Interview mit Richard Linklater "Als ob das Gehirn heiß läuft"

Regisseur Richard Linklater, 41, ("Newton Boys", "Before Sunrise") läuft mit seinem Venedig-Beitrag "Waking Life" zu alter Form auf. Der impressionistisch animierte Digitalfilm über das menschliche Traumbewusstsein spaltete das Publikum: Die Reaktionen reichten von "visionär" bis "intellektuelle Masturbation".


Richard Linklater: Mal durch die Wand schweben
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Richard Linklater: Mal durch die Wand schweben

SPIEGEL ONLINE:

Mr. Linklater, viele Zuschauer haben Schwierigkeiten, zugleich den Maschinengewehrsalven philosophischer Dialoge und den beeindruckenden Animationen zu folgen. Überfordern Sie Ihr Publikum mit diesem Film?

Richard Linklater: Das freut mich zu hören. Klingt, als ob das Gehirn heiß läuft - diese Idee gefällt mir. Alles was neu ist, ist schon immer auf Widerstand gestoßen, weil es eine etablierte Form angreift. Ich kenne das aus eigenen Reaktionen. Das erste Mal, wenn man Strawinski hört oder Picasso sieht, verzieht man das Gesicht. Ich vergleiche uns nicht damit, aber der Film unterscheidet sich schon ziemlich deutlich von allem anderen, was man bisher auf der Leinwand gesehen hat. Ich mag es, wenn man auf etwas stößt, das die eigenen herkömmlichen Konzepte durcheinander bringt, und ich finde es gut, wenn Leute dazu angeregt werden darüber nachzudenken, was Film ist, sein sollte oder könnte. "Waking Life" macht sich Gedanken über sich selbst - nicht einmal die Hauptfigur hat einen Schimmer, wer sie ist.

SPIEGEL ONLINE: Ihr letzter Streifen, "Die Newton Boys" war ein kommerzieller Flop. Sind Sie damit in Hollywood unten durch?

Linklater: Offenbar nicht - wie Sie sehen, verleiht 20th Century Fox diesen Film. Das Problem ist eher, wenn man einmal finanziell scheitert, wird's schwierig, das nächste Projekt in die Gänge zu kriegen. Tatsächlich bekam ich nach den "Newton Boys" mehr Regie-Angebote als je zuvor, allerdings alles Auftragsarbeiten. Anscheinend sagten Sie sich: Oh, er hat einen schwachen Moment, hey, komm zu uns! Für meine eigenen Projekte konnte ich keinen Pfennig auftreiben. Das ist gefährlich - am Ende machen sie einen mürbe und man endet wirklich als Auftragsregisseur, weil man schließlich Filme machen will. Gott sei Dank bin ich genau an dem Punkt in dieses Projekt geschlittert. Und das hat mich ironischerweise in die entgegengesetzte Richtung getragen. Inzwischen bin ich wohl weiter entfernt von der kommerziellen Ecke als je zuvor.

SPIEGEL ONLINE: Hatten Sie keine Bedenken, mit einer derart assoziativen Erzählung die Zuschauer zu langweilen?

Linklater: Die meisten Kinogeschichten haben einen Anfang, eine Mitte und ein Ende, und dieser Film versucht, den Vorgang der Existenz selbst zu erzählen - ein Ereignis zerfließt im nächsten, und wir selbst schaffen die Geschichte ringsherum.

SPIEGEL ONLINE: Der Animationsfilm boomt: Hollywood vergibt im kommenden Jahr erstmals einen Animationsfilm-Oscar, und die Märchen von Disney und Dreamworks konkurrieren mit dem Hyperrealismus der Asiaten. Präsentiert "Waking Life" einen dritten Ansatz?

Filmszene aus "Waking Life": Impressionistisch animierter Digitalfilm über Traumbewusstsein
AP

Filmszene aus "Waking Life": Impressionistisch animierter Digitalfilm über Traumbewusstsein

Linklater: Keine Ahnung, aber was mir an unserem Film gefällt, ist, dass er kein Streifen ist, den irgendein Konzern entworfen und umgesetzt hat, sondern eine Zusammenarbeit zwischen Künstlern und Schauspielern. Für meinen Geschmack hat das Ganze so einen viel menschlicheren Touch. Ich bin kein großer Animationsfan - ich schaue mir einiges an, und manches beeindruckt mich vage, aber es bewegt mich nicht sonderlich.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben den Film zunächst mit echten Schauspielern auf Digitalvideo aufgenommen. Wie sehr waren Sie in die Animationsarbeiten involviert?

Linklater: Ich habe natürlich schon beim Drehen daran gedacht, möglichst viele animationsgeeignete Nahaufnahmen zu drehen. Und dann war es eigentlich der Arbeit mit Schauspielern sehr ähnlich: Man benutzt die Fähigkeiten der Animatoren wie einen Werkzeugkasten und baut sie mit den eigenen Ideen und einem bestimmten Tonfall zu einem Film zusammen.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie je einen anderen Stil erwogen?

Linklater: Ich trage die Idee schon sehr lange mit mir herum, aber erst, als ich die Animationen von Bob Sabiston sah, wurde ihre Realisierung möglich. Ich hätte das nie auf andere Weise verfilmt. Es gibt ja noch den unbearbeiteten Videofilm, aber das ist keiner, den ich mir angucken würde. Es ist ein unterbelichteter Digitalstreifen, der sehr prätentiös und langweilig ist.

SPIEGEL ONLINE: Angeblich fußen die Theorien aus "Waking Life" über "luzides Träumen" auf persönlichen Erfahrungen...

Linklater: Ja, mir ist das irgendwann einfach passiert, vielleicht habe ich eine natürliche Begabung dafür, meine Träume bewusst steuern zu können. Aber es gibt umfangreiche Literatur zu dem Thema, und ich fand es ziemlich interessant, das zu recherchieren.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie etwa auch in Ihren Träumen für den Film recherchiert?

Linklater: Nein, ich benutze sie vor allem für guten Sex (lacht). Im Ernst: Dem Film liegt tatsächlich ein Traum von mir zu Grunde, der aus einer Serie falschen Erwachens bestand.

SPIEGEL ONLINE: Ein Trick, um den Unterschied zwischen Träumen und Wachen zu erkennen, soll das Betätigen eines Lichtschalters sein. Was passiert, wenn Sie jetzt den Lichtschalter umlegen?

Linklater: Da bin mir nicht sicher. Mal sehen (steht auf, schaltet das Licht an und aus). Ich bin offenbar wach. Kein Scherz, mir ist es während des Drehs passiert, dass ich mitten in einem Produzentenmeeting probiert habe, und der Lichtschalter ging nicht. Es ist ja bekannt, dass man besonders in Stresssituationen sein Leben träumt, aber das war ein echter Buñuel-Moment, ziemlich surreal. Als mir klar war, dass ich träumte, sagte ich zu den anderen: Ich werde jetzt mal durch die Wand schweben, um zu sehen, in welchem Winkel unsere Hauptfigur da durchschweben sollte. Ich weiß, das klingt, total verrückt, aber es ist wahr. Ich habe diese Information tatsächlich im Film umgesetzt.

Das Interview führte Nina Rehfeld

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