Interview mit Sir Peter Ustinov "Die Hölle ist vermutlich, wenn man schlecht geheiratet hat"

In Eric Tills Historien-Film "Luther" spielt Sir Peter Ustinov den heimlichen Beschützer des jungen Reformators. Mit SPIEGEL ONLINE sprach der 82-jährige Schauspieler über seine Beziehung zu Kirche und Religion und die Selbstüberschätzung der Politik.


Schauspieler Ustinov: "Ich bin sehr religiös, aber nicht gläubig"
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Schauspieler Ustinov: "Ich bin sehr religiös, aber nicht gläubig"

SPIEGEL ONLINE:

Sir Peter, Sie spielen in Eric Tills Film "Luther" den sächsischen Kurfürsten Friedrich den Weisen, den heimlichen Beschützer Luthers. Hätten Sie nicht lieber Luther selbst verkörpert?

Peter Ustinov: Nein. Ich bin ja Charakterschauspieler - Gott sei Dank. Und da ich nicht weise bin und nicht Friedrich heiße, reizte mich diese Rolle. Ich stehe auch persönlich Friedrichs Position näher. Er glaubte nicht, dass es möglich sei, so weit zu gehen wie Luther gehen wollte. Erst als Luther die Bibel übersetzt hatte, sah er es: Um Gottes Willen, das ist es! Die Befreiung von der römischen Fuchtel! Die Leute können Gottes Wort selbst lesen, sie brauchen keinen Interpreten! In diesem Moment bekam die Reformation wirklich Zähne. Luther ist mir sehr wichtig, denn er war der Überzeugung, dass die Katholiken in Rom nicht katholisch genug waren. Dieses Paradox interessiert mich sehr: Luther war ja ein sehr guter Katholik!

SPIEGEL ONLINE: Sie betonen gern, dass man das Staunen nicht verlernen darf. Hat da der Glaube überhaupt einen Platz in ihrem Leben?

Ustinov: Das gute Benehmen hat einen Platz in meinem Leben. Wenn man mich fragt, an was ich glaube, ist das schon ein gutes Zeichen, denn offenbar lässt es sich allein von meinem Anblick nicht ableiten. Ich glaube an die Grundannahmen der kirchlichen Religionen, die finde ich ganz richtig. Die ganzen Rituale, die Manierismen der Priester und der Kirchen amüsieren mich. Aber ich kann mich nicht an die Forderung gewöhnen, universell gutmütig zu sein - wenn das doch manchmal einfach nicht wahr ist!

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie eine Vorstellung vom Paradies?

Ustinov: Nein, an solche Sachen glaube ich gar nicht. Aber: Ich bin bereit, überrascht zu werden und zu staunen, in jedem Augenblick. Ich habe ein Buch mit dem Titel "Der alte Mann und Mr. Smith" geschrieben. Es geht darin um einen texanischen Millionär, den die alte Bibel-Geschichte mit dem Kamel und dem Nadelöhr sehr bekümmert. Also lässt er sich in den Stahlwerken in Pittsburgh eine Riesennadel anfertigen, und von seinem Balkon aus beobachtet er schließlich, wie jeden Morgen zwei mickrige, schlechtgelaunte Kamele durch das Öhr geführt werden. Und der Mann wendet sich zum Himmel und sagt: "Siehst du das, Gott? Ich nehme dich beim Wort!" Das ist Texas, das ist George-Bush-Land...

SPIEGEL ONLINE: Wie sieht es mit der Hölle aus?

Ustinov: Ich glaube auch daran nicht. Obwohl, hier auf Erden... Die Hölle ist vermutlich, wenn man schlecht geheiratet hat.

SPIEGEL ONLINE: Inwiefern sind Sie der Kirche überhaupt verbunden?

Ustinov: Ich bin Kanzler der Universität von Durham in England - der Kanzler ist dort eine Art Galionsfigur, und wenn es nicht genügend gekrönte Köpfe gibt, kommen Leute wie ich dazu. Ich habe viel mit der Kirche zu tun, denn sie ist direkt nebenan. Das Schloss von Durham gehört der Universität, und im schönen Dom aus dem 11. Jahrhundert muss ich immer endlos Hände schütteln, wenn die Diplome verliehen werden. Ich kenne die Manierismen des Klerus. Sie sind sehr irritierend, denn sie haben nichts mit Göttlichkeit zu tun. Die Kirchenleute halten immer dasselbe Ritual ab, und leider kann man ihnen die Anstrengung dabei ansehen.

SPIEGEL ONLINE: Ihr eigener Großvater ist einst aus Russland ins Exil geflohen, nachdem er sich als Protestant geweigert hatte, auf die russisch-orthodoxe Kirche zu schwören.

Ustinov: Ja, er ist Protestant geworden, weil er sich mit einer Dame aus der deutschen Wolga-Republik verheiraten wollte - und ihr Vater war Pfarrer aus Württemberg. In Russland konnte man zu dieser Zeit als Offizier in der Armee Protestant sein, wenn man etwa Balte oder Finne war. Aber man konnte unmöglich Protestant werden. Von einer Religion zur anderen zu wechseln war nicht möglich. Nun musste jeder Offizier jedes Jahr einen Eid vor dem Zaren und der orthodoxen Kirche ablegen. Mein Großvater konnte also das erste tun, aber nicht das zweite, und so wurde er für 40 Jahre rausgeschmissen. Er ging nach Württemberg, wo Königin Olga, eine Tochter des Zaren herrschte. Und sie war sehr höflich zu allen Leuten, die Krach mit ihrem Vater gehabt hatten.

SPIEGEL ONLINE: Hat dieses Stück Familiengeschichte Einfluss auf Ihre eigene Haltung zur Religion gehabt?

Ustinov: Ich bin sehr religiös, aber nicht gläubig. An die Folklore, die da mit dranhängt, glaube ich nicht. Und das Alte Testament finde ich ein sehr gefährliches Buch. Es vermittelt viele gefährliche Ideen an Leute wie Ariel Scharon und Menschen, die ähnlich denken. Scharon ist für mich ein Elefant auf der Suche nach Porzellanläden.

SPIEGEL ONLINE: Sie engagieren sich für die Unesco und Unicef und führen mit der Peter Ustinov Foundation eine Stiftung, die sich der Verbesserung der Lebensumstände von Kindern weltweit verschrieben hat. Vertreten Sie eine politische Position?

Humorist Ustinov (bei der Demonstration seines Ritterschlags 2001): "Ich glaube, man übertreibt die Bedeutung von Politik"
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Humorist Ustinov (bei der Demonstration seines Ritterschlags 2001): "Ich glaube, man übertreibt die Bedeutung von Politik"

Ustinov: Ich selbst kann nie wirklich Position beziehen, aber ich weiß eines ganz klar angesichts unserer Geschichte: Dass nämlich politische oder religiöse Ideen, die auf Dogmen gebaut sind, nicht ewig sein können. Sie geben sich selbst keine Luft zum Atmen. Nehmen Sie den Kommunismus: Die Leute sagen, die kommunistische Idee war sehr gut - ja, sie war sehr gut, aber sie war nicht praktikabel, sonst hätte sie es nicht erlaubt, von Stalin derart pervertiert zu werden. Im Gegensatz zum Kommunismus glaube ich, dass das Individuum wichtiger ist als die Masse. Die Menge besteht aus Individuen, die für den Moment keine Stimme haben, die sie vorübergehend verloren haben. Aber alle Ideen, ohne Ausnahme, kommen aus einem einzelnen Kopf. Die erste NGO, die erste Non-Governmental-Organisation, das Rote Kreuz, wurde von einem einzelnen Mann, einem Schweizer, erfunden. Er ging in seinem Urlaub in Norditalien spazieren und traf auf ein Schlachtfeld voller Verwundeter, Toter und Sterbender. Da kam ihm die Idee vom Roten Kreuz. Keine Regierung könnte ein Mandat haben, so etwas zu erfinden, denn Regierungen sind alle nach innen orientiert.

SPIEGEL ONLINE: Sie glauben nicht an die Lösung humanitärer Probleme mit den Mitteln der Politik?

Ustinov: Ich glaube, man übertreibt die Bedeutung von Politik sehr. Sie ist wie die Sahne, die über die Milch flottiert. In Spanien zum Beispiel gab es eine Vorschrift während der Franco-Diktatur, dass die Männer beim Baden ein Oberteil tragen müssen, weil der männliche Torso als sexuell anzüglich galt. An den Stränden patrouillierten Guardia Civil mit Maschinenpistolen, um die Einhaltung dieser Regel zu gewährleisten. Dann kam auf einmal der erste Omnibus mit deutschen Urlaubern, und plötzlich liefen 4000 Deutsche mit Stringtangas und Bikinis, manchmal mit nichts, über den Strand. Das war der große Sieg des Tourismus über den Faschismus.

SPIEGEL ONLINE: Neben ihrem humanitären Engagement sind Sie auf vielfältige Weise kreativ - Sie schreiben, Sie spielen, Sie zeichnen, Sie haben Regie geführt. Nur gesungen haben Sie noch nicht...

Ustinov: Ich sollte 1971 den Papageno in Hamburg spielen, aber ich habe mich nicht getraut. Ich habe nie ein Musical gemacht. Ich sollte "Fiddler On The Roof" spielen, und ich kann zwar Gesangstexte ganz gut behalten - aber was, wenn man stecken bleibt? Die Lieder sind längst auf dem Markt, und das ganze Publikum kann soufflieren! Das habe ich nicht gern.

SPIEGEL ONLINE: Welche Rolle spielt die Schauspielerei in Ihrem Lebenswerk?

Ustinov: Eine nicht so große, es sei denn es geht um eine Rolle, die subtil genug ist - subtil genug, um etwas hineinzuschmuggeln, das ein Paradox kreiert. Denn das Leben ist voller Paradoxe, und Leute sind nie so einfach, wie man denkt. Das Publikum heutzutage ist kultiviert genug, um das zu erkennen. Warum lachen die Leute öfter, wenn ein Text oder ein Stück oder ein Film subtil ist? Weil er etwas evoziert, das alle gesehen haben - aber sie haben es nie richtig bemerkt!

Interview: Nina Rehfeld



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