Legendärer Szenenbildner Ken Adam: "James Bond war unser Junge"
Sir Ken Adam prägte den visuellen Stil der Bond-Filme. Die schrägsten Erfindungen, die kühnsten Bauten - alles seine Idee. Der heute 91-jährige legendäre Production Designer erzählt, warum er Autos baute, die zurückschießen und wie er eine Kathedrale des Goldes schuf.
SPIEGEL ONLINE: Sir Ken Adam, 1961 wurden Sie als Production Designer für den ersten Bond-Film "Dr. No" verpflichtet. Kannten Sie die Bond-Romane von Ian Fleming?
Adam: Nein, ich hatte von Bond noch nie gehört. Und die Fassung des Drehbuchs, die ich bekam, war so miserabel, dass meine Frau zu mir sagte: "Das kannst du nicht machen, das ist Prostitution!" Doch der Regisseur, Terence Young, war ein Freund von mir, und mit den Produzenten Cubby Broccoli und Harry Saltzman hatte ich bereits gearbeitet. Ausschlaggebend war jedoch, dass ich schon länger den Traum hatte, unser modernes, technisches Zeitalter in einem Film einzufangen. Dies war die Gelegenheit, ihn zu verwirklichen.
SPIEGEL ONLINE: Sie zeigen in "Dr. No" ein Atomkraftwerk von innen.
Adam: Ich hatte keine Ahnung, wie es in so einem Kraftwerk aussieht. Doch Harry Saltzman kannte zwei junge Atomwissenschaftler in Harvard. Von ihnen ließ ich mir erklären, wie ein Reaktor funktioniert. Natürlich ist da sehr viel aus Metall, doch für Metall hatten wir kein Geld. Es gab damals allerdings ein neuartiges Verfahren, Farbe so auf Holz aufzutragen, dass es glänzte wie Metall. Das haben wir verwendet.
SPIEGEL ONLINE: Sie hatten nicht viel Geld zur Verfügung.
Adam: 14.000 Pfund, lächerlich wenig. Später schossen Cubby und Harry noch 6000 Pfund nach. Doch es reichte hinten und vorne nicht. Das Apartment von Dr. No habe ich teilweise mit meinen eigenen Möbeln dekoriert.
SPIEGEL ONLINE: Es heißt, Sie mussten für den Film sogar einen Goya fälschen.
Adam: Johanna Harwood, eine der Drehbuchautoren, hatte eine hübsche Idee. Sie sagte: "Wie wäre es, wenn in Dr. Nos Apartment ein berühmtes Gemälde hängen würde, das vor kurzem geraubt worden ist? Der "Duke of Wellington" von Goya war gerade, im August 1961, aus der Londoner National Gallery gestohlen worden. Ich besorgte mir ein Dia von dem Bild und malte den Goya nach. Ist ganz gut gelungen.
SPIEGEL ONLINE: Hatten Sie bei den Dekors freie Hand?
Adam: Solange ich im Budget blieb. Ich musste meine Entwürfe Cubby und Harry vorlegen, aber die hatten selten Einwände. Und Terence sagte nur: "Ken, bau die Dekors einfach so, dass niemand gegen die Wand rennt." Er kümmerte sich in erster Linie um die Schauspieler, vor allem um Sean.
SPIEGEL ONLINE: Connery galt zunächst nicht als Idealbesetzung.
Adam: Wahrlich nicht. Sean war ein Naturkind, das auf den Straßen von Edinburgh aufgewachsen war. Es verlangte sehr viel Arbeit, aus ihm einen Gentleman zu machen. Manchmal hatten wir Schwierigkeiten, ihn zu verstehen, so stark war sein Dialekt. Terence nahm Sean unter seine Fittiche und verpasste ihm weltmännischen Schliff. Zunächst einmal nahm er ihn mit zu seinem Schneider und ließ ihn neu einkleiden. Auch Manieren brachte er ihm bei. Er arbeitete mit Sean wie Mr. Higgins mit Eliza Doolittle, behandelte ihn wie einen kleinen Jungen.
SPIEGEL ONLINE: Und Connery ließ sich das gefallen?
Adam: Sean spürte, dass er in guten Händen war, dass er viel lernen konnte. Terence war ein Kriegsheld, er legte viel Wert auf Stil, nur die besten Schneider waren ihm gut genug. Er hielt sich selbst für eine Art James Bond, und deshalb war er für diesen Job wie gemacht. Sean hatte enormen Sex-Appeal und unglaubliches Charisma, doch ohne Terence wäre er nicht zu diesem weltweit gefeierten Idol geworden.
SPIEGEL ONLINE: Ian Fleming, der Autor der Bond-Romane, wollte Connery nicht. Er hielt ihn für einen Proleten.
Adam: Fleming kam einige Male zum Dreh nach Pinewood, ich habe ihn beim Lunch getroffen. Ich bin ihm aber nie wirklich nahe gekommen, er war sehr britisch, sehr reserviert. Ich kann nicht sagen, ob er ein netter Mensch war.
SPIEGEL ONLINE: Die ersten Bond-Filme folgten den Romanen recht genau - bis auf die vielen Gadgets, die Sie hinzuerfanden. Für Ihren zweiten Bond-Film "Goldfinger" entwarfen Sie den waffenstarrenden Aston Martin.
Adam: Ich bin nun mal ein großer Autoliebhaber. Wenn ich morgens nach Pinewood fahren wollte und meinen Jaguar zerkratzt und beschädigt vorfand, war ich jedesmal stinksauer. In London passiert das leider ständig. So kam ich auf die Idee, ein Auto zu entwerfen, das sich wehren kann. Von Bewaffnung verstand ich was, ich war im Krieg Jagdflieger gewesen. Ich war es gewohnt, in 8000 Meter Höhe mit 450 Meilen pro Stunde zu fliegen. Zu ebener Erde war mir nichts schnell genug.
SPIEGEL ONLINE: Die Bond-Filme präsentieren dem Zuschauer immer wieder die neuesten technischen Errungenschaften. Waren Sie viel auf Messen unterwegs?
Adam: Harry und Cubby hatten einen Ex-Colonel der US Army als technischen Berater engagiert, Charlie Russhon. Seine Aufgabe war es, durch die Welt zu reisen und die allerneuesten technischen Geräte zu finden. Russhon entdeckte auch den Jetpack, den Flugrucksack für "Feuerball".
SPIEGEL ONLINE: Das Ding gab's wirklich?
Adam: Ja, und es funktionierte sogar. Man musste nur ganz genau auf die Uhr schauen, denn nach drei Minuten war der Treibstoff alle, und der Jetpack plumpste vom Himmel. Je mehr Bond-Filme wir drehten, desto einfacher wurde es für mich, Erfinder und Wissenschaftler für eine Zusammenarbeit zu gewinnen. Die ganze Welt würde ihre Erfindungen bewundern können, das hat sie sehr motiviert.
SPIEGEL ONLINE: Trotz der futuristischen Elemente wirken die Bond-Filme sehr gegenwärtig.
Adam: Unsere Dekors und Requisiten sollten möglichst real wirken. Niemand sollte mitbekommen, dass wir die Wirklichkeit neu erfanden. Mein Fort Knox in "Goldfinger" hatte wenig mit der Realität zu tun. Ich wusste, dass man Goldbarren wegen des Gewichts nicht allzu hoch stapeln kann, doch ich baute eine Kathedrale, in der sich das Gold meterhoch türmt. Als der Film herauskam, erhielten wir mehr als 200 Briefe von Leuten, die wissen wollten, wie es denn möglich sei, dass ein britischer Regisseur in Fort Knox drehen konnte. Nicht mal der amerikanische Präsident durfte da rein.
SPIEGEL ONLINE: Bereitet es Ihnen besonderes Vergnügen, Räume zu entwerfen, die den Gesetzen der Physik widersprechen?
Adam: Etwas genau so nachzubauen, wie es in Wirklichkeit ist, langweilt mich. Für "Der Spion, der mich liebte" schickte mich Cubby nach Okinawa, ich sollte mir dort eine Unterwasserstation anschauen. Doch sie sah schrecklich aus, dümpelte einfach nur vor sich hin. Als ich zurück in England war, habe ich eine ganze Woche lang Skizzen gezeichnet, aber ich bekam sie nicht in den Griff. Auf einmal hatte ich das Bild einer Spinne vor Augen, und mir war klar: So muss die Unterwasserstation aussehen. Doch in dieser Station brauchten wir einen rechteckigen Saal, in dem der Bösewicht seine Gäste empfängt. Wie um alles in der Welt sollten wir glaubhaft machen, dass ein solcher Saal in diese organische Struktur passt? Am Ende fiel es niemandem auf. Das verblüfft mich bis heute am meisten: Die Leute haben uns alles abgekauft.
SPIEGEL ONLINE: Der Architekt Sir Norman Foster baute nach dem Vorbild Ihrer Dekors für den Riesentanker in "Der Spion, der mich liebte" eine U-Bahn-Station an der Canary Wharf in London.
Adam: Ja, das macht mich stolz. Ich bekomme ab und zu Anrufe von Architekten, die sich bei mir dafür bedanken, dass ich sie inspiriert habe.
SPIEGEL ONLINE: Der erloschene Vulkan, den Sie für "Man lebt nur zweimal" gebaut haben, ist wohl das spektakulärste Dekor der Filmgeschichte.
Adam: Und keines hat mich so viele Nerven gekostet. Ich nahm ständig Valium. Es fing damit an, dass wir keine Schauplätze fanden, die Flemings Beschreibungen in der Romanvorlage entsprachen. Drei Wochen lang flogen wir mit zwei Hubschraubern Japan rauf und runter, der Regisseur Lewis Gilbert und ich saßen in dem einen Hubschrauber, Cubby und der Kameramann Freddie Young im anderen. Einer der Piloten war Kamikaze-Flieger, Gilbert fürchtete ständig um sein Leben. Für mich war es nicht so schlimm, ich war ja im Zweiten Weltkrieg Jagdflieger gewesen. Bald kannten wir Zentral- und Südjapan in- und auswendig, waren aber keinen Schritt weiter. Eine Festung mit Meerblick, wie Fleming sie beschrieb, gab es nicht.
SPIEGEL ONLINE: Fleming hatte sich sein eigenes Japan zusammengebastelt.
Adam: Ja, sein gutes Recht, das haben wir bei den Filmen ja schließlich auch immer wieder gemacht. Als wir schon völlig verzweifelt waren, flogen wir zufällig über einen Vulkan. Ich sagte sofort: "Das ist es!" Wir landeten, und einer von uns sagte: "Wäre es nicht nett, wenn der Bösewicht sein Hauptquartier in dem erloschenen Vulkan hätte?" Ich fertigte sofort für Cubby eine Skizze an. "Interessant", sagte er. "Was kostet das?" Ich erwiderte: "Cubby, keine Ahnung." - "Wenn ich dir eine Million gebe, kommst du damit aus?' Ich war sprachlos, das war ungeheuer viel Geld.
SPIEGEL ONLINE: Der gesamte Film "Dr. No" hatte ein Million Pfund gekostet.
Adam: Ja, aber "Feuerball", der vorherige Bond-Film, war so erfolgreich gewesen, dass Geld keine Rolle mehr spielte. Es war einfach unglaublich.
SPIEGEL ONLINE: Jetzt setzte nur noch der Himmel Ihren Visionen Grenzen.
Adam: Na ja, erst einmal die Decke des Studios! Es gab in Pinewood keine Halle, die groß genug war, also mussten wir das Dekor unter freiem Himmel bauen. Das dauerte drei Monate. All die Arbeiter im Studio, die normalerweise gerne maulen oder zu streiken drohten, kamen sogar sonntags und brachten ihre Frauen und Kinder mit, damit sie das Dekor bestaunen konnten. Alle waren voller Begeisterung. Es wurde sehr demokratisch diskutiert, jeder konnte sagen, was er dachte, vom Requisiteur bis zum Beleuchter.
SPIEGEL ONLINE: Das klingt nach einer sehr familiären Atmosphäre.
