Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Iranische Filmemacher: "Fuck it - ich werde mich auf ihre Seite stellen"

Mit Ruhm gegen Repressionen: Seit dem "grünen" Protest in Iran setzt die bekannte Regisseurin Shirin Neshat ihren Namen ein, um Oppositionelle dort zu unterstützen. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview erzählt die in den USA lebende Künstlerin, wie ihr Filme, Facebook und Freundschaft dabei helfen.

SPIEGEL ONLINE: Frau Neshat, vergangenen Dienstag wurde Jafar Panahi freigelassen - gegen eine Kaution von 160.000 Euro. In Cannes hat das Festival täglich an die Inhaftierung des iranischen Regisseurs erinnert. Wie stehen Sie der Verhaftung und Freilassung Ihres Kollegen gegenüber?

Neshat: Ich bin mit Jafar Panahi gut befreundet. Er war einer der Ersten, der mir zum Silbernen Löwen für "Women without Men" gratuliert hat. Wir waren beide in der "Grünen Bewegung" sehr aktiv, er in Iran, ich in den USA. Nachdem man ihm dort seinen Pass abgenommen hat, standen wir in regelmäßigem Kontakt, per Telefon, E-Mail oder Facebook. Als er Anfang März verhaftet wurde, habe ich in den USA eine Unterschriftenaktion gestartet, die unter anderem von Robert Redford unterstützt wurde. In Frankreich wurde eine Petition für ihn initiiert, zusammen mit anderen New Yorkern waren wir diejenigen, die in den USA für seine Freilassung mobilisiert haben.

SPIEGEL ONLINE: Konnten Sie nach seiner Freilassung bereits mit Panahi sprechen?

Neshat: Gleich am Dienstag hat er mir ausrichten lassen, dass er mit mir reden will. Wir sind uns sehr nahe, da die "Grüne Bewegung" für uns beide eine Herzensangelegenheit ist. Jafar ist für mich ein echter Held: Er ließ sich auch in der Haft nicht brechen. Es ist nicht einfach, seine Haltung unter diesem Druck beizubehalten. Es hieß, er solle sich als Regisseur ausschließlich um Filmkunst kümmern und nicht so halsstarrig sein. Man warf ihm sogar vor, dass er die Situation ausnutze, um Aufmerksamkeit auf seine Person zu ziehen. Aber er hat wirklich Integrität bewiesen. Ich bin über seine Freilassung sehr glücklich.

Fotostrecke

3  Bilder
Shirin Neshat: "Schönheit kann als Waffe dienen"
SPIEGEL ONLINE: Schützt es Panahi, dass er so bekannt ist? In Cannes hatte man ostentativ einen Jury-Sessel für ihn freigehalten, auch Juliette Binoche hielt bei ihrer Ehrung sein Namensschild in die Kameras.

Neshat: Das half ihm unbedingt, dass er eine Berühmtheit ist. Daher würde Jafar sagen: "Unterstützt nicht mich, sondern die anderen Gefangenen. Sie sind alle genau so unschuldig!" Gerade habe ich einen Anruf erhalten, dass auch andere Verhaftete in Hungerstreik getreten sind, einer verweigert sogar das Trinken. Auch mein Co-Produzent Shoja Azari ist in New York aus Solidarität dem Hungerstreik beigetreten.

SPIEGEL ONLINE: Wie wird es für Panahi weitergehen? Sind Sie über seine weiteren Schritte oder eine eventuelle Ausreise im Bilde?

Neshat: Er hat noch viel durchzustehen, ihn erwarten noch zwei Gerichtsverhandlungen. Aber ich kenne ihn, er würde sich nie den geltenden Regeln beugen. Dass Panahi so hartnäckig bei seiner Meinung blieb, war der Regierung der größte Dorn im Auge. Daher bin ich mir sicher, dass er weitermacht. Für ihn gibt es einfach keine andere Option.

SPIEGEL ONLINE: Wogegen erhebt die Regierung denn Anklage?

Neshat: Es soll zwei Klagen gegen ihn geben, eine von der Behörde, die für Filmkontrolle zuständig ist, und eine vom Informationsministerium Ershad...

SPIEGEL ONLINE: ...der gefürchteten Zensurbehörde.

Neshat: Panahi hatte wohl vor, einen Film zu drehen, der die Islamische Republik stark kritisiert. Weitere Details sind mir nicht bekannt.

SPIEGEL ONLINE: Angeblich soll er mit dem Dreh nicht einmal begonnen haben.

Neshat: Natürlich sind die Vorwürfe gegen ihn erfunden, daran besteht kein Zweifel. Wie es weitergeht, ist unklar - auch für ihn. Ich könnte mir vorstellen, dass die Erfahrung der letzten Wochen ihn in seinem oppositionellen Engagement noch bestärkt haben. Zumal es einmal schon geklappt hat: Er ist in Hungerstreik getreten, daraufhin hat man ihn freigelassen. Dass ich das so deutlich sage, wird ihm nicht schaden. Denn ich bin davon überzeugt, dass er für die iranische Regierung kein einfaches Angriffsziel ist.

Diesen Artikel...
Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 66 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
GWM, 06.06.2010
Zitat von sysopMit Ruhm gegen Repressionen: Seit dem "grünen" Protest in Iran setzt die bekannte Regisseurin Shirin Neshat ihren Namen ein, um Oppositionelle dort zu unterstützen. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview erzählt die in den USA lebende Künstlerin, wie ihr Filme, Facebook und Freundschaft dabei helfen. http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,698013,00.html
Mal wieder eine inszenierte Farbrevolution. Nach dem großen "Erfolg" der farbigen Umstürze in Georgien, der Ukraine, ... sollte man etwas weniger enthusiastisch auf von außen gesteuerte "Volks"aufstände reagieren.
2. Genau so ist es
zappa99 06.06.2010
Zitat von GWMMal wieder eine inszenierte Farbrevolution. Nach dem großen "Erfolg" der farbigen Umstürze in Georgien, der Ukraine, ... sollte man etwas weniger enthusiastisch auf von außen gesteuerte "Volks"aufstände reagieren.
Ja genau, und Evin ist eine Universität. Das sagen ja sogar die "Gefangenen" vor laufender Kamera, dann muss es also stimmen.
3. Ich hätte nicht den Mut der Opposition
Arne11 06.06.2010
Zitat von sysopMit Ruhm gegen Repressionen: Seit dem "grünen" Protest in Iran setzt die bekannte Regisseurin Shirin Neshat ihren Namen ein, um Oppositionelle dort zu unterstützen. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview erzählt die in den USA lebende Künstlerin, wie ihr Filme, Facebook und Freundschaft dabei helfen. http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,698013,00.html
Ich sage mal etwas was sehr selten gesagt wird. Ich hätte nicht den Mut der Opposition auf die Strasse zu gehen, ich würde nicht mein Leben riskieren, ich verstecke mich sogar im Internet lieber hinter Nicknames wenn ich den Iran kritisiere (Mina Ahadi bekommt vom iranischen Geheimdienst in Deutschland Drohungen). Leider gibt es immer wieder Menschen die einem warmen Sessel heraus behaupten 'sie hätten damals Widerstand geleistet'. Grüsse, Arne
4. Ach ja.
lieschen-mueller 06.06.2010
Zitat von GWMMal wieder eine inszenierte Farbrevolution. Nach dem großen "Erfolg" der farbigen Umstürze in Georgien, der Ukraine, ... sollte man etwas weniger enthusiastisch auf von außen gesteuerte "Volks"aufstände reagieren.
Ach ja. Wenn Sie in einem Land leben würden, indem es keine politische Freiheit gibt, in dem man für seine Meinungsäußerung unter Umständen mit dem Leben bezahlen muss und in dem außerdem auch noch so ziemlich alles verboten ist, was Spaß macht - da müsste erst jemand von außen kommen, der Sie auf die Idee bringt, dass die Zustände geändern werden müssen? Sie sollten nicht von sich auf andere schließen.
5.
Saudi-Arabien 06.06.2010
Zitat von lieschen-muellerAch ja. Wenn Sie in einem Land leben würden, indem es keine politische Freiheit gibt, in dem man für seine Meinungsäußerung unter Umständen mit dem Leben bezahlen muss und in dem außerdem auch noch so ziemlich alles verboten ist, was Spaß macht - da müsste erst jemand von außen kommen, der Sie auf die Idee bringt, dass die Zustände geändern werden müssen? Sie sollten nicht von sich auf andere schließen.
Was genau ist denn alles im Iran, was Spaß macht, verboten? Soviel ich weiß gibt es dort mehrere Kinos und Theater. Vielleicht verwechseln Sie das mit Saudi-Arabien, denn dort gibt es keine Kinos bzw. Theater, oder wenn es doch welche gibt, dann nur sehr sehr wenige.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Zur Person
Shirin Neshat, 53, gehört mit ihren Fotografien und Videoinstallationen zu den wichtigsten Vertreterinnen der zeitgenössischen Kunst. Dabei hat sich die gebürtige Iranerin, die seit 1976 in den USA lebt, immer mit der Lage von Frauen in der muslimischen Welt auseinandergesetzt. Jetzt hat sich Neshat erstmals einem neuen Medium zugewandt: dem Film. Ihr Debüt "Women Without Men" wurde beim Filmfestival in Venedig mit dem Silbernen Löwen ausgezeichnet - in unsere Kinos kommt er am 1. Juli.

Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: