IRA-Thriller "Shadow Dancer" Verrat oder Tod

In James Marshs hochspannender Romanverfilmung "Shadow Dancer" wird eine IRA-Terroristin zur Geheimdienstinformantin, aus Angst vor dem Gefängnis und um ihren kleinen Sohn. Aber Hass lässt sich nicht einfach abschalten.


Collettes kleiner Bruder musste sterben, weil sie selbst keine Lust hatte, ihrem Vater Zigaretten zu holen. Sie schickte den Kleinen los, und kurz darauf hörte sie draußen die Schüsse, nichts Ungewöhnliches im Belfast von 1973, wo IRA-Kämpfer und die britische Armee schon lange keine Gnade mehr für einander übrig hatten.

Aber eine Kugel traf Collettes Bruder, ein Querschläger aus der Waffe eines britischen Soldaten. Collette schwor Vergeltung, aus Hass gegenüber den Briten und sich selbst. Um etwas wieder gut zu machen, was nicht wieder gut zu machen ist.

Entschlossen zu töten

Deswegen steht sie 20 Jahre später in einer Londoner U-Bahn und hat eine Bombe in der Tasche. Sie ist nervös, aber entschlossen zu töten. Für ihre Familie, für ihren Bruder, für Irland und für sich selbst. Sie versucht die anderen Fahrgäste auszublenden, die Männer und Frauen und Kinder, die wegen ihr sterben werden. Ihr Blick ist kalt und fest, aber sie zittert, kaum merklich. Und je länger sie wartet, desto brüchiger wird das Eis in ihren Augen. Sie kann es nicht, wenigstens jetzt noch nicht. Sie muss die Bombe irgendwo loswerden. Abhauen, ohne von den Briten erwischt zu werden, und ohne dass die Kameraden merken, dass sie absichtlich versagt hat. Sie fürchtet um ihre Zukunft, viel mehr noch um die ihres kleinen Sohnes. Und dann stehen sie da, die Agenten vom britischen Geheimdienst. Collette weiß, dass sie von nun an nichts mehr richtig machen kann. Es ist vorbei. Alles. Und wieder war sie es, die es kaputt gemacht hat.

Diese beiden ersten Szenen aus James Marshs Thriller "Shadow Dancer" kommen fast ohne Worte aus und schaffen es trotzdem, ins Innerste einer Frau zu blicken, die vom normalen Menschen zur Terrorgefahr wurde; die sich gleichzeitig als treu sorgende Mutter wie als kampfbereite Patriotin verstehen will; die unbedingt loyal sein möchte und dabei alle verrät, die sie liebt. Der Geheimdienst stellt sie vor die Wahl: 25 Jahre Gefängnis oder zurück nach Hause, um Freunde und Familie auszuspionieren. Sie entscheidet sich für Letzteres. Auch wenn sie weiß, dass Freunde und Familie sie töten werden, wenn sie davon erfahren.

Viele Filme haben sich am Nordirland-Konflikt und am IRA-Terror abgearbeitet, auch einige brillante wie Steve McQueens "Hunger" und Jim Sheridans "Im Namen des Vaters", aber wahrscheinlich nie hat sich ein Regisseur dem Thema so nüchtern und mit so viel Distanz genähert wie der frühere Dokumentarfilmer James Marsh ("Man on Wire") es nach der Romanvorlage und dem späteren Drehbuch von Tom Bradby tut.

Weder Märtyrerin noch Monster

So einfach es wäre, die Terroristen als unentschuldbare Monstren abzutun oder Collette als tapfere Märtyrerin zu feiern, möchte sich "Shadow Dancer" nicht auf die eine oder die andere Seite stellen. Collette (Andrea Riseborough) wird versuchen, das Richtige zu tun, aber sie macht keine automatische Sinneswandlung durch, denn ihr Hass auf die Briten lässt sich so wenig abschalten wie die Liebe zu ihrem Sohn. Und Mac (Clive Owen), der nette und unbedingt integre Mann vom Geheimdienst, der Collette rekrutiert und ihr absoluten Schutz verspricht, weiß genau, dass er sie wahrscheinlich in ihr persönliches Verderben schickt. Den wirklich ehrenwerten guten Menschen gibt es in diesem Film so wenig wie den durch und durch schlechten.

Und was auch immer seinen beiden Helden zustößt - "Shadow Dancer" bewahrt mit abgeklärter Sachlichkeit seine trügerische Ruhe. Es gibt keine leidenschaftlichen Ansprachen, wie in solchen Filmen üblich, und auch keine großen melodramatischen Läuterungsmomente. Nur eine präzise und klar erzählte Geschichte, die unter der kühlen Lasur immer stärker vor Spannung brodeln wird, so dass man umso mehr auf die große Explosion wartet, die der Film ein ums andere Mal verweigert. Zumindest bis zum spektakulären Ende.

"Shadow Dancer" ist ein Film, der so unaufgeregt daher kommt, dass man fast nicht merkt, wie aufregend er wirklich ist. Fast.


Shadow Dancer. Start: 5.9. Regie: James Marsh. Mit Andrea Riseborough, Clive Owen, Gillian Anderson.



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insgesamt 4 Beiträge
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Seite 1
kraut55 05.09.2013
1. Bewertung
Bei IMDb nur 6.2
totalmayhem 05.09.2013
2.
Zitat von kraut55Bei IMDb nur 6.2
IMDB ist nicht der Weisheit letzter Schluss. Von 1-10 eher ne satte 7 meiner Ansicht nach. Bloss Gillian Anderson ist ein wenig fehl am Platz als als britische Geheimdienstlerin (wurde wohl mit Blick auf den amerikanischen Markt gecastet), das duerfte aber in der deutschen Synchro weniger ins Gewicht fallen.
curiouscat 05.09.2013
3. Bewertung von Kritikern
Bei Rotten Tomatoes 81%. Im Punktesystem der IMDB wären das 8.1 Die IMDB-Bewertung ist eine Publikumsbewertung, die von Rotten Tomatoes eine Kritikerbewertung. Logischerweise verhält es sich bei den Punkten für z.B. die Transformers-Filme genau andersrum. Die haben eine bessere Bewertung bei der IMDB. Du kennst immer die aktuellen DSDS Kandidaten, sagst miiisch statt mich, oder hast Pickel im Gesicht und Gel im Haar: check die IMDB wenn Du wissen willst ob ein Film gut für Dich ist! Du zählst Anwälte und Ärzte zu Deinem Freundeskreis, machst Wanderungen in Island statt Malle-Strandurlaub und nennst eine Originalitalienische Kaffeemaschine dein Eigen: check die Rotten Tomatoes!:)
ReinhardS. 05.09.2013
4. .
Ganz so deplaziert ist Gillian Anderson nicht in dieser Rolle, immerhin spielte sie schon Anfang 2013 in der BBC-Produktion 'The Fall' recht überzeugend eine britische Polizistin am mittlerweile sehr populären Drehort Belfast. Spricht einigermassen akzentloses (und damit vernünftiges) Englisch.
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