Interview mit Potter-Regisseur Newell "Diesmal wird Harry richtig fertig gemacht"

Mike Newell, einer der vielseitigsten Regisseure Englands, überrascht mit der Bestseller-Verfilmung "Harry Potter und der Feuerkelch". Im Interview mit SPIEGEL ONLINE erklärt er, was Harry Potter mit Alfred Hitchcock und Bollywood gemein hat - und warum ein neuer Hauptdarsteller kein Problem wäre.


SPIEGEL ONLINE:

Herr Newell, für Sie ist es der erste Harry-Potter-Film: Wie schwer trugen Sie an der Verantwortung, die so ein global wirksames Vermarktungsobjekt mit sich bringt?

Potter-Regisseur Newell: "In erster Linie wollte ich überleben!"
AP

Potter-Regisseur Newell: "In erster Linie wollte ich überleben!"

Newell: Ich fühlte nicht nur die riesige Verantwortung, sondern wurde von der schieren Macht des Harry-Potter-Mythos und des Geschäftes damit überrollt. Ich musste erkennen, dass es sich nicht nur um einen Film, sondern genauso auch um ein Unternehmen mit vielen Mitarbeitern handelt, die alle etwas zu sagen haben. Es ist ein weltweites Ereignis, weswegen ich unter einem enormen Erwartungsdruck stehe - gerade bei Kindern und jungen Leuten. Aber als ich endlich einen Weg durch das kolossal komplexe Buch glaubte gefunden zu haben, fühlte ich mich schon besser. Zuerst sollten es ja zwei Filme werden. Da hätte ich aber nicht mitgemacht: Für einen Film mag es etwas zu viel Inhalt sein, aber für zwei würde das niemals reichen.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben bereits bei so unterschiedlichen Filmen wie "Vier Hochzeiten und ein Todesfall" und "Donnie Brasco" Regie geführt. Wie haben Sie sich auf die Verfilmung eines Kinderbuchs vorbereitet?

Newell: Zunächst habe ich erkannt, dass es im Grunde kein Kinderbuch ist: Die Geschichte ist ein waschechter Thriller. Lord Voldemort zieht von Anfang an die Fäden. Im Buch geht es allein um seine dunkle Macht, die über allem schwebt. Zur Inspiration habe ich daher bedeutende Thriller der Filmgeschichte studiert, darunter "Die Unbestechlichen", "Die drei Tage des Condor", "Zeuge einer Verschwörung", die ganze Palette. Aber der Film, bei dem mir wirklich ein Licht aufging, war Hitchcocks "Der unsichtbare Dritte".

SPIEGEL ONLINE: Harry Potter und Alfred Hitchcock? Das müssen Sie erklären.

Newell: Cary Grant ist zu Beginn des Films eine ungetrübte Frohnatur. Nichts könnte seine Welt ins Wanken bringen. Aber plötzlich geschehen merkwürdige Dinge; denn was er nicht weiß, ist, dass der Bösewicht, in diesem Fall James Mason, etwas mit ihm vorhat. Es geht also darum, dass der Protagonist erkennen muss, in welchem Schlamassel er steckt, und sich am Ende der Gefahr stellen muss. So ein Erkenntnisprozess ist für mich die beste klassische Erzählvariante für einen Film. Als ich den "Unsichtbaren Dritten" unserem Harry-Darsteller Daniel Radcliffe zur Vorbereitung empfahl, schaute er mich ebenfalls etwas entgeistert an. Ich habe es ihm dann erklärt.

SPIEGEL ONLINE: Ist Ihr "Harry Potter" unter diesen Voraussetzungen denn überhaupt noch ein Film für Kinder?

Newell: Nein, es ist ein Film für junge Leute. Ich war mir zwar bewusst, dass ich als Regisseur zu dieser kolossalen und profitablen Maschinerie namens Harry Potter gehören würde und ich sie auf keinen Fall zerstören durfte. Aber Alan Horn, der Chef von Warner Bros., sagte mir: "Wenn Joanne K. Rowling sieben Bücher geschrieben und wir sieben Filme gedreht haben, möchte ich mit echtem Stolz auf jeden einzelnen zurückblicken. Stolz vor allem darauf, dass sich alle Filme in gewisser Weise unterscheiden." Das war doch förmlich eine Einladung, meinen Kopf durchzusetzen! Ich bevorzugte also eine härtere Lesart der Buchvorlage und arbeite klar heraus, dass Harry diesmal wirklich fertig gemacht wird und nicht nur mit einem niedlichen dreiköpfigen Hund oder einer Spinne fertig werden muss.

SPIEGEL ONLINE: Halten Sie eine Altersfreigabe ab 12 Jahren noch für angemessen?

Newell: Es geht zwar um Luzifer höchstpersönlich, mit dem Harry von Angesicht zu Angesicht ringen muss. Aber der Film ist trotzdem verträglich. Mein zehnjähriger Sohn wird sich nicht davon abbringen lassen, wenn er den Film endlich sehen kann, dann gehe ich halt mit. Natürlich wird ihn manches überraschen und fordern, doch er wird es aushalten. Auch die Eltern werden sich nicht langweilen, sich aber auch keine Sorgen machen müssen, dass ihre Kinder vergrault werden. Ich halte das für ein wichtiges Zeichen an diejenigen Jugendlichen, die mit den Büchern und den Filmen aufgewachsen sind: Es ist auch mit 14 oder 15 Jahren immer noch cool, Harry Potter-Filme zu sehen. Jeder Fan weiß, wie hart das Buch ist. Wir haben uns strikt daran orientiert und keine Weichspüler eingesetzt.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben auf verschiedenen Ebenen große Schritte gemacht: mehr Action, mehr Düsternis, mehr Humor und erstmals eine gehörige Portion Romantik. Wollten Sie da nicht zu viel auf einmal?