Adam: Ja, wir waren ein große Familie, und James Bond war unser Junge. Als wir an "Feuerball" arbeiteten, lebten wir zusammen auf den Bahamas, dicht an dicht. Wir nannten unseren Strandabschnitt den "Mafia Beach", denn meine damalige Frau war Italienerin, Seans Frau Diane Cilento war Halbitalienerin, und der Broccoli-Clan stammte aus Kalabrien. Wir bekamen immer wieder mit, wie Sean sich mit Diane stritt, die sich irrtümlicherweise für eine große Schauspielerin hielt. Dennoch war alles sehr nett, bis Sean irgendwann die fixe Idee entwickelte, er werde von Cubby und Harry ausgebeutet. Das wurde eine regelrechte Obsession und führte zu großem Ärger. Es war eben wie in einer richtigen Familie, wenn es Zoff gab, ging's ans Eingemachte.
SPIEGEL ONLINE: Es soll auch eine erbitterte Konkurrenz zwischen den beiden Produzenten gegeben haben.
Adam: Und wie! Ich verbrachte das Wochenende oft in Harrys Landhaus, wir spielten Rommé, manchmal kam Michael Caine vorbei. Als Cubby davon erfuhr, war er außer sich, geradezu eifersüchtig, als hätte er mich beim Seitensprung erwischt. Einmal, bei der Verleihung der britischen Filmpreise, saß ich mit Cubby und Harry an einem Tisch. Ich war zweimal nominiert, für "Goldfinger" und für "Ipcress - Streng geheim", den Harry allein produziert hatte. Als ich ihn dann für "Ipcress" ausgezeichnet wurde, sprach Cubby eine Weile nicht mehr mit mir. Doch insgesamt war es eine großartige Zeit, wir jetteten ständig durch die Welt, zu den exotischsten Orten, die man sich vorstellen konnte, oft in gecharterten Flugzeugen. Wunderbar, ich liebe das Fliegen.
SPIEGEL ONLINE: Half Ihnen Ihre Erfahrung als Jagdflieger eigentlich bei der Schauplatzsuche?
Adam: Auf jeden Fall, mein Auge war trainiert darin, aus der Luft Ziele zu finden. Als wir für "Moonraker" in Guatemala über den Urwald flogen, entdeckte ich plötzlich ein Indianerdorf. Wir landeten auf dem nächstgelegenen Flugplatz und schlugen uns durch den Dschungel, bis wir das Dorf fanden. Dann bangten wir um unser Leben: Die Indianer hatten nämlich Blasrohre. Die hatte ich von oben nicht gesehen. Zum Glück beschossen sie uns nicht.
SPIEGEL ONLINE: 007 ist in den Filmen so gut wie nie zu Hause. Wie darf man sich sein Apartment vorstellen?
Adam: Wenn ich mir heute meine Skizzen für Bonds Apartment anschaue, stelle ich fest: Daran ist nichts Bemerkenswertes, alles ist sehr nüchtern und schmucklos. Schon seine Golfschläger wirkten aufregend. Bei den Bond-Filmen, an denen ich beteiligt war, gab es keine einzige Szene, die in Bonds Apartment spielte. Sein Zuhause war virtuell.
SPIEGEL ONLINE: Ihren letzten Bond-Film machten Sie 1979 mit "Moonraker". Schauen Sie sich die neuen Filme noch an?
Adam: Netterweise werde ich immer noch zu den Premieren eingeladen. Aber ich gehe da schon länger nicht mehr hin, das ist für einen Mann in meinem Alter etwas zu beschwerlich. Außerdem muss man viele Stunden in diesem verdammten Kino sitzen. Man muss immer ewig auf die Queen warten. Aber die Filme sehe ich mir an.
SPIEGEL ONLINE: Gefallen sie Ihnen?
Adam: Peter Hunt, der Cutter meiner ersten Bond-Filme, hat den visuellen Stil der Filme mit seinen enorm schnellen Schnittfolgen geprägt, das war damals sehr innovativ. Doch der Zuschauer behielt immer den Überblick. Wenn ich mir die heutigen Filme anschaue, weiß ich oft nicht mehr, wo oben und unten ist.
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- Montag, 05.11.2012 – 11:10 Uhr
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- Sir Ken Adam, 91, ist einer der bekanntesten Szenenbildner der Filmgeschichte. Besondere Berühmtheit erlangte der gebürtige Berliner für seine aufwändigen Szenenbauten für James-Bond-Filme in den sechziger und siebziger Jahren.
REUTERS
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