Interview mit Mira Nair "Mein Blick ist nicht operettenhaft"

Die Regisseurin Mira Nair über das indische "Bollywood"-Kino und ihre figurenreiche und farbensatte Familienkomödie "Monsoon Wedding".


Filmemacherin Nair: "Keine kleinen Brötchen backen"
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Filmemacherin Nair: "Keine kleinen Brötchen backen"

SPIEGEL:

Frau Nair, für Ihren ersten Spielfilm "Salaam Bombay", der von Straßenkindern und Prostituierten erzählt, haben Sie 1988 in Hollywood eine Oscar-Nominierung bekommen, doch zu Hause wurden Sie als Nestbeschmutzerin geschmäht. Und Ihren letzten Film "Kama Sutra" hätten manche Leute in Indien am liebsten ganz verboten. Ist die überbordende Jubel-Trubel-Show "Monsoon Wedding" nun ein Versöhnungsgeschenk für Ihre Heimat?

Nair: Indien ist groß. Natürlich war es schön, einmal keine Zensur-Probleme zu haben, und natürlich freue ich mich, dass das indische Publikum den Film mit Begeisterung aufgenommen hat ­ ich war mir da vorher gar nicht so sicher. Falls Sie aber meinen, das sei nun richtiges, typisch indisches Familienkino, kann ich nur sagen: bei weitem nicht. Typisch indische Filme sind Operettenfilme.

SPIEGEL: Tanz und Gesang und Geglitzer und Glamour gibt es auch in "Monsoon Wedding" reichlich.

Nair: Aber nicht weil unser Kino so ist, sondern weil unser Leben so ist! Ich komme aus einer gutbürgerlichen Punjabi-Familie und erzähle, wie man in einer gutbürgerlichen Punjabi-Familie die einzige Tochter verheiratet. Da werden keine kleinen Brötchen gebacken. Wir sind temperamentvoll und extrovertiert, wir lieben das Leben farbig, und wenn bei uns gefeiert wird, dann geht es rund.

SPIEGEL: Das sieht man. Diese ansteckende Lebenslust gibt dem Film seine Unwiderstehlichkeit, auch wo er in die Abgründe einer Familiengeschichte blickt. Was verstößt daran gegen die Normalerwartungen eines indischen Publikums?

Nair: Alles. Mein Blick, schon vom ersten Moment an. Mein Blick ist nicht operettenhaft, sondern realistisch. Und neben dem Luxus einer "Bollywood"-Produktion ist mein Film eine kleine, bescheidene, geradezu ärmliche Unternehmung.

SPIEGEL: Dafür sieht er aber ganz schön üppig aus.

Nair-Film "Monsoon Wedding": Rauschende Hochzeitsparty auf Pump
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Nair-Film "Monsoon Wedding": Rauschende Hochzeitsparty auf Pump

Nair: Ich kann reden, wenn ich einmal in Fahrt bin, bis alle Widerstände brechen. Ich habe Finanziers für dieses Projekt begeistert, indem ich ihnen davon vorgeschwärmt habe, bevor es auch nur ein vorzeigbares Drehbuch gab. So habe ich genug Geld für 30 Drehtage zusammengebracht, knapp das Existenzminimum. Eigentlich reicht es jedes Mal nur für einen ganz kleinen Film, und jedes Mal wird ein fellinimäßiger Zirkus daraus. Diesmal ein Familienzirkus: Meine Mutter hat für die Crew gekocht, wir haben in Häusern von Freunden gedreht, mit geliehenen Festgewändern und Juwelen, und zur großen Hochzeitsparty haben wir die gesamte Verwandtschaft eingeladen, weil wir keine Komparsen hätten bezahlen können.

SPIEGEL: Sie haben inzwischen drei Wohnsitze: New York, wo Sie als Dozentin an der Columbia University unterrichten, Uganda, wo Ihr Mann aufgewachsen ist, und Neu-Delhi, wo Eltern und Geschwister leben. An welches Publikum denken Sie, wenn Sie ein neues Projekt angehen?

Nair: Im Fall von "Monsoon Wedding" an Indien, ganz klar. Von einem Erfolg im Ausland oder gar vom Goldenen Löwen hätte ich nicht zu träumen gewagt. Natürlich ist mein Blick auf Indien durch die Erfahrung der Fremde geschärft. Ich wollte den Indern zeigen, wie es bei ihnen aussieht, mitten in einem unglaublich dynamischen Umbruch, weil sie das im Kino sonst nie zu sehen bekommen.

SPIEGEL: Also im Mikrokosmos einer Großfamilie der Sprung aus dem Dunstkreis der Heiligen Kühe in die neue Computerwelt?

Nair: Indien hat schon immer mit großem Appetit fremde Kultureinflüsse absorbiert; die Mischung von allem mit allem ist ein Lebens-Grundrezept, in der Küche heißt das Schlüsselwort dafür "Masala". Es ist für uns normal, dass wir ­ wie in meinem Film ­ Englisch, Hindi und Punjabi durcheinander reden; es ist normal, dass eine junge Frau morgens einen Minirock und abends einen Sari trägt; es ist normal, dass im Verkehrsstau in Neu-Delhi zwischen zwei Luxuslimousinen ein Bauernkarren feststeckt, und vielleicht sitzt auf dem Karren ein Mann, der in sein Handy schreit.

SPIEGEL: Das viertägige Hochzeitsfest, das Ihr Film mit reichlich Sentiment und reichlich Ironie ausmalt, beginnt damit, dass Braut und Bräutigam einander vorgestellt werden. Angeblich finden es immer noch 90 Prozent aller jungen Inder ganz in Ordnung, dass die Ehen von ihren Familien ausgehandelt werden.

Nair: Zu dieser Prozentzahl kann ich nichts sagen. Da inzwischen sogar Inderinnen Sex vor der Ehe mit einer gewissen Gelassenheit betrachten, mag Ihnen das komisch erscheinen, aber arrangierte Heiraten sind nach wie vor sehr üblich.

SPIEGEL: Kann es sein, dass Sie aus lauter Lust zu viel des Guten auf einmal erzählen wollen? Es braucht eine ganze Weile, bis man einen Überblick über die vielen Figuren und ihre Motive gewinnt.

Nair: Sehen Sie, genau so geht es mir selbst bei jedem großen Fest im Verwandtenkreis. Ich habe das Gefühl, die Hälfte der Gäste überhaupt nicht zu kennen, und finde es dennoch wunderbar. Zu viel des Guten? Das ist unser Prinzip "Masala".

Das Interview führte Urs Jenny

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