Interview mit Scarlett Johansson "Ich gewöhne mich an die Paparazzi"

Seit "Lost in Translation" gilt die US-Schauspielerin Scarlett Johansson als Hollywoods neue Filmdiva. Mit SPIEGEL ONLINE sprach die 21-jährige New Yorkerin über Vor- und Nachteile des Ruhms, ihre Rolle als Sexsymbol und ihre neuen Erfahrungen als Actionstar in "The Island".


Hollywood-Star Johansson: "Da wird einem schon mulmig"
Warner Bros.

Hollywood-Star Johansson: "Da wird einem schon mulmig"

SPIEGEL ONLINE:

Frau Johansson, Sie werden in Hollywood bereits als die neue Greta Garbo gehandelt, sind Sie sich Ihres neuen Starruhms bewusst?

Johansson: Ich war auch schon mal die neue Marlene Dietrich und sogar die neue Audrey Hepburn. Ich merke natürlich, dass ich neuerdings noch viel mehr umgarnt werde als noch vor einigen Jahren, als ich überwiegend an kleineren Filmprojekten gearbeitet habe. Der große Erfolg von "Lost in Translation", der auch mich sehr überrascht hat, war definitiv ein Wendepunkt in meiner Karriere. Seitdem landen plötzlich noch interessantere Angebote auf meinem Tisch.

SPIEGEL ONLINE: Was sind die Nachteile des ganzen Rummels?

Johansson: Wann immer ich aus dem Haus gehe, hängen mir Paparazzi an den Fersen. Sie folgen mir in die Arztpraxis ebenso wie in jedes Restaurant. Das ist wirklich ein seltsames Gefühl, mit dem ich nicht sehr gut umgehen kann. Einmal haben sie mich beim Spaziergang mit meinem Bruder Hunter heimlich fotografiert, als wir Hand in Hand durch den Central Park liefen. Als das Foto in der Klatschpresse erschienen ist, wurde mir allen Ernstes eine Affäre mit meinem eigenen Bruder angedichtet. Das ist krank. Es gab auch schon Situationen, in denen mich ein Fotograf körperlich bedrängt hat. Da wird einem schon mulmig.

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Scarlett Johansson: Karriere eines Schmollmunds
SPIEGEL ONLINE: Haben Sie jetzt einen Bodyguard?

Johansson: Um Gottes Willen, das kommt nicht in Frage. Mein Manager wollte mir tatsächlich mal einen Aufpasser zur Seite stellen, der mich begleitet, wenn ich auf die Straße gehe. Ich bin in New York aufgewachsen, ich kenne diese Stadt wie meine Westentasche. Das Letzte, was ich will, ist ein bulliger Typ, der ständig neben mir her dackelt, wenn ich mal Schuhe kaufen gehe. Da käme ich mir dämlich vor. Dann gewöhne ich mich doch lieber an die Paparazzi.

SPIEGEL ONLINE: Demnächst sind Sie mit Ewan McGregor in Michael Bays Science-Fiction-Spektakel "The Island" zu sehen. Wird man Sie nach Ihrem Höhenflug in Zukunft nur noch in großen Hollywood-Produktionen wiederfinden?

Johansson: Ich wähle meine Rollen nicht nach dem Budget eines Filmes aus, sondern nach der Qualität des Drehbuches. "Lost in Translation" haben wir mit einem sehr kleinen Etat gedreht, und der Film wurde dennoch ein Erfolg. Pumpt ein Studio hundert Millionen Dollar in eine Produktion, ist das noch lange keine Garantie dafür, dass der Film auch tatsächlich funktioniert. Ich habe kein grundsätzliches Problem mit großen Studioproduktionen, es gibt schließlich auch viele positive Beispiele. "Jurassic Park" zum Beispiel, das ist einer meiner absoluten Lieblingsfilme. Das ist packendes Kino, wie es sein soll. Darauf kommt es mir in erster Linie an, ich habe den Anspruch, mit meinen Rollen gute Geschichten zu erzählen, die mir die Zuschauer auch wirklich abkaufen.

SPIEGEL ONLINE: Tom Cruise wollte Sie für "Mission: Impossible 3" engagieren, Sie haben zunächst zu- und dann wieder abgesagt. Warum?

