Interview mit Sönke Wortmann "Rahns 3:2 war beim fünften Versuch im Kasten"

Mit dem Kinofilm "Das Wunder von Bern" hat Sönke Wortmann der deutschen Weltmeistermannschaft von 1954 ein Denkmal gesetzt. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE sprach der Regisseur über die Dreharbeiten, seine Liebe zum Fußball und welche Rolle das Hollywood-Spektakel "Gladiator" gespielt hat.


       Regisseur Sönke Wortmann (r.): "Es lag in der Luft"
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Regisseur Sönke Wortmann (r.): "Es lag in der Luft"

SPIEGEL ONLINE:

Herr Wortmann, wie und wann entstand die Idee einen Film über die '54er-Mannschaft zu machen?

Sönke Wortmann: Die erste Idee entstand, als ich noch auf der Filmhochschule war, vor 15 Jahren. Damals war mir ein Buch in die Hände gefallen über die Oberliga West: "Jungs, euch gehört der Himmel". Dort war zu lesen, dass sie damals in den fünfziger Jahren, weil keiner Geld hatte, um zu Auswärtsspielen zu fahren, den lokalen Taubenzüchter zu den Spielen hingeschickt haben. Der hat immer, wenn ein Tor gefallen ist, die Tauben losgeschickt, um die anderen zu informieren. Das war ein Bild, das mich nachhaltig beeindruckt hat. Ich habe mir gesagt: Eines Tages wird ein Film von mir so anfangen. Das war sozusagen die Ursprungsidee. Dann war durch die ständigen Wiederholungen von Helmut Rahns Tor das Wunder von Bern immer ein Thema. Ich hatte nur diese Idee immer vor mich her geschoben, weil es damals technisch nicht möglich war, Fußballszenen auch so aufregend darstellen zu können.


SPIEGEL ONLINE: Wann wurde es konkret?

Wortmann: Es lag in der Luft. Mein Co-Autor, mit dem ich schließlich zusammen gearbeitet habe, hatte die gleiche Idee gehabt. Ich habe mir dann gedacht: Wenn ich es jetzt nicht mache, macht es irgendjemand anderes. Das war vor ungefähr vier Jahren. Als bekannt wurde, dass wir an dem Projekt arbeiten, haben sich tatsächlich viele Autoren aus ganz Deutschland gemeldet, die am gleichen Thema schnitzten. Der letzte Auslöser war, als ich "Gladiator" gesehen habe. Da habe ich festgestellt, dass es über die Jahre ganz einfach eine Menge mehr technisch möglich war.


SPIEGEL ONLINE: Sie haben einmal gesagt, dass es sehr schwierig ist, einen guten Fußballfilm zu drehen, weil es immer sehr unnatürlich aussieht, wenn Fußballszenen nachgestellt sind.

Wortmann: Mit Schauspielern Fußballszenen nachzustellen ist schwer. Deswegen war mir immer klar, dass ich Fußballer haben wollte, die die Fußballer spielen. Das war einer der Gründe, warum es so lange bis zur Realisierung gedauert hat. Der andere war, dass so ein WM-Endspiel vor 60.000 Menschen stattfindet. Das kann man nicht nur von unten in den Himmel oder von oben zeigen. Wenn man 60.000 Zuschauer nicht kriegt, muss man sie eben künstlich herstellen.

SPIEGEL ONLINE: Einige Kritiker haben aber gerade diese Künstlichkeit bemängelt. "Computeranimierte Rekonstruktion irritierend unbefriedigend", hieß zum Beispiel.

Wortmann: Das ist mir neu, ich bin hochzufrieden mit dem Ergebnis. Wir hatten im August beispielsweise eine Sneak Preview mit 2500 Leuten in Düsseldorf - dort wurden anschließend gerade diese Spezialeffekte gelobt. Natürlich weiß man, dass es das Wankdorf-Stadion nicht mehr gibt. Bei "Gladiator" musste ich manchmal lachen: bei den künstlichen Löwen zum Beispiel. Das war alles andere als glaubhaft, dennoch hat der Film den Oscar für die besten Spezialeffekte gewonnen.


SPIEGEL ONLINE: Wie haben Sie die guten Fußballspieler für die Dreharbeiten gefunden?


       Mythos 54er-Mannschaft (im Film): "Wir schaffen das noch"
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Mythos 54er-Mannschaft (im Film): "Wir schaffen das noch"

Wortmann: Wir haben öffentlich bekannt gemacht, dass wir den Film drehen wollen und haben dazu aufgerufen, sich zu bewerben. Es kamen Waschkörbe voller Post, Telefonleitungen brachen zusammen. Wir hatten 1500 Bewerbungen, davon wurden 80 zu einem Lehrgang eingeladen. Der Bundestrainer war ich. 40 hätten es am Ende sein können, zumindest vom Fußballerischen her. Daraus wurde dann nach den Äußerlichkeiten entschieden: Wer sieht welchem Spieler ähnlich etc. Eigentlich wollte ich ein eingespieltes Team aus der Regionalliga für die Ungarn nehmen, aber in unserer Auswahl gab es ein paar Härtefälle. Und weil ich so ungern absage und die Leute mit so viel Herzblut dabei waren, habe ich mich entschieden, daraus die ungarische Mannschaft zusammenzustellen. Darüber waren alle Beteiligten sehr glücklich.