Szene aus "Harry Potter und der Feuerkelch" (mit Daniel Radcliffe): "Die Geschichten wollen erzählt werden, egal mit wem"
DDP

Szene aus "Harry Potter und der Feuerkelch" (mit Daniel Radcliffe): "Die Geschichten wollen erzählt werden, egal mit wem"

Newell: In erster Linie wollte ich überleben! Ich erkläre es mal so: Im Grunde ist es doch ein Bollywood-Film, obwohl sich immer alle am Set aufregten, wenn ich das jemandem erzählte. Dabei gibt es Heldinnen und Helden, viel Humor und Romantik, es treten bildhübsche Mädchen auf, und es wird getanzt - in einer Szene sogar der Macarena. Die Parallelen sind doch offensichtlich! Der Film ist also ein riesiger Cocktail mit vielen einzelnen Elementen, die nur eines sollen: unterhalten. Der rote Faden, an den ich diese ganzen Körbe voller Blumen und Süßigkeiten aufhängen konnte, ist das Thriller-Element gepaart mit dem Problem des Erwachsenwerdens. Damit haben die Protagonisten schwer zu kämpfen: Wie soll ich das Mädchen ansprechen? Das ist so wahr wie komisch. Wir alle erinnern uns, wie peinlich und furchtbar dieser Schritt für uns war.

SPIEGEL ONLINE: Sie scheinen sich auf kein Genre festlegen zu lassen: Mal inszenieren Sie Dramen, mal Action-Stoffe, mal Kriminalfilme, mal Komödien. Woher kommt die Lust an der ständigen Abwechslung?

Newell: Das macht die Leute immer furchtbar wuschig. Dabei sind meine Filme gar nicht so unterschiedlich. Ich wuchs in einem literarisch geprägten Elternhaus auf. Mutter und Vater betrieben ein Amateur-Theater, und daher waren bei uns zu Hause die Regale gefüllt mit Büchern, meistens Theaterstücken. Also las ich schon in jungen Jahren sehr viele gute Stoffe und interessierte mich bald allein für die Charaktere in den Geschichten. Auf der Universität befasste ich mich dann mit Schriftstellern aus dem 19. Jahrhundert und wurde noch besessener von Charakterfragen. Für mich zählen seitdem nur zwei Merkmale an einer Geschichte: Ein gutherziger Charakter in einer miesen Situation. "Donnie Brasco" handelt gleich von einer ganzen Reihe guter Charaktere in schlechter Lage, dasselbe in "Vier Hochzeiten und ein Todesfall". Nun ist es der nette Harry, der sich gegen den Teufel bewähren muss.

SPIEGEL ONLINE: Sind Sie auf den Geschmack gekommen, sich ein zweites Mal auf Harry Potter einzulassen?

Newell: Die Entscheidung der Produzenten, einen Regisseur nur einen Film drehen zu lassen, sorgt meiner Meinung nach für angenehme Abwechslung. Ich halte das für richtig und wichtig. Dennoch werde ich mich wohl in die erwartungsgemäß recht lange Schlange von Regisseuren einreihen, wenn es um den siebten Film geht. Bis dahin werde ich mich sicherlich auch erholt haben: Einen "Harry Potter" zu drehen ist so ermüdend. Zwei Jahre durcharbeiten! Deswegen ist es auch schier unmöglich, zwei aufeinander folgende Verfilmungen zu übernehmen. Wie Chris Columbus das mit den ersten beiden geschafft hat, ist mir schleierhaft.

SPIEGEL ONLINE: Wird es überhaupt zu einem siebten Film kommen? Der Filmreihe läuft mit dem Heranwachsen von Hauptdarsteller Daniel Radcliffe augenscheinlich die Zeit weg.

Newell: Was in dieser Hinsicht passiert, wird auf jeden Fall sehr interessant: Vielleicht läuft tatsächlich allen die Zeit weg, vielleicht aber auch nicht. Was wir wissen, ist, dass die Filme einen Wechsel bei einer der wichtigsten Nebenrollen überlebt haben: Nach dem Tode von Richard Harris wurde Albus Dumbledore sofort mit Michael Gambon besetzt, und die Wasseroberfläche hat sich nach diesem gewaltigen Einschlag sofort wieder beruhigt. Natürlich wäre es aber sehr viel schwieriger, einen der drei Protagonisten Harry, Ron oder Hermine neu zu besetzen. Aber alles ist möglich, schließlich geht es hier maßgeblich um die Bücher. Die Geschichten wollen erzählt werden, egal mit wem: Vielleicht würde man daher selbst mit einer Neubesetzung Harrys durchkommen.

Das Interview führte Leif Kramp


"Harry Potter und der Feuerkelch" startet in der Nacht zum Donnerstag weltweit in den Kinos

Mehr zum Thema


© SPIEGEL ONLINE 2005
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.