Johansson: Weil ich andere Verpflichtungen hatte. Woody Allen hat mich fest eingeplant für einen neuen Film, an dem er arbeitet. Zeitlich hätten sich die Dreharbeiten überschnitten.

SPIEGEL ONLINE: Es gab auch das Gerücht, Cruise wollte Sie für "Scientology" anwerben.

Johansson: Quatsch, damit hatte meine Absage nichts zu tun. Ich schätze Cruise als Schauspieler sehr, er ist ein Superstar und gibt sich extrem professionell. Es wäre sicher sehr interessant gewesen, mit ihm zu drehen.

SPIEGEL ONLINE: Stattdessen können Sie nun "The Island" als ersten richtigen Actionfilm für sich verbuchen. Wie war diese neue Erfahrung?

Johansson: Es gab eigentlich nur wenige neue Erfahrungen für mich. Es ist immer sehr anstrengend, einen Film zu drehen. Egal, ob es sich dabei um einen Actionfilm oder ein Drama handelt. Ich bin ohnehin meistens körperlich erschöpft während der Dreharbeiten, weil man fast jeden Tag bis zu 14 Stunden am Set abhängt. Für "The Island" musste ich lediglich ein spezielles Lauftraining absolvieren, das für die Rolle wichtig war, da ich im Film ständig auf der Flucht bin. Es gab einen Tag, an dem ich 30 Mal hintereinander eine fast einen Kilometer lange Strecke rennen musste. Danach war ich richtig platt.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben zuletzt einen Film nach dem anderen gedreht und gönnen sich kaum Auszeiten. Brauchen Sie den Stress?

Johansson: Stress brauche ich nicht unbedingt, aber grundsätzlich bevorzuge ich es schon, arbeiten zu können, denn ehrlich gesagt kann ich mich nicht besonders gut mit mir selbst beschäftigen. Deshalb arbeite ich gerne viel.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind bereits seit 12 Jahren im Showgeschäft tätig, hatten Sie zwischendurch mal das Gefühl, etwas ganz anderes tun zu wollen?

Johansson: Dieses Gefühl habe ich immer dann, wenn ich gerade einen Film abgedreht habe und völlig erschöpft bin. Das legt sich allerdings wieder recht schnell, spätestens wenn ich das fertige Werk gesehen habe, bin ich dann doch wieder sehr stolz auf meine Arbeit. Die Schauspielerei ist ein toller Beruf, allerdings kann er auch sehr einnehmend sein. Ich würde gerne nochmal die Schulbank drücken und andere Bereiche des Filmgeschäfts studieren. Filmgeschichte und Filmschnitt würden mich reizen. Eines Tages würde ich auch gerne mal selbst Regie führen. Alles in allem bin ich aber sehr glücklich damit, Schauspielerin sein zu können. Ich habe mittlerweile realisiert, dass es nicht viele Menschen gibt, die ein so spannendes Leben wie ich führen können. Ich habe das lange unterschätzt und nicht entsprechend gewürdigt. Diese Gewissheit hat meine Achtung für den Job definitiv wieder verstärkt.

SPIEGEL ONLINE: Sie werden in letzter Zeit häufig zum Sexsymbol stilisiert. Schmeichelt Ihnen das?

Johansson: Irgendwie schon, es ist ja nichts Schlimmes, wenn die Leute einen sexy finden. Vielleicht kommt das daher, weil ich mich selbst sehr wohl fühle in meiner Haut. Ich glaube, wenn jemand sein eigenes Spiegelbild mag, dann wirkt das auf andere sexy. Ich gebe auch zu, dass ich in gewisser Weise eitel bin. Nicht zu übertrieben allerdings. Ich gucke aber schon gelegentlich in den Spiegel und überprüfe, ob die Haare richtig liegen. Ich kleide mich auch gerne schick, aber nicht, um anderen zu gefallen, sondern einfach nur für mein eigenes Wohlbefinden.

SPIEGEL ONLINE: Würden Sie jemals Nacktszenen drehen?

Johansson: Ich denke schon, wenn es der richtige Film ist und die Rolle es erfordert. Warum denn auch nicht, ich bin noch jung und ganz ansehnlich. Im Alter würde ich wahrscheinlich zögern.

Das Interview führte Andreas Renner



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