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Interview mit Paul Verhoeven: "Du gewinnst etwas, du verlierst etwas"

Von Rüdiger Sturm

"Basic Instinct"-Regisseur Paul Verhoeven bleibt mit seinem neuen Film "Hollow Man" dem Thriller-Genre treu. Mit SPIEGEL ONLINE sprach er über seine wahren Neigungen und die Nachteile Hollywoods.

Regisseur Verhoeven: "Alle Gesetze der Gesellschaft brechen"
Columbia Tri Star

Regisseur Verhoeven: "Alle Gesetze der Gesellschaft brechen"

SPIEGEL ONLINE:

Sie arbeiten an komplizierten Projekten über Hitler oder die Suffragette Victoria Woodhull. Doch Filme von Ihnen, die letztlich ins Kino kommen, sind Popcorn-Actionknaller wie "Hollow Man". Woran liegt das?

Paul Verhoeven: Es ist schon ein Dilemma: Wir sprechen über gute Projekte, aber wir kriegen sie einfach nicht auf die Beine. Diese sozusagen esoterischen Filme sind einfach extrem schwierig zu realisieren. Deshalb besteht für mich die Notwendigkeit, Sachen zu drehen, die ich mehr oder weniger mag. Immerhin hat "Hollow Man" ein paar philosophische Untertöne.

SPIEGEL ONLINE: Weil die Titelfigur Caine heißt und sich als Gott bezeichnet?

Verhoeven: Es ist natürlich die Geschichte eines Luzifers, der gegen Gott rebelliert. Aber gleichzeitig ist die Handlung inspiriert vom zweiten Buch von Platos "Politeia", wo ausgeführt wird, wie ein Unsichtbarer alle Gesetze der Gesellschaft brechen würde

SPIEGEL ONLINE: Sie dagegen bekommen anscheinend kein Geld, um die Gesetze Hollywoods zu brechen - trotz aller Box-Office-Erfolge...

Verhoeven: Die Industrie dreht nur das, was ihrer Meinung nach funktioniert. Projekte, die nicht dem allgemeinen Geschmack entsprechen, interessieren nicht. Ein Film über Hitler? Keine Chance bei den Studios. Oder Victoria Woodhull: ein Historienfilm über eine Suffragette, die zur politischen Figur wird, eine Vertreterin der freien Liebe und noch dazu eine Spiritistin: Wo findest du Leute, die sagen: Wow, lass es uns tun?

Verhoeven-Film "Hollow Man": "Philosophische Untertöne"
DPA

Verhoeven-Film "Hollow Man": "Philosophische Untertöne"

SPIEGEL ONLINE: Der Woodhull-Film wird aber immerhin von Sony finanziert...

Verhoeven: Bis jetzt nur das Drehbuch. Und für das gegenwärtige Skript wird Sony nie und nimmer grünes Licht geben. Ich bin selbst mit dem Buch nur zu 50 Prozent zufrieden. Da werden wir schon noch ein Jahr Entwicklung brauchen.

SPIEGEL ONLINE: Und wenn's dann immer noch nicht funktioniert?

Verhoeven: Es ist einfach eine Realität des Filmemachens: Es gibt Vorhaben, aus denen wird nie etwas. Carl Theodor Dreyer, der berühmte dänische Regisseur, arbeitete 10, 15 Jahre an einem Film über Jesus - auch eines meiner Projekte -, und als er endlich das nötige Geld und seine Wunschbesetzung hatte, starb er.

SPIEGEL ONLINE: Sind Sie so desillusioniert?

Verhoeven: Als ich 1986 aus Holland wegging, empfand ich die Situation dort als sehr erdrückend. Ich hatte das Gefühl, als würden mich die Regierung und die begrenzten Möglichkeiten langsam ersticken. In Hollywood dagegen gab es ganz schnell eine riesige Palette von Projekten. Aber die waren notgedrungen viel konservativer als meine früheren Filme wie "Türkische Früchte" oder "Der vierte Mann". Noch konservativer, als ich erwartet hatte. Andererseits kannst du dort aber einen Film nach dem anderen drehen. Du gewinnst etwas, du verlierst etwas.

SPIEGEL ONLINE: Was haben Sie verloren?

Verhoeven: Meine europäischen Filme waren viel authentischer und realistischer. Das gilt auch für jemanden wie Wolfgang Petersen. Hollywood produziert eben wie ein großer Industriebetrieb.

SPIEGEL ONLINE: Und damit haben Sie sich abgefunden?

Verhoeven: Fast zehn Jahre lang habe ich gekämpft, um in diesem Wettbewerb den Kopf über Wasser zu halten. Nach "Basic Instinct" wurde ich dann in den USA akzeptiert, aber ich fragte mich: Ist es das, was ich will? Dieser Denkprozess hat lange gedauert. Erst vor zwei Jahren habe ich endgültig begriffen, dass ich die Dinge, die mir wirklich am Herzen liegen, in Hollywood vielleicht nie realisieren kann.

SPIEGEL ONLINE: Also zurück zu den europäischen Wurzeln?

Verhoeven: Auf jeden Fall zurück zu meinen europäischen Produzenten und Autoren. Nach meiner Promotiontour zu "Hollow Man" war ich zehn Tage in Holland, um mit Gerard Soeteman zu arbeiten, der alle meine holländischen Filme schrieb.

SPIEGEL ONLINE: "Basic Instinct"-Autor Joe Eszterhas ist als kreativer Partner nicht mehr denkbar?

Verhoeven: Es gibt Verschiedenes, was ich an ihm schätze: Er kann über die gedanklichen Schranken Hollywoods hinausgehen, und er ist so brutal ehrlich, dass er sich nicht davor fürchtet, jemandem auf den Schlips zu treten. Mit diesen Talenten ist er theoretisch im Stande, etwas Hochinteressantes zu schreiben. Andererseits ist ihm das seit "Basic Instinct" nicht mehr gelungen. Ganz abgesehen davon ist die Arbeit mit ihm natürlich sehr schwierig. Unsere Auseinandersetzungen beim Dreh waren gigantisch.

SPIEGEL ONLINE: Wird es "Basic Instinct 2" geben?

Verhoeven: Nein. Das habe ich jetzt endgültig abgeblasen. Ich war mit dem Drehbuch nicht einverstanden. Vielleicht hätte Joe es schreiben sollen.

SPIEGEL ONLINE: Womöglich wird Hollywood von solchen expliziten Thrillern ohnehin bald Abstand nehmen. Washington will ja die Brutalität im Kino eindämmen...

Verhoeven: ...weil sie angeblich Gewalttaten fördert. Eine absurde Diskussion. Diese angeblich ultra-brutalen Filme laufen ja auch in Europa...

SPIEGEL ONLINE: ...wo die Verbrechensrate wesentlich niedriger ist.

Verhoeven: Und warum? Weil Feuerwaffen nicht so leicht verfügbar sind. In den Staaten schenkt man doch schon Dreijährigen ihr erstes Gewehr. Wir haben das auch in "Starship Troopers" aufs Korn genommen, in der Szene, wo die Kids ihre Waffen kriegen. Filme haben einen viel geringeren Einfluss auf die Gesellschaft, als unterstellt wird. In erster Linie sind sie deren Spiegel.

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