SPIEGEL ONLINE: Wie haben Sie dann die Szenen einstudiert?


Wortmann: Das war eigentlich nicht schwer. Mit guten Fußballern ist das kein Problem. Denen zeigt man das kurz auf dem Video. Jeder weiß ja, wer er ist. Außerdem haben wir ja nur die fünf Tore nachgestellt, der Rest war freies Spiel. Das 3:2 durch Rahn war beim fünften Versuch im Kasten.


SPIEGEL ONLINE: Warum haben Sie einen Stoff, gewählt, den Sie gar nicht persönlich erlebt haben, sondern eher aus Nacherzählungen kennen?


Wortmann: Kino ist ja immer ein bisschen Mythos. Es darf ja immer ein bisschen größer als das Leben sein. Natürlich habe ich 1954 noch nicht gelebt. Aber Wolfgang Petersen, der ja mit "Das Boot" den besten deutschen Nachkriegsfilm gedreht hat, war auch nie U-Boot-Fahrer. Es schließt sich nicht aus, dass man einen Stoff in den Griff bekommt. Um das ganz mal etwas positiver anzugehen: Der WM-Gewinn war die größte sportliche Sensation des 20. Jahrhunderts. Zumindest aus deutscher Sicht. Es war mehr als ein Spiel. Es hat das Land verändert. Wenn das kein Thema für einen Kinofilm ist, dann weiß ich gar nichts mehr.


       Nationalmannschaft von 1954: "Ich kann dabei nichts Schlimmes finden"
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Nationalmannschaft von 1954: "Ich kann dabei nichts Schlimmes finden"

SPIEGEL ONLINE: Was macht den Mythos der '54er-Mannschaft aus?


Wortmann: Aus sportlicher Sicht ist damals ein Selbstvertrauen entstanden, das jede Nationalmannschaft der Deutschen heute noch auszeichnet. Immer denkt man, die können das noch drehen. Zum Beispiel WM 1982, Deutschland gegen Frankreich: In der Verlängerung schießen die Franzosen zwei Tore und führen 3:1. Ich hatte damals das Gefühl und die Spieler eben auch: Wir schaffen das noch. Vielleicht kommt dieser Wille von dem 54-Spiel her.


SPIEGEL ONLINE: Aber an der '54er-Mannschaft haftete ja immer noch ein bisschen vom Atem des Nationalsozialismus, beispielsweise durch die personelle Kontinuität von Trainer Sepp Herberger oder die Rolle des DFB im dritten Reich. Es war ja nur neun Jahre nach Kriegsende.


Wortmann: Neun Jahre sind schon kurz. Ich kann dabei aber nichts Schlimmes finden. Wenn ein Land durch ein Sportereignis wieder neuen Lebensmut schöpft, hilft das ja auch der demokratischen Entwicklung. Ich glaube, es war ganz gut, dass die Deutschen 1954 Weltmeister geworden sind. Ein Land oder ein Volk, welches am Boden liegt, ist immer leichter anfällig für Rechtsradikale als eine gesunde Demokratie.


SPIEGEL ONLINE: Was hat Sie an der Figur Helmut Rahn als Hauptakteur der '54er-Mannschaft gereizt?


       Spielszene aus "Das Wunder von Bern: "1500 Bewerbungen, der Bundestrainer war ich"
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Spielszene aus "Das Wunder von Bern: "1500 Bewerbungen, der Bundestrainer war ich"

Wortmann: Es war das Lebenslustige. Er hatte Ecken und Kanten, das war in den fünfziger Jahren nicht unbedingt üblich. Die sind alle noch in Befehl und Gehorsam aufgewachsen. Rahn war meines Wissens der einzige, der auch mal Widerworte gegeben hat, eine eigene Meinung hatte und die auch vertreten hat. Er war ja am Anfang der WM nur Ersatzspieler und hat sich im Verlaufe des Turniers durchgesetzt. Wenn man im Endspiel ein Tor vorbereitet und selber zwei schießt, ist das natürlich ein Heldenstück. Deswegen Helmut Rahn, außerdem kommt er noch aus dem Ruhrgebiet wie ich. Das verbindet.

SPIEGEL ONLINE: Wie nah sind Sie an Helmut Rahn heran gekommen?


Wortmann: Leider gar nicht. Ich war einer von den vielen, die sich an ihm die Zähne ausgebissen haben. Er hatte sich ja bereits vor 20 Jahren, nachdem er ein bisschen Ärger mit der Presse gehabt hat, völlig aus der Öffentlichkeit zurückgezogen mit den Abschiedsworten: "Ihr könnt mich alle mal, ich sag' gar nichts mehr." Das hat er knallhart durchgehalten, bis zu seinem Tod. Leider war es nicht möglich, ihm den Unterschied zwischen Presse- und Kinofilm klar zu machen. Sobald Rahn eine Kamera in der Nähe erspähte, hat er sofort abgewinkt. Schade war, dass er den Film nicht mehr sehen konnte ( Rahn ist am 14. August 2003 im Alter von 73 Jahren in Essen gestorben, Anm. der Red. ) Ich hatte zwar nicht damit gerechnet, dass er zur Premiere kommt, aber ich hätte ihm natürlich ein Video geschickt, das er sich mal in Ruhe hätte angucken können.


Das Interview führte Andreas Lampert



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