komödie mit Will Ferrell, Dustin Hoffman und Maggie Gyllenhaal, die "Stranger Than Fiction" heißt.

SPIEGEL ONLINE: Das klingt nach etwas leichterer Kost.

Forster Na ja, sie werden es kaum glauben, es ist eher eine schwarze Komödie, die auch mit dem Tod zu tun hat. Aber dann mache ich was ganz anderes, sonst denken die Leute wirklich noch, ich würde mich ausschließlich mit dem Tod auseinandersetzen.

Das Interview führte Olaf Schneekloth



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