Interview mit Robert Altman "Ich fühle mich wie ein Einbeiniger"

Der US-Regisseur Robert Altman wurde auf der Berlinale mit dem Ehrenbären für sein Lebenswerk geehrt. Mit SPIEGEL ONLINE sprach er über Genrefilme, Murder Mysteries und seinen ewigen Außenseiterstatus in Hollywood.


Robert Altman, 76, gehört mit Filmen wie "M.A.S.H", "Nashville" und "The Player" zu den Meisterregisseuren des US-Kinos, verweigerte sich aber stets den Spielregeln von Hollywood. Mit seinem Episodenfilm "Short Cuts" schuf er sogar ein viel kopiertes neues Genre. Auf der Berlinale stellte er außer Konkurrenz sein neuestes Werk "Gosford Park" vor.
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Robert Altman, 76, gehört mit Filmen wie "M.A.S.H", "Nashville" und "The Player" zu den Meisterregisseuren des US-Kinos, verweigerte sich aber stets den Spielregeln von Hollywood. Mit seinem Episodenfilm "Short Cuts" schuf er sogar ein viel kopiertes neues Genre. Auf der Berlinale stellte er außer Konkurrenz sein neuestes Werk "Gosford Park" vor.

SPIEGEL ONLINE:

Mr. Altman, gestern wurden Sie mit dem Goldenen Bären für Ihr Lebenswerk geehrt. Was bedeuten Ihnen Auszeichnungen?

Robert Altman: Preise sind vor allem kostenlose Werbung. Was ich wirklich wichtig finde, sind die kleinen Filmfestivals, weil sie die Filme den Buchhaltern und Erbsenzählern aus den Händen nehmen und sie dem Publikum zeigen. Dort sind Auszeichnungen wirklich wichtig.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben sich in Ihren Gesellschaftsporträts unter anderem der Army, der Modewelt und der Traumfabrik Hollywood angenommen. In Ihrem neuen Film "Gosford Park" nehmen Sie nun die britische Aristokratie der dreißiger Jahre unter die Lupe. Was hat Sie daran interessiert?

Robert Altman: Ich bin nicht besonders kreativ mit meinen Filmen, und vermutlich habe ich noch nie einen Film gemacht, der nicht einen bereits von jemand anderem gedrehten Film als Hintergrund hätte. Ansonsten würde ich mich wahrscheinlich wiederholen, und wenn ich je damit anfange, gibt es keinen Grund mehr, pünktlich bei der Arbeit zu erscheinen.

SPIEGEL ONLINE: Und warum erscheinen Sie derzeit pünktlich bei der Arbeit?

Altman: Was mir wirklich Spaß macht, ist, mir ein Genre zu schnappen und ihm meinen persönlichen Dreh zu verpassen. "Gosford Park" ist eine Geschichte im Stil der Agatha-Christie-Filme. Das hatte ich vorher noch nie versucht, und deshalb interessierte es mich.

SPIEGEL ONLINE: Robert Altman ist ein heimlicher Krimi-Fan?

Szene aus Altmans "Gosford Park": "Who cares whodunit"?

Szene aus Altmans "Gosford Park": "Who cares whodunit"?

Altman: Na ja, ich finde diese Filme ziemlich unrealistisch und ein bisschen albern. Aber genau aus dem Grund habe ich "Gosford Park" gemacht. Ich wollte einen Murder-Mystery-Film machen: Eine ganze Gesellschaft versammelt sich zu einer Jagd auf dem Landsitz, einer von ihnen wird ermordet und der Inspektor taucht auf, um den Täter zu ermitteln. Ich finde dieses Genre sehr amüsant.

SPIEGEL ONLINE: Tatsächlich stellen Sie die Genres gern auf den Kopf. "Gosford Park" interessiert sich jedenfalls kaum für die Ermittlung des Mörders.

Altman: Das stimmt. Wenn ich behaupte, ich bediene mich eines Genres, dann folge ich nicht unbedingt dem Plan, der ihm zu Grunde liegt. Während wir uns hier also in eine Murder Mystery hineinbewegen, konstruiere ich in Wirklichkeit einen Film über ein soziales Gefüge, in der sich eben unter anderem ein Mord ereignet. Und plötzlich ist es kein "Whodunit" mehr, sondern fast ein "Who cares whodunit". Trotzdem muss hinterher sauber gemacht und die Leiche abtransportiert werden, und all das verändert doch das Verhalten der Leute ein wenig.

SPIEGEL ONLINE: Indem Sie sich den Genreregeln verweigern, haben Sie sich einen Außenseiterstatus in Hollywood erworben. Gefällt Ihnen das?

Altman: Nein, ich möchte natürlich auch zur Party eingeladen werden. Aber ich fühle mich wie der Einbeinige: Er freut sich nicht darüber, nur ein Bein zu haben, aber es bleibt ihm nichts anderes übrig, als damit durch die Welt zu gehen. Aber um ein Außenseiter zu sein, muss doch etwas mit dem, außerhalb dessen man steht, nicht stimmen. Es ist, als stünde man vor einer ummauerten Stadt, und jeder, der rein möchte, muss eine Leiter erklimmen und sich den Weg nach drinnen erkämpfen. In Hollywood kämpfen alle auf dieselbe Art, und alle haben unglücklicherweise denselben Meister: das Geld.

SPIEGEL ONLINE: Ihnen dürfte die Höhe Ihres Budgets auch nicht gleich sein.

Altman: Nein, aber es gibt einen Punkt, an dem mehr Geld nichts mehr verbessern kann. Allerdings braucht man genug davon. Und man braucht genügend Zeit, um die besten Leuten zusammenzubringen. Filmemachen ist Teamwork. Ich bin der Boss, der Initiator, ich habe die Vito-Corleone-Position inne. Aber zum Leben erwachen Filme durch zwei andere Kräfte: Die Schauspieler, die meine zweidimensionale Idee in ein dreidimensionales Ereignis verwandeln, und das Team - die Leute, die die eigentliche Arbeit machen.

SPIEGEL ONLINE: Sie besetzen mehr Hauptdarsteller pro Film als die meisten Regisseure. Langweilt es Sie eigentlich, mit weniger als einem mindestens zehnköpfigen Ensemble und einer ganzen Handvoll Erzählsträngen zu arbeiten?

Hollywood-Außenseiter Altman: "Ich möchte natürlich auch zur Party eingeladen werden"
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Hollywood-Außenseiter Altman: "Ich möchte natürlich auch zur Party eingeladen werden"

Altman: Ich habe auch schon einen Film mit nur einer einzigen Figur gemacht, "Secret Honor" 1984. Aber je mehr Charaktere ich zur Verfügung habe, desto leichter fällt es mir, die Qualität des Films sicherzustellen. Denn wenn zwischen diesen beiden Schauspielern irgendetwas nicht stimmt, kann ich einfach zu den beiden da drüben springen. Und später wieder zurückkommen. So lasse ich das, was ich für unstimmig hielt, einfach aus.

SPIEGEL ONLINE: "Gosford Park" gilt als einer der heißesten Oscar-Anwärter, während Ihr letzter Film, "Dr. T And The Women", einige Verrisse hinnehmen musste. Wie gehen Sie mit Kritik um?

Altman: Ich weine bittere Tränen. Aber man kann schlicht nicht alle zufrieden stellen. Viele schauen sich diesen Film an und finden, er sei albern. Sie wollen sich nicht drauf einlassen, aber das ist ein Bereich, der sich meiner Kontrolle völlig entzieht.

SPIEGEL ONLINE: Wenn Sie auf Ihre Karriere zurückblicken: Auf welchen Ihrer Filme sind Sie besonders stolz?

Altman: Sie sind für mich fast wie Kinder. Ich liebe sie allesamt schamlos, und vermutlich sind mir die am wenigsten erfolgreichen die liebsten.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind nicht nur mit Ihren Filmen, sondern auch mit einer Erfindung in die Geschichte eingegangen - dem Tätowieren von Haustieren.

Altman: Ja, ich habe Präsident Trumans Hund tätowiert, zur Identifikation. Heute macht man das in den USA mit fast allen Haustieren. Eine ziemlich alberne Leistung, oder?

Das Interview führte Nina Rehfeld



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