Iranischer Regisseur Farhadi "Ich habe bisher Glück gehabt"

Für das Beziehungsdrama "Nader und Simin" erhielt der Iraner Asghar Farhadi den Goldenen Bären der Berlinale, jetzt kommt sein Film ins Kino. Im Interview spricht er über Konflikte mit dem Regime, Schlupflöcher in der Zensur - und erzählt, warum er trotz allem froh ist, in Teheran zu leben.

AP

SPIEGEL ONLINE: Herr Farhadi, welche Bedeutung hatte der Goldene Bär für Sie?

Farhadi: Dass sich Zuschauer in aller Welt, die die iranische Gesellschaft nicht kennen, meinen Film anschauen und Vergleiche zu ihrer eigenen Welt ziehen - das ist das größte Geschenk, das man mir mit dem Preis gemacht hat.

SPIEGEL ONLINE: Selten hat ein Film gleich drei Bären davongetragen und eine Preisverleihung so viel Zustimmung erhalten. Hat die Wucht der einhelligen Begeisterung Sie erstaunt?

Farhadi: Ich wollte mich in Berlin gar nicht erst in den Gedanken versteigen, möglicherweise einen Preis zu bekommen. Aber die Resonanz war sofort nach der Vorführung gewaltig. Dennoch hielt ich höchstens einen Preis fürs Drehbuch oder einen der Schauspieler für möglich, nicht aber den Goldenen Bären für den besten Film und noch zwei für die besten Hauptdarsteller.

SPIEGEL ONLINE: Hat die iranische Regierung in irgendeiner Weise auf Ihre Auszeichnung reagiert?

Farhadi: Nein, das habe ich auch nicht erwartet. Dass das Publikum so wohlwollend und warm auf meinen Film und mich reagiert hat, war für mich völlig ausreichend. Denn direkt nach der Berlinale, im März, konnte "Nader und Simin" in den iranischen Kinos anlaufen. Er war bis vor wenigen Wochen zu sehen und war einer der publikumsreichsten Filme der letzten Jahre.

SPIEGEL ONLINE: Ihr Film ist sehr kritisch. Wie haben Sie es geschafft, diesen Film nicht nur zu drehen, sondern ihn von der Zensurbehörde genehmigt zu bekommen und regulär in den Kinos des Landes zu zeigen?

Farhadi: Indem ich in meinem Film keine Postulate abgebe, keine Behauptungen aufstelle oder Antworten gebe, sondern nur Fragen stelle. Darum durfte der Film offiziell gezeigt werden. Die Zuschauer gehen mit vielen Fragezeichen aus dem Kino und können zu Hause anfangen, für sich Antworten auf diese Fragen zu finden.

SPIEGEL ONLINE: Aber auch das Fragenstellen kann in Iran schon zum Sündenfall werden, man denke an Ali Samadi Ahadis Film "Wo ist meine Stimme?"

Farhadi: Ich bin 40 Jahre alt und bin in Iran groß geworden. Für Menschen wie mich ist es normal, mit Beschränkungen und Eingrenzungen konfrontiert zu sein. Sie sind ein fester Bestandteil unseres Lebens, und wir haben gelernt, mit ihnen umzugehen.

SPIEGEL ONLINE: Mit ihnen umzugehen? Oder sie zu umgehen?

Farhadi: Sagen wir so: Wenn man ihnen nicht gewachsen wäre, dürfte man gar nicht arbeiten. Wir Filmemacher haben gelernt, wie wir selbst aus den kleinsten Schlupflöchern die größten Vorteile für uns herausholen können.

SPIEGEL ONLINE: Die Grüne Bewegung hat gezeigt, wie leidenschaftlich, gewaltfrei, aber auch findig Iraner sind, wenn es darum geht, für Freiheit zu kämpfen. Ihre Methode, Handys, Blogs und YouTube statt Waffen einzusetzen, hat in Nordafrika Nachahmer gefunden.

Farhadi: Ich bin sehr froh, in genau diesem Land geboren zu sein. Ich kann mir nicht vorstellen, in einem ruhigen Land zu leben, wo ich nicht dauernd mit neuen Widrigkeiten konfrontiert wäre. In der Schweiz wäre ich wohl kein guter Filmemacher geworden.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie denn immer damit gerechnet, dass Ihr Film in Ihrer Heimat gezeigt werden darf?

Farhadi: Nun, ich hielt es für nicht unwahrscheinlich, dass es Schwierigkeiten gibt. Aber ich habe mir größte Mühe gegeben, dass der Film in Iran laufen kann. Sonst wäre es für mich so gewesen, als hätte ich gar keinen Film gemacht und hätte ihn auch nicht im Ausland zeigen wollen. Daher habe ich all meine Energie dafür aufgewendet, dass der Film, an den ich glaube, unbeschadet seinen Weg auf die Leinwand findet. Das ist ein schwieriger Weg. Und die Modalitäten, wie Filmmacher das trotz aller Widrigkeiten schaffen, möchte ich gar nicht erläutern. Wenn wir zu viel über diese Wege verraten, können wir sie nicht mehr nutzen.



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