Interview mit Ralf König "Ich kann diese Schwuchtelei nicht mehr sehen"

Knollennasen und Sahnehintern: "Der bewegte Mann" machte den Kölner Comiczeichner Ralf König Mitte der neunziger Jahre zum Medienstar. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE erklärt der 44-Jährige, was ihn an der Verfilmung seines Comics "Lysistrata" stört und warum ihm Schwulen-Klischees im Fernsehen auf die Nerven gehen.


Comiczeichner König: "Das Bild des Schwulen in den Medien ist in den siebziger Jahren stecken geblieben"
DDP

Comiczeichner König: "Das Bild des Schwulen in den Medien ist in den siebziger Jahren stecken geblieben"

SPIEGEL ONLINE:

Herr König, Sie gelten als Bestseller-Autor unter den deutschen Comiczeichnern. Unlängst war jedoch zu lesen, Sie hätten Geldsorgen.

König: Das war 'ne blöde Geschichte. Ich war wegen der Promotion für "Lysistrata" in Berlin. Ein Journalist deutete an, dass ich bei all dem Erfolg ja eigentlich im Geld schwimmen müsste. Aber wegen des Konkurses eines meiner Verlage und einiger anderer Pannen sieht es gar nicht so klasse aus. Ich war eh nie der Geschäftstyp. Die "Bild" hat dann daraus gemacht, dass ich kurz vorm Sozialamt bin oder so. So dramatisch ist es aber wirklich nicht.

SPIEGEL ONLINE: Sind die Comics Ihre Haupteinnahmequelle?

König: Klar. Ich bin ja in erster Linie Comiczeichner. Mit Verfilmungen ist es für mich meistens dumm gelaufen.

SPIEGEL ONLINE: Wie bei der TV-Serie "Bewegte Männer", die auf Sat.1 läuft?

König: Mit der habe ich gar nix zu tun. Die Constantin-Film wollte damals wegen des Riesenerfolgs einen "Bewegten Mann 2" ins Kino bringen und hat mir die Rechte an den Namen der Figuren abgekauft, um einen anderen Schreiber dran zu setzen. Aus dem Kinofilm wurde aber nichts, weil wohl kein richtiges Drehbuch zustande kam. Aus dem vorhandenen Material wurde dann diese wie ich finde erbärmliche Serie gebastelt. Mir war nur wichtig, dass da nicht auch noch mein Name im Abspann steht.

SPIEGEL ONLINE: Ähnlich wie bei "Lysistrata": Die Filmrechte waren verkauft, und auf einmal war der Film fertig.

"Lysistrata"-Plakat: "Denen ging es um diesen Marmorpimmel"

"Lysistrata"-Plakat: "Denen ging es um diesen Marmorpimmel"

König: Bei "Lysistrata" wurde ich vorher nach Barcelona eingeladen. Der Regisseur hat mir Schauspielerfotos gezeigt und Kostümentwürfe, die Leute waren ganz begeistert von dem Stoff. Dann hörte ich ein paar Jahre nichts. Eines Tages hieß es dann, der Film sei fertig. Das fand ich schade. Vor allem, weil viel Dialog reingeschrieben wurde, der nicht von mir ist. Es wäre besser gewesen, wenn ich das Drehbuch geschrieben hätte.

SPIEGEL ONLINE: "Lysistrata" war 1987 Ihr zweiter längerer Comic. Was haben Sie für ein Gefühl dabei, ihn heute auf der Leinwand zu sehen?

König: Die Geschichte ist ja im Grunde von Aristophanes und dadurch zeitlos. Ich finde den Film auch sehr liebevoll gemacht. Natürlich sind die Frauen wieder viel zu schön. Bei mir wäre die Lysistrata eine richtige Kampflesbe gewesen, so eine Hella-von-Sinnen-Type. Schlimmer finde ich aber die Schwulen, die alle super-transig und geschminkt rumtucken. Wie bei Bully. Der Film würde sehr viel besser funktionieren, wenn die Schwulen auch männlich daherkämen. Im Film sollen sich heterosexuelle Männer immerhin aus Frauenmangel mit schwulen Männern vergnügen. Das ist schwer vorstellbar, wenn man alberne Tunten sieht, die so gar keine Erotik haben. Das ist auch so ein Missverständnis: Einige Heteros glauben, dass Schwule Tunten geil finden. Ich jedenfalls kann diese dumme Schwuchtelei in den Medien nicht mehr sehen.

SPIEGEL ONLINE: Diese Schwuchtelei gibt es aber auch in Ihren Comics.

König: Es gibt das Rumgetucke, und das ist auch spaßig so. Aber das Bild des Schwulen in den Medien ist in den siebziger Jahren stecken geblieben. Zum Beispiel diese Iglo-Werbung mit Holger und Max. Die fand ich so dämlich! Zwei Schwule, die für diese Produkte werben mit "Tatü, tata, das Essen ist da." Auf die Frage, warum das so eine dumme Nummer sein musste, antwortete Iglo: "Wenn die das nicht machen, würde doch kein Mensch verstehen, dass die schwul sind." Na toll. Wenn in meinen Comics geschwuchtelt wird, dann ist das nur ein Teil der Realität. Meine Nasen haben ein breiteres Spektrum, die sind nicht nur doof. Und wenn wir wirklich mal schwuchteln, dann allemal origineller als bei Bully.

Szene aus "Lysistrata": "Alberne Tunten, die so gar keine Erotik haben"
KINOWELT

Szene aus "Lysistrata": "Alberne Tunten, die so gar keine Erotik haben"

SPIEGEL ONLINE: Trotzdem: Wie groß ist Ihrer Meinung nach die Gefahr, mit Ihren Comics diese Klischees zu verstärken?

König: Gar nicht. Klischees haben auch Wahrheit. Das Schwuchteln steht bei mir ja nicht im Vordergrund. In meinen älteren Comics kam das vielleicht noch häufiger vor als heute, da war das ja auch noch ein Politikum. Nur in den Medien wird das nicht zur Kenntnis genommen, weil es halt unheimlich lustig ist, tuntige Schwule vorzuführen.

SPIEGEL ONLINE: Hat diese Darstellung von Schwulen in den Medien Auswirkungen auf Sie oder Ihre Comics?

König: Für mich sehe ich da keine Auswirkungen. In den Großstädten ist das ja auch kein Problem, da gibt es die schwule Szene, da haben die Leute ihr Selbstbewusstsein. Aber wenn jemand in den Kleinstädten und Dörfern schwul ist, dann hat der heute die gleichen Probleme wie in den Siebzigern. Ich habe das damals immer schrecklich gefunden, wenn Schwule nur als Exoten und Dummtunten vorgeführt wurden. Dass die allermeisten Schwulen völlig normale Männer sind, wird ignoriert.

SPIEGEL ONLINE: Das Klischee der Kampflesbe ist ja genauso zementiert.

König: Das mag sein, aber da müssen Sie 'ne Lesbe fragen.

SPIEGEL ONLINE: Anscheinend gibt es tatsächlich immer noch viele Ressentiments gegenüber der schwulen Thematik: Der Kinoverleih UCI hat sich geweigert, "Lysistrata" vorab zu bewerben.

König: Denen ging es um diesen Marmorpimmel auf dem Plakat. Der sei angeblich "desorientierend" für Jugendliche. Demzufolge müsste jeder Spaziergang auf den Trümmern von Delos, wo die ganzen antiken Steinpimmel stehen, die Jugend desorientieren. Ist doch nicht ernst zu nehmen.

SPIEGEL ONLINE: Sie werden in Ihren Comics oft sehr gallig, wenn es um die Schwulen geht. Haben Sie ein gespaltenes Verhältnis zu der Szene?

Bully-Erfolg "(T)Raumschiff Surprise": "Dass die allermeisten Schwulen völlig normale Männer sind, wird ignoriert"
HERBX FILM / CONSTANTIN

Bully-Erfolg "(T)Raumschiff Surprise": "Dass die allermeisten Schwulen völlig normale Männer sind, wird ignoriert"

König: Ich stehe immer ein bisschen daneben und sehe mir alles mit Abstand an, anders könnte ich den Job auch gar nicht machen. Dieses "Wir sind alle eine Famile"-Getue finde ich albern. Oder dieses Uniformierte, wenn alle gleich aussehen: Glatze und Tattoo, sonst kommst du nicht auf die Party. Ich reagiere dann auf den in der Ecke, der Turnschuhe und ein bisschen längere Haare hat. Nicht auf diese ganzen Schablonen-Muskelklöpse.

SPIEGEL ONLINE: Sie waren in Deutschland einer der ersten Zeichner, der sich an längere Formate getraut hat.

König: Ich hatte mich bei Rowohlt mit meinen Kurzgeschichten beworben, und die baten mich, mal was Langes zu machen. Das war dann "Der bewegte Mann". Manche sagen dazu Comicromane. Das lasse ich mir gerne gefallen.

SPIEGEL ONLINE: Was reizt Sie als Künstler an dem Medium Comic?

König: Ich mag es einfach, Geschichten zu erzählen, ohne so viel beschreiben zu müssen. Ich beschreibe mit der Zeichnung. Und das fällt mir im Laufe der Jahre wirklich ziemlich leicht. Außer bei Autos und Fahrrädern, sowas kann ich nicht, da muss ich geschickt klauen.

SPIEGEL ONLINE: Sie veröffentlichen seit 25 Jahren Comics. Fühlen Sie sich manchmal als Veteran?

König: Ach, Veteran ... Sie erwischen mich gerade in der Midlife-Krise. Sicher sind 25 Jahre 'ne lange Zeit und die Inhalte ändern sich auch. Ich habe wenig Lust, in 15 Jahren immer noch Geschichten zu machen über kleine knollennasige Männchen, die ganz viel rumficken. Das ist ja dann in meinem Leben auch nicht mehr so. Bedauerlicherweise. Scheiße!

Das Interview führte Stefan Pannor



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