Interview mit Tom Tykwer "Es darf nur nicht anstrengend sein"

Regisseur Tom Tykwer sprach mit SPIEGEL ONLINE über Zufälle, Schicksale, Leidenschaften und seinen neuen Film "Der Krieger und die Kaiserin".

Von Oliver Hüttmann


Tom Tykwer: "Dialektisches Konzept von Schicksal und Zufall"
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Tom Tykwer: "Dialektisches Konzept von Schicksal und Zufall"

SPIEGEL ONLINE:

Mit "Lola rennt" sind Sie vor zwei Jahren plötzlich vom viel versprechenden Talent zur Leitfigur des deutschen Films geworden. Wie macht sich das in Ihrem Leben bemerkbar?

Tom Tykwer: Darüber denke ich nicht so viel nach. Ich arbeite halt viel. Außerdem hat sich das sukzessive aufgebaut. Schon durch unserer Firma X-Filme Creative Pool habe ich viel mit Kollegen und den Medien kommuniziert, daher fühlte sich das öffentliche Interesse nicht an wie ein Schockerlebnis. Die größte Herausforderung ist, sich selbst treu zu bleiben.

SPIEGEL ONLINE: Der unerwartete Triumph von "Lola rennt" muss doch eine Bestätigung Ihres Weges gewesen sein?

Tykwer: Ja, absolut. Man weiß ja nie vorher, wann ein großes Publikum einen Film unbedingt sehen will. Ich kann nur versuchen, mich noch als Kinogänger zu identifizieren, da ich genauso gerne ins Kino gehe wie früher. Dann frage ich mich, was für einen Film ich sehen will, welche Geschichte mir noch nicht erzählt wurde. Ich versuche nicht, irgendwelche Konzepte zu plagiieren. Allerdings will ich auch die Bedürfnisse erfüllen, dass man einen Film lustvoll sehen kann, persönliche Erfahrungen macht, Inspirationen mitnimmt und ihn nicht als Schwerstarbeit empfindet. Es soll Spaß machen, darüber zu reden und zu streiten.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie dafür Vorbilder?

Tykwer: Ich kann auf einem Filmfest hintereinander den neuen Spielberg, den neuen Wenders und den neuen Rivette sehen, ohne dass mich ihre Verschiedenartigkeit irritiert. Ich mache jeden Film als Einfluss geltend, der Leidenschaft und Ernsthaftigkeit besitzt.

SPIEGEL ONLINE: Beides trifft auch auf Ihren neuen Film zu. Aber was Sie bei "Lola rennt" furios verdichtet haben, ist bei "Der Krieger und die Kaiserin" breit angelegt, scheint manchmal fast zu stagnieren.

Tykwer: Ein Film schafft sich sein Tempo und Klima über die Charaktere, die er behandelt. Sissi und Bodo sind ja etwas verschrobene und vor allem zurückhaltende Menschen, die nicht so eine offensichtliche Energie haben wie Lola. So wie Sissi ist, muss auch der Film sein.

Fürmann, Potente in "Der Krieger und die Kaiserin": "Zurückhaltende Menschen"
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SPIEGEL ONLINE: Ist das zähe Ringen Ihrer Hauptfiguren denn noch publikumsfreundlich?

Tykwer: Ich glaube, das Publikum reagiert nicht auf schnell oder langsam, sondern auf langweilig oder intensiv. Und dies ist ein intensiver Film, zumindest der Versuch. Es darf nur nicht anstrengend sein. Aber das kann ich selbst jetzt nicht beurteilen.

SPIEGEL ONLINE: Alle Ihre Filme handeln auffällig von Zufallsverkettungen, die extrem durchkonstruiert sind. Das ist ja nicht mehr ein Stilmittel, sondern schon eine Obsession.

Tykwer: Na ja, ich habe da eher ein dialektisches Konzept von Schicksal und Zufall und der Tatsache, wie sie sich gegenseitig beeinflussend in unser Leben schleichen. Jeder weiß, dass der Zufall einen großen Teil unseres Alltags einnimmt. Aber viele Kleinigkeiten, die man erst mal gar nicht wahrnimmt, stellen sich später als Urfunke eine Kettenreaktion heraus, die das Leben in eine ganz andere Richtung gebracht hat. So wie auch im Film eindeutig Sissis Unfall beschrieben wird, der durch viele Nebensächlichkeiten entsteht und Sissi schließlich dazu bringt, ihr Schicksal in die eigene Hand zu nehmen. Vorher war sie ja bar jeder Entscheidungskraft durchs Leben gewatschelt.

SPIEGEL ONLINE: Untersuchen Sie Ihr eigenes Leben auch auf solche Hinweise?

Tykwer: Wenn man sich überhaupt mit seiner Existenz beschäftigt, trifft man dauernd auf Momente, die man gewollt hat und die einem passiert sind. Man ist dem Schicksal sowieso ausgeliefert, kann aber kreativ mit ihm umgehen. Wenn man realisiert, wie Zufälle das Leben beeinflussen, wird jeder Moment um so wichtiger, weil ich mich vielleicht gerade für eine bestimmte Richtung oder Zukunft entscheide, ohne es zu wissen.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind seit "Lola rennt" mit Franka Potente liiert. Ist das Traumpaar des deutschen Films eine schicksalhafte Begegnung, die forciert wurde oder die einfach passiert ist?

Tykwer: Da ist eher so eine Seelenverwandtschaft, die man gegenseitig empfindet. Wohl auch, weil wir im selben Bereich arbeiten und so großes Verständnis für die Art des jeweils anderen haben. Bei der Exzessivität, in der Franka und ich arbeiten, braucht man eine ziemlich hohe Toleranzspanne, um sich gegenseitig aushalten zu können. Und die haben wir füreinander.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben gerade mit "Heaven" ein Drehbuch von Kieslowski verfilmt, das Ihnen von Miramax angeboten worden ist. Auch darin geht es um schicksalhafte Zufälle und Erlösung durch Liebe. Das Thema scheint Ihr Schicksal zu sein.

Tykwer: Ja, wirklich erstaunlich, es passt extrem. Dafür war ich sehr dankbar. Denn dieses Drehbuch hätte ich auch gerne geschrieben.



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