Interview mit Sigourney Weaver "Ich finde diesen Schönheitswahn grausam"

Als Alien-Jägerin Ellen Ripley wurde Sigourney Weaver zur Blaupause für harte Hollywood-Heldinnen. Mit SPIEGEL ONLINE sprach die US-Schauspielerin über eindimensionale Frauenfiguren und ihre Beteiligung an einem möglichen fünften Teil der "Alien"-Saga.


Schauspielerin Weaver: "Meilenweit entfernt von Ripleys Frauenpower"
DDP

Schauspielerin Weaver: "Meilenweit entfernt von Ripleys Frauenpower"

SPIEGEL ONLINE:

Frau Weaver, woher stammt eigentlich Ihr eigenwilliger Vorname?

Sigourney Weaver: Aus dem Roman "Der Große Gatsby" von F. Scott Fitzgerald. Eine der Figuren darin heißt Sigourney. Als ich 13 Jahre alt war, habe ich das Buch gelesen und fand den Namen so außergewöhnlich, dass ich mich spontan entschieden habe, ihn anzunehmen. Ausgefallene Namen sind in unserer Familie keine Besonderheit. Mein Bruder heißt Trajan, mich wollte mein Vater ursprünglich Flavia nennen, weil er eine Vorliebe für römische Geschichte hat. Sigourney stammt aus dem Angelsächsischen und heißt übersetzt so viel wie Zigeuner. Mein richtiger Name ist Susan, aber ich hatte es satt, dass mich jeder nur Susi nannte. Ich hatte gehofft, diese Unart hätte mit Sigourney ein Ende. Aber jetzt rufen mich die Leute Sigi, das ist genauso dämlich.

SPIEGEL ONLINE: Als Wissenschaftlerin Ellen Ripley in der "Alien"-Quatrologie haben Sie als eine der ersten weiblichen Actionstars überhaupt bewiesen, dass Frauen auch in physisch anspruchsvollen Rollen in Hollywood bestehen können. Sind Sie stolz darauf?

Actionheldin Lara Croft (Angelina Jolie): "Zu sehr reduziert"
REUTERS

Actionheldin Lara Croft (Angelina Jolie): "Zu sehr reduziert"

Weaver: Ich war vielleicht nicht der erste weibliche Actionstar der Filmgeschichte, aber zur damaligen Zeit diejenige, mit der sich auch ordentlich Kasse machen ließ. Ich bin allerdings weniger stolz auf die Tatsache, dass ich dazu beigetragen habe, Millionen von Dollars an den Kinokassen einzuspielen. Vielmehr bin ich stolz darauf, dass ich dieses ziemlich hartgesottene Weibsbild Ellen Ripley anscheinend recht überzeugend dargestellt habe. Denn eigentlich bin ich privat meilenweit entfernt von Ripleys Frauenpower. Ripley war die Heldin, die in Unterwäsche die bösartigen Aliens im Alleingang niedermetzelt. Das war für viele eine Überraschung. Sie hat die Monster dank ihrer Intelligenz besiegt, das ist für eine Frau im Filmgeschäft eine sehr dankbare und äußerst seltene Rolle. In Hollywood werden weibliche Darstellerinnen leider viel zu oft auf die Rolle der Liebhaberin und braven Ehefrau reduziert.

SPIEGEL ONLINE: Glauben Sie, dass Sie mit Ihrer Darstellung der Ellen Ripley in den "Alien"-Filmen den Grundstein dafür gelegt haben, dass Frauen mittlerweile vermehrt in Actionfilmen wie "Lara Croft" oder "Catwoman" als Heldinnen auf der Leinwand glänzen dürfen?

Weaver: Ich weiß nicht, ob ich es glänzen nennen würde, wie etwa Angelina Jolie in Lara Croft zum Einsatz kam. Angelina ist eine tolle Schauspielerin, aber ihre Rolle beschränkt sich darauf, das Böse mit simpler Waffengewalt zu bekämpfen. Ich finde es ziemlich schade, dass man einer Schauspielerin vom Kaliber einer Angelina Jolie nicht mehr Spielraum lässt, um diesen Charakter Lara Croft mit einem Hauch mehr Intelligenz zu gestalten. Man hat sie zu sehr reduziert auf die Figur aus dem gleichnamigen Videospiel. Dicke Brüste, enge Shorts und eine Knarre in der Hand, das allein reicht in meinen Augen noch nicht, um einen weiblichen Hero zu kreieren.

SPIEGEL ONLINE: Wird es einen fünften Teil der "Alien"-Saga geben?

Weaver in "Alien" (1979): "Die Monster mit Intelligenz besiegt"
20th Century Fox

Weaver in "Alien" (1979): "Die Monster mit Intelligenz besiegt"

Weaver: Den wird es vielleicht geben, aber höchstwahrscheinlich ohne mich. Ich weiß, dass es bereits ein Drehbuch gibt, gelesen habe ich es aber noch nicht. Und ich werde mich auch nicht darum bemühen, es zu lesen. Die Alienjagd soll diesmal auf der Erde fortgesetzt werden, mehr ist mir dazu nicht bekannt. Mein Mann Jim, er ist Regisseur, denkt, ich bin verrückt, weil ich mich bislang dagegen verschlossen habe. Er ist der Meinung, dass "Alien" eine der größten Science-Fiction-Geldmaschinen aller Zeiten ist. Jim hat sicher recht damit, dass mir eine Zusage für einen fünften Teil den größten Zahltag meiner Karriere bescheren würde. Aber ich habe einfach nicht das Gefühl, dass eine weitere Folge unbedingt nötig wäre.

SPIEGEL ONLINE: Warum nicht?

Weaver: Mit dem letzten Teil, "Alien Resurrection", haben wir die Geschichte zwar offen gelassen, aber sie ist zugleich zu einem logischen Schluss gekommen. Ridley Scott würde gerne noch einen fünften Film machen, das hat er mir bereits signalisiert. Ich werde noch immer auf der Straße von Fans angesprochen, die sich ebenfalls nach einem weiteren "Alien"-Film erkundigen. Man soll niemals nie sagen, aber ich bin ziemlich sicher, dass das Thema für mich abgeschlossen ist.

SPIEGEL ONLINE: Stört es Sie, wenn man Sie in erster Linie mit Ihrer Rolle als Alien-Jägerin identifiziert?

Weaver: Nicht mehr. Es gab aber einmal eine Zeit, da ist mir diese Typisierung schwer gefallen. Es war als Schauspielerin immer mein Ziel, die unterschiedlichsten Charaktere zu verkörpern. Ich hatte nach den ersten beiden "Alien"-Filmen das Gefühl, die Leute sahen nur noch Ellen Ripley in mir. Das habe ich versucht abzustellen, indem ich meine Rollen sehr gezielt ausgewählt habe. Ich wollte mich nicht mehr nur auf einen Charakter festlegen lassen, deshalb habe ich abwechselnd Actionfilme wie "Alien", Komödien wie "Working Girl" oder ein Drama wie "Gorillas im Nebel" gedreht. Ich bin sehr stolz darauf, dass ich für alle drei Filme, die unterschiedlicher nicht sein konnten, mit Oscar-Nominierungen bedacht wurde.

"Alien" Regisseur Ridley Scott, r., Weaver (1979): "Man soll niemals nie sagen"
20th Century Fox

"Alien" Regisseur Ridley Scott, r., Weaver (1979): "Man soll niemals nie sagen"

SPIEGEL ONLINE: Sie werden im Oktober 55 Jahre alt. Viele reifere Schauspielerinnen in Hollywood beklagen sich, dass Sie mit zunehmendem Alter immer weniger attraktive Rollenangebote bekommen. Haben Sie ebenfalls Grund zur Klage?

Weaver: Ich darf mich nicht beklagen, denn ich genieße den Luxus, regelmäßig arbeiten zu dürfen. Ich bewege mich dabei in einem Wechselspiel zwischen großen Hollywood-Produktionen wie zuletzt in "The Village" von Regisseur M. Night Shyamalan und kleineren Independentfilmen wie "The Guys". Allerdings stimme ich meinen Kolleginnen uneingeschränkt darin zu, dass die Auswahl an interessanten Rollenangeboten zunehmend kleiner wird. Selbst Ikonen wie Meryl Streep beklagen sich über mangelnde Qualität der angebotenen Filme, das spricht für sich.

SPIEGEL ONLINE: Woran liegt das?

Weaver: Die Filmindustrie hat sich stark verändert, Hollywood ist profitorientierter als jemals zuvor. Es werden bevorzugt Filme produziert, die ohne großes Risiko satte Erträge einfahren. Innovation und der Mut zu tiefsinnigen Projekten ist nur noch selten zu finden bei den Studiobossen. Künstlerische Werte werden mehr und mehr durch wirtschaftliche Interessen verdrängt. Für viele Schauspieler, die hohe Ansprüche an sich selbst stellen, sind derzeit Independentfilme oftmals die einzige Möglichkeit, ihre Kreativität auszuleben.

SPIEGEL ONLINE: Wären plastische Operationen für Sie eine Option, um Hollywood ein jüngeres Gesicht präsentieren zu können und somit die eigenen Chancen auf attraktive Filmrollen zu erhöhen?

Weaver: Nein, das ist ausgeschlossen. Ich finde diesen übertriebenen Schönheitswahn, wie er vor allem in Los Angeles herrscht, grausam. In meiner Heimatstadt New York ist der Druck zum Glück nicht so groß. Schuld an diesem längst aus den Fugen geratenen Schönheitsdrang sind in erster Linie billige Klatschmagazine, die es sich zum Sport gemacht haben, jeden einzelnen Pickel der Stars in Nahaufnahme zu präsentieren. Jedes Pfund zu viel bei einer Hollywood-Schönheit schafft es locker auf die Titelseite. Ich finde das schrecklich. Aber letztlich ist diese Schönheitshysterie in Hollywood nichts Neues: Greta Garbo hat bereits mit 36 Jahren nicht mehr gearbeitet, weil sie nicht wollte, dass man ihre Falten auf der Leinwand sieht. Aber das ist alles weit weg für mich. Ich möchte in Zukunft ohnehin weniger arbeiten.

SPIEGEL ONLINE: Warum denn das?

Weaver in "The Village" (mit William Hurt): "Ich bevorzuge Angebote, bei denen ich in New York drehen kann"
TOUCHSTONE PICTURES

Weaver in "The Village" (mit William Hurt): "Ich bevorzuge Angebote, bei denen ich in New York drehen kann"

Weaver: Es mag vielleicht komisch klingen, aber die Anschläge auf das World Trade Center vor drei Jahren haben mein Leben verändert. Ich war in der Stadt, als die entführten Flugzeuge in die beiden Hochhäuser krachten. Mich überkam eine entsetzliche Panik und ich hatte furchtbare Angst um meine Familie. Die Welt, in der wir leben, ist alles andere als sicher. Ich fürchte, so etwas kann jederzeit wieder passieren, zumal die derzeitige amerikanische Regierung andere Kulturen weiterhin provoziert. Deshalb zögere ich bei jedem Filmangebot, bei dem ich wochen- oder monatelang die Stadt verlassen müsste. Ich würde es nicht ertragen, wenn ich im Fall einer neuen Terrorattacke nicht bei meiner Tochter Charlotte und meinem Mann Jim in New York sein könnte. Ich bevorzuge daher Angebote, bei denen ich in New York drehen kann. Für Filme wie "The Village" mache ich allerdings schon mal eine Ausnahme.

SPIEGEL ONLINE: Sie sprechen die amerikanische Regierung unter George W. Bush an. Viele prominente Schauspielkollegen engagieren sich derzeit aktiv im Wahlkampf für den demokratischen Herausforderer John Kerry. Werden auch Sie gegen Bush öffentlich das Wort erheben?

Weaver: Ich würde sofort für Kerry arbeiten, wenn ich die Möglichkeit dazu bekäme. Schließlich bin ich eingetragene Demokratin. Amerika ist als Land derart polarisiert, wie ich es noch niemals zuvor erlebt habe. Das darf so nicht weitergehen, ein Regierungswechsel ist dringend erforderlich. Dann kann ich vielleicht in Zukunft wieder beruhigter in ein Flugzeug steigen, um zu Dreharbeiten zu fliegen.

Interview: Andreas Renner



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