Interview mit Michelle Rodriguez "Ich bin eine Rebellin"

Die Schauspielerin Michelle Rodriguez absolvierte mit "Girlfight" ein spektakuläres Leinwanddebüt. Mit SPIEGEL ONLINE sprach sie über Prophezeiungen, die Zeugen Jehovas und die Teufelsmacht von McDonald's.

Von Rüdiger Sturm


Nachwuchsdarstellerin Rodriguez: "Du musst verdammt aufpassen"
Senator Filmverleih

Nachwuchsdarstellerin Rodriguez: "Du musst verdammt aufpassen"

SPIEGEL ONLINE:

Was war bei "Girlfight" härter: das Boxen oder die Schauspielerei?

Michelle Rodriguez: Die Schauspielerei. Vor allem die Liebesszenen und die Momente, in denen ich weinen musste. Denn ich mag diese ganze schmalzige Zeug nicht. Und vor diesem Dreh war ich noch nie verliebt gewesen.

SPIEGEL ONLINE: Ihre eigentliche Liebe gehört angeblich dem Actionfilm.

Rodriguez: Das stimmt nicht mehr so ganz. Letztes Jahr hab' ich "The Fast and the Furious", einen Streifen über Beschleunigungsrennen, gedreht. Ich dachte, da krieg' ich direkte Erfahrung, kann selbst Autocrashs bauen, aber von wegen. Das machen ja alles die Stuntleute. Und ich wurde dann automatisch auf die Rolle einer Rennfahrer-Freundin festgelegt. Da kommst du dir schon ein bisschen blöd vor.

SPIEGEL ONLINE: Desillusioniert vom Showbusiness?

Rodriguez: Ich habe zwar viele Angebote bekommen, aber es ist schon schwer, interessante Arbeit zu finden. Du musst verdammt aufpassen, dass du nicht deine Würde und eigenen Ideale opferst.

SPIEGEL ONLINE: Wie schaffen Sie das?

Rodriguez: Ich mache schon Kompromisse, aber alles ist Yin und Yang, hat Pros und Contras. Das Wichtigste ist, dass ich ständig arbeite, auch wenn ich eigentlich faul bin. Denn für mich gibt's nur ein Ziel: Selber Filme zu machen. Und dafür muss ich mit meinen 22 Jahren verdammt viel lernen und alles in mich aufsaugen.

Rodriguez in "Girlfight": "Bescheidene Kriegerin, die immer für das kämpft, was sie will"
Senator Filmverleih

Rodriguez in "Girlfight": "Bescheidene Kriegerin, die immer für das kämpft, was sie will"

SPIEGEL ONLINE: Wie können Sie bei dieser hohen Dosis Hollywood einen klaren Kopf behalten?

Rodriguez: Weil ich weiß, dass ich sterben werde. Dadurch sehe ich die Dinge einfach bescheidener. Ich weiß, ich werde nie die klügste Person auf der Welt sein, ich bleibe eine bescheidene Kriegerin, die immer für das kämpft, was sie will.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie mit dem Tod Bekanntschaft geschlossen?

Rodriguez: In den letzten fünf Jahren sind viele Menschen in meinem Leben gestorben. Menschen, von denen ich nie dachte, dass ich sie überleben würde. Meine Großmutter starb, als ich 'Girlfight' drehte. Und mein Vater drei Jahre vorher. Das war absolut unvorstellbar. Eher hätte es mich erwischen sollen. Mit meiner ganzen verrückten Art stehe ich doch immer mit einem Bein im Grab.

SPIEGEL ONLINE: Geht es nach dem Tod weiter?

Rodriguez: Aber absolut! Der menschliche Körper ist doch nur ein Kanal für Energie. Wenn wir sterben, dann verlässt diese Energie unseren Körper und nimmt eine neue Form an.

SPIEGEL ONLINE: Sie wurden offenbar sehr religiös erzogen?

Rodriguez mit Filmpartner Santiago Douglas: "Ich mag diese ganze schmalzige Zeug nicht"
Senator Filmverleih

Rodriguez mit Filmpartner Santiago Douglas: "Ich mag diese ganze schmalzige Zeug nicht"

Rodriguez: Von sieben bis dreizehn war ich bei den Zeugen Jehovas.

SPIEGEL ONLINE: Angenehme Erinnerungen?

Rodriguez: Mein Bruder und ich durften keine Disneyfilme sehen, weil die von Magie und Aberglauben handelten. Die Schlümpfe? Halloween? Nicht in unserem Haushalt. Videospiele waren auch tabu, denn sie hypnotisieren dich, und das ist böse. Man hat uns nicht mal den Eid auf die amerikanische Flagge schwören lassen; damit hätten wir einen Gegenstand ohne Bedeutung angebetet.

SPIEGEL ONLINE: Sind Sie sauer auf Ihre Eltern, die Ihnen diesen Glauben übergestülpt haben?

Rodriguez: Mein Vater hatte damit nichts zu tun, der war ein Castro-Anhänger. Und meine Mutter und Großmutter haben's nur gut mit mir gemeint.

SPIEGEL ONLINE: Haben sie auch etwas Gutes damit erreicht?

Rodriguez: Ich habe innere Balance und eine positive Lebenseinstellung bekommen. Die Zeugen Jehovas sind davon überzeugt, dass sie dein Leben retten. Und wenn jemand glaubt, er rettet dein Leben, dann nimmt er alles dafür auf sich. Deshalb gehen sie auch von Tür zu Tür, lassen sich anspucken, ohrfeigen, mit Füßen treten. Die Leute da draußen verhalten sich ganz schön krass, wenn sie jemand in ihrem normalen Programm stört und das Wort Gottes predigen will.

SPIEGEL ONLINE: Wollen Sie eines Tages Ihre Erfahrungen für einen Film verwerten?

Rodriguez: Nein, aber die Zeugen Jehovas haben meinen Blick für Geschichten geschult. Du lernst die Bibel und die ganzen Mythen zu deuten, und du begreifst, dass sich darin nur unsere Zukunft widerspiegelt. Denn alles wiederholt sich im Lauf der Zeit. Das heißt, wenn du diese Mythen kennst, dann kannst du sehr leicht ein Prophet sein.

SPIEGEL ONLINE: Kennen Sie eine Prophezeiung, die sich bewahrheitet hat?

Rodriguez: In der Bibel steht beispielsweise, dass die Welt vom Satan übernommen wird. Aber er macht es auf so subtile Weise, dass es die Leute nicht merken, obwohl es genau vor ihren Nasen passiert. Für mich ist das ein wunderbares Symbol für den Kapitalismus. Sehen Sie doch, was mit McDonald's passiert. Das ist doch der Inbegriff des Kapitalismus, der sich über die Welt verbreitet und alles ins Chaos stürzt.

SPIEGEL ONLINE: Warum sind sie eigentlich nicht bei den Zeugen geblieben?

Rodriguez: Es gibt Leute, die wollen ein Fötus bleiben. Die brauchen den schützenden Mutterleib, weil sie sich nicht genug selbst vertrauen. Deshalb wollen sie das Leben nicht als das erfahren, was es ist. Für die ist so eine Religion wunderbar. Aber ich bin eine Rebellin. Ich will da hinausgehen und alles für mich selbst rausfinden, egal was die Konsequenzen sind.



© SPIEGEL ONLINE 2001
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.