Interview zu "filmportal.de" "Wer Kino liebt, unterscheidet nicht zwischen E und U"

Pünktlich zur Berlinale wird am kommenden Freitag "filmportal.de", der weltweit größte Internetauftritt zum deutschsprachigen Film, live geschaltet. SPIEGEL ONLINE sprach mit Leiterin Claudia Dillmann über Kinokultur, Informationswirrwarr im Netz und den unsinnigen Unterschied von Ernst und Unterhaltung.


Filmportal-Chefin Claudia Dillmann: Das Medium ernst nehmen

Filmportal-Chefin Claudia Dillmann: Das Medium ernst nehmen

SPIEGEL ONLINE:

Frau Dillmann, wer bislang im Internet nach deutschen Filmen suchte, verhedderte sich in einer Fülle von Websites, unvollständigen Datenbanken und kostenpflichtigen Angeboten. Kann das Filmportal helfen?

Dillmann: Das Filmportal wird einen möglichst vollständigen Überblick über den deutschen Film von den Anfängen bis zur Gegenwart ermöglichen. Anders als beispielsweise die "Internet Movie Data Base" ("IMDB"; die Red.) stellen wir Daten aus unseren eigenen Beständen zusammen, recherchieren nach und verknüpfen sie miteinander. Was uns von der "IMDB" und anderen Datenbanken unterscheidet, ist die Möglichkeit einer vertieften Recherche. Wir wollen zum Staunen über Zusammenhänge animieren. Das Portal funktioniert nicht ausschließlich als Lexikon und Datenbank, sondern auch über die Texte, die wir zur Verfügung stellen. So bieten wir einen Mehrwert an Informationen und - ganz wichtig - an Kontexten.

SPIEGEL ONLINE: Wird der Spagat zwischen akademischen und wirtschaftlichen Interessen nicht zum Problem?

Dillmann: Es gab verschiedene Positionen, Wünsche und Anforderungen, die auch im Beirat diskutiert worden sind. Probleme würde ich das aber nicht nennen. Wir haben versucht, in der Konzeption auf viele dieser Wünsche einzugehen, weil wir annehmen, dass es auch die unserer zukünftigen Nutzer sind. Das Portal soll ja von verschiedenen Interessengruppen genutzt werden, von Laien, von der Branche, aber auch von Filmwissenschaftlern. Deshalb berücksichtigen wir in hohem Maß den aktuellen Film, präsentieren aber in dieser ersten Phase unter den 3000 ausführlich vorgestellten Filmen auch eine ausreichend große Zahl von historischen Werken.

SPIEGEL ONLINE: Wie wollen Sie gleichzeitig den Bully-Herbig-Fan und den Fassbinder-Aficionado anlocken?

Dillmann: Indem wir auch in der Auswahl der Texte auf die verschiedenen Nutzerprofile eingehen. Wir bieten Texte an, die allgemein verständlich sind, zugleich aber den Weg in eine höchst anspruchsvolle Auseinandersetzung mit dem jeweiligen Thema erlauben. Gestaffelte Informationstiefe und gestaffelte Komplexität von Informationen ist das Prinzip: Sie können Kracauer-Texte lesen oder ein einfaches Interview. Es bleibt dem Nutzer überlassen, welchen Zugang, welche Informationstiefe und Komplexitätsstufe er wählt.

SPIEGEL ONLINE: Mädchen, die von Daniel Brühl schwärmen, sind Komplexitätsstufen aber erst einmal egal. Für sie zählen Bilder, Biografisches, der Boulevard.

Dillmann: Darauf gehen wir ein. Wir werden bei Schauspielern und Regisseuren, von denen wir wissen, das sie eine bestimmte Fangemeinde haben, direkt auf die Fanseiten verlinken. Boulevard können wir in dem Sinne selbst nicht leisten, aber Fankultur ist überaus ernst zu nehmen. Die Liebe zum Kino oder zum Film entsteht ja häufig erst in der Pubertät - man schwärmt. Natürlich werden wir Material zu Daniel Brühl anbieten - eine Biografie, ein Porträt von ihm und für die Fans den Link zur Website.

SPIEGEL ONLINE: Kein bisschen elitäre Abgrenzung vom Mainstream der Multiplexe?

Filmportal-Internetseite (Screenshot): Gestaffelte Informationstiefe und Komplexität

Filmportal-Internetseite (Screenshot): Gestaffelte Informationstiefe und Komplexität

Dillmann: Nein, wir haben es ja mit Kino zu tun. Wer Kino liebt, unterscheidet nicht zwischen E und U. Natürlich hat jeder seine Vorlieben, aber wenn man das Medium ernst nimmt, dann ist alles von Bedeutung: die Unterhaltung wie die Reflexion, der Star wie der themenzentrierte Autor. Kino ist umfassend, das kleine No-Budget-Werk mit viel innovativer Energie gehört dazu ebenso wie der große Ausstattungsfilm.

SPIEGEL ONLINE: Es gibt unter den Filmdatenbanken auch hochwertige kommerzielle Angebote. Graben Sie denen nicht das Wasser ab?

Dillmann: Solche Bedenken existieren bei den privatwirtschaftlichen Anbietern durchaus, wobei es solchen Unternehmen vorrangig darum geht, Fachdaten, Brancheninformationen oder auch Infotainment bereit zu stellen, was gar nicht unserem Interesse entspricht. Außerdem gibt es für unsere Seite einen klar definierten kulturellen Anspruch, und der wird durch die öffentliche Hand gestützt und gefördert. Wo eine Zusammenarbeit mit kommerziellen Anbietern sinnvoll ist, sind wir dazu gerne bereit.

SPIEGEL ONLINE: Warum nicht mit Premiuminhalten etwas Geld dazu verdienen?

Bildersuche fürs Filmportal im Archiv des Deutschen Filminstituts: Einträge zu 30.000 Filmen geplant

Bildersuche fürs Filmportal im Archiv des Deutschen Filminstituts: Einträge zu 30.000 Filmen geplant

Dillmann: Generell wird es Gebühren auf unsere Inhalte nicht geben. Wir planen jedoch einen geschlossenen Bereich für Angebote, die entweder von den Herstellern selbst nicht kostenfrei abgegeben werden oder deren Lizenzen so teuer sind, dass wir sie uns nicht leisten können. Auch ein kostenpflichtiger wissenschaftlicher Bereich wäre denkbar, in dem beispielsweise Dissertationen, Statistiken und andere Forschungsmaterialien für einen sehr speziellen Nutzerkreis zugänglich gemacht werden.

SPIEGEL ONLINE: Das Filmportal soll unter anderem auch die kulturelle Bedeutung des deutschen Films im Ausland repräsentieren. Wie kann ein deutsches Internet-Projekt im Ausland Werbung treiben?

Dillmann: Indem Teile des Angebots auf Englisch erscheinen. Zum Teil in Übersetzungen, zum Teil in Form von Texten aus der englischsprachigen Presse und via englischsprachige Publikationen, unter die auch historische Untersuchungen fallen.

SPIEGEL ONLINE: Das Filmportal als eine Art filmisches Gütesiegel für deutsche Produzenten?

Dillmann: Nein, wir sind ja kein Amt mit einem Stempel. Aber es wird zahlreiche Filmschaffende geben, die sagen, wir wollen mit unserem Material bei euch vertreten sein, mit Fotos und Informationen. Die haben es dann leichter, ihren Geschäftspartnern zu zeigen, was sie bisher gemacht haben, wie sie von der Kritik aufgenommen worden sind. Vor allem für kleine Produktionen, die gar nicht das Geld haben, sich eigene große Auftritte im Netz zu leisten, ist das von Bedeutung. Außerdem generieren gut aufbereitete Informationen weiteres Interesse. Hier greift das Prinzip der Vernetzung: Von einem bekannten Film wie "Gegen die Wand" wird man bei uns zu Filmen kommen, die man vorher noch gar nicht kannte. Und natürlich wollen wir langfristig nicht nur Texte und Bilder zur Verfügung stellen, sondern mit Audio- und Videomaterial die Möglichkeiten des Netzes stärker nutzen. Bevor man lange erklärt, wie die Kamera-Ästhetik in den zwanziger Jahren ausgesehen hat oder wie sich Stumm- von Tonfilm unterscheidet, präsentiert man dann einfach einen Filmausschnitt.

SPIEGEL ONLINE: Alle reden von der Renaissance des deutschen Films. Gefällt Ihnen eigentlich, was aktuell an deutschen Produktionen im Kino läuft?

Internet-Seite von filmportal.de (Screenshot): Spagat zwischen Wissenschaft und Fankultur

Internet-Seite von filmportal.de (Screenshot): Spagat zwischen Wissenschaft und Fankultur

Dillmann: Der deutsche Film ist auf jeden Fall besser als sein Ruf. Die neuen Tendenzen, die Hinwendung zur sozialen Realität oder zu Problemen, die Jugendliche haben, sind überaus begrüßenswert. Es gibt eine neue Ernsthaftigkeit im deutschen Film, und zwar eine Ernsthaftigkeit, die gar nicht so ernst daher kommt, sondern - Beispiel "Muxmäuschenstill" - sich auf höchst gelungene Weise mit komischen, melancholischen oder skeptischen Aspekten verbinden kann.

SPIEGEL ONLINE: Kann filmportal.de solche Entwicklungen fördern?

Dillmann: Das weiß ich nicht. Aber begleiten wollen wir sie in jedem Fall - ob das jetzt das Kino der Migranten ist oder der neue Jugendfilm. Tendenzen auslösen können wir aber nicht, das können nur die Künstler selbst.

Das Interview führte Daniel Haas